Zeitreise mit Seekarten

Die Welt und das Meer - eine Ausstellung im Haus der Wissenschaft

163 Etappen bis Australien: Schwarz-weiß-rote Fähnchen markieren die Reiseroute des Dampfers „Thüringen“.
+
163 Etappen bis Australien: Schwarz-weiß-rote Fähnchen markieren die Reiseroute des Dampfers „Thüringen“.
  • Jörg Esser
    vonJörg Esser
    schließen

Bremen – Meereskarten sind Zeitzeugen. Und Quellen, die den Globalisierungsprozess dokumentieren. Zunächst einmal aber sind Meereskarten ein Mittel zum Zweck, die Welt zu entdecken, zu sortieren und aufzuteilen. Dass Meereskarten zugleich spannend sind, zeigt die Wanderausstellung „Karten Wissen Meer. Globalisierung vom Wasser aus“, die ab jetzt drei Monate lang im Haus der Wissenschaft an der Sandstraße zu sehen ist.

„Navigare necesse est“ – Seefahren tut not, soll schon der römische Feldherr Pompejus gesagt haben. Christoph Kolumbus entdeckte 1492 Amerika. Die europäischen Staaten griffen nach der Neuen Welt. Das Zeitalter des Kolonialismus begann. Das Wissen über andere Kontinente wuchs. Und nicht zuletzt Karten rückten die Meere in den Mittelpunkt des Welthandels. „Erst die Meere verbinden den imperialen Raum zu einer Einheit“, sagt der Projektkoordinator Dr. Felix Schürmann vom Forschungszentrum Gotha.

Die Ausstellung „Karten Wissen Meer“ dokumentiert anhand von rund 40  See- und Meereskarten aus dem Fundus des Deutschen Schifffahrtsmuseums Bremerhaven (DSM) sowie der Verlagssammlung Perthes im thüringischen Gotha, wie das Kartenmachen und das Kartenlesen den Blick der Menschen auf die Meere geprägt und verändert hat. Der Meereskartografie kommt bei der Intensivierung des globalen Schiffsverkehrs und bei der Herausbildung eines Globalbewusstseins eine Schlüsselrolle zu. „Die Karten dokumentieren das Zusammenwachsen der Welt im späten 18. und 19. Jahrhundert“, sagt Dr. Frederic Theis, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DSM und Kurator der Ausstellung.

Meereskarten aus dem Kaiserreich

Ein Ausstellungsstück ist eine Meereskarte aus dem Kaiserreich. Mit schwarz-weiß-roten Fähnchen sind darauf die Tagesstrecken der Reiseroute des auf der Bremer Werft AG Weser gebauten „Thüringen“ markiert: 28 791 Seemeilen legte der Dampfer auf dem Weg nach Australien in 163 Etappen im Jahr 1911 zurück.

Auf der um 1780 entstandenen „Carte de l’Hemispère Austral“ ist die Strecke zu sehen, die der Brite James Cook etwa zehn Jahre zuvor rund um die Antarktis zurückgelegt hatte. Die Südpolarregion war bis dato nahezu unerforscht. Cooks Reise widerlegte die Vermutung, dass es am Pol eine große Landmasse gibt. Die „deutsche Seekarte Nr. 1“ aus dem Jahre 1878 ist zu sehen, die laut Theis auf „statistischen Werten Zehntausender von Logbüchern basiert“. Eine andere Karte zeigt, wie die Europäer „Hoheitsansprüche artikulierten“, sagt Theis. „Die Kartografie übernimmt einen großen Schritt in Richtung politischer Präsenz.“ Die Karte eines Londoner Auswanderungsagenten aus dem Jahr 1861 zeigt, dass viele Europäer ihre Heimat verließen und das Glück auf der anderen Seite des großen Teichs suchten. „Karten schufen Voraussetzungen für Fernmigration“, so Schürmann. Eine andere Karte zeigt die Auswirkungen der Eröffnungen des Suez-Kanals (1869) und Panamakanals (1914) auf die Disponierung der Reiserouten in der Schifffahrt und damit auf den globalen Handel.

Jules Verne und der „Samoa-Vertrag“

Die Ausstellung rückt in mehreren Modulen auch die Menschen in den Fokus: Seeoffiziere, Reeder, Wissenschaftler, Kartografen. „Seekarten und Kursbüchern offenbaren viel von den persönlichen Erlebnissen der Seeleute“, sagt Theis. Ein Seeatlas, 1884 erstmals von Justus Perthes verlegt, zeigt die ganze Welt im Taschenbuchformat. So wurde eine „Weltreise im Lehnstuhl“ möglich.

Jules Verne taucht mit seiner 80-tägigen Reise um die Welt auf. Und auch der „Samoa-Vertrag“ von 1899 wird skizziert, mit dem die politischen Hoheitsrechte in Polynesien festgelegt wurde.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt des DSM, des Forschungszentrums Gotha sowie der Universitäten Erfurt und Bremen. Die Ausstellung „Karten Wissen Meer“ ist bis zum 17. Oktober im Haus der Wissenschaft an der Sandstraße 4 zu sehen – und zwar montags bis freitags jeweils von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Anschließend wandert die Schau weiter – zunächst zum Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) nach Bremerhaven, dann nach Gotha.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Aromenvielfalt im Gin-Glas

Aromenvielfalt im Gin-Glas

Der Audi E-Tron S kämpft gegen Kräfte der Physik

Der Audi E-Tron S kämpft gegen Kräfte der Physik

Schüsse vor Weißem Haus: Trump unterbricht Pressekonferenz

Schüsse vor Weißem Haus: Trump unterbricht Pressekonferenz

Heiß und gewittrig: Deutschland schwitzt weiter

Heiß und gewittrig: Deutschland schwitzt weiter

Meistgelesene Artikel

Zwei Bremer Messen mit viel Platz

Zwei Bremer Messen mit viel Platz

Fürs Abwracken fehlen Bremen drei Millionen Euro

Fürs Abwracken fehlen Bremen drei Millionen Euro

Der Blick hinter die Fassade

Der Blick hinter die Fassade

Trio bewirft Obdachlosen mit Gullydeckel

Trio bewirft Obdachlosen mit Gullydeckel

Kommentare