Amoklauf an Bremer Schule vor 100 Jahren: Wie konnte sich der Täter mit 1000 Schuss Munition eindecken?

„Die unruhigen Augen des Massenmörders“

Bremen - Sie galt als Bremens erste Mietskaserne, die „Wartburg“, das Haus an der Waller Wartburgstraße 84. Die sechsjährige Elfriede Höger lebte hier mit ihren Eltern, sie das einzige Kind. Vor 100 Jahren, am Morgen des 20. Juni 1913, wird sie von ihrer Mutter ermahnt worden sein, gut auf sich aufzupassen und das Pausenbrot aufzuessen.

Dann trabte sie los zum Unterricht, nur einen Katzensprung liegt die katholische Sankt-Marien-Schule entfernt. Elfriede Höger hat ihre Mutter nie wieder in die Arme schließen können. Elli, wie sie von allen genannt wurde, gehört zu den fünf Kindern, die vor hundert Jahren im Kugelhagel starben. Der arbeitslose Lehrer Ernst-Friedrich Schmidt war mit mehr als einem halben Dutzend Pistolen und mit rund tausend Schuss Munition in die Schule eingedrungen, und hatte wild um sich geschossen.

Der Amoklauf, einer der ersten in der Geschichte an einer Schule, hatte eine ganze Stadt in Anteilnahme versetzt. Beim Trauergottesdienst vier Tage nach der Tat standen die kleinen Särge nebeneinander vor dem Altar der Sankt-Marien-Kirche aufgereiht, Pastor Hardinghaus fand ergreifende Worte. „Krieg und menschliche Mordlust machen in der Regel halt vor unschuldigen Kindern, hier sind gerade sie als Opfer gefallen.“ Lehrer der Schule trugen die Särge zu bereitstehenden Leichenwagen. Unter schweren Regenwolken setzte sich ein endlos erscheinender Trauerzug, so der damalige Chronist, zum Waller Friedhof in Bewegung, Der Weg dieses Zuges war schwarz von Menschen, die mit den Angehörigen in ihrer Trauer vereint waren. Als Generalvikar Harling an den Gräbern die letzten Worte sprach, gingen starke Regenschauer auf die Trauernden nieder und verstärkten noch die Trostlosigkeit des Abschiednehmens.

Derweil förderten die Zeitungen beinahe täglich neue Details ans Licht. Der 30-jährige Täter aus dem mecklenburgischen Sülze, der in manchen Quellen auch Erich Schmidt heißt, habe den Anschlag im wahnhaften Hass auf die Jesuiten verübt, die er in mehreren Briefen auch für sein persönliches Scheitern verantwortlich machte. Nach der Tat musste er nicht nur von Polizeikräften mit gezogenem Säbel geschützt werden, er wanderte, so heißt es, schnurstracks „in die Irrenanstalt Ellen“, wo er 1926 starb. Schon vor dem Amoklauf habe er wegen eines Nervenleidens eine Stelle als Lehrer aufgegeben und sei in ein Sanatorium gekommen. Schmidt war vom leitenden Arzt in Ellen eingehend untersucht worden. Ergebnis: Es könne mit Gewissheit festgestellt werden, er sei „wahnsinnig“, heißt es in der Expertise. Eine gerichtliche Verfolgung der Tat sei deshalb auszuschließen.

In der Tat wurden Jesuiten im protestantischen Norden höchst skeptisch beäugt. Der Bremer Kirchenhistoriker Wilhelm Tacke, gleichzeitig Lehrer und später Leiter der Sankt-Marien-Schule, verweist auf einen Leitartikel einer Bremer Zeitung von 1865, in der diese Tendenzen deutlich werden. Von Reisepredigern ist da bezüglich Jesuiten die Rede und von römischer Propaganda, kurz: von Vorurteilen. Zusätzlich angeheizt wurden die Ressentiments durch die Zuwanderung nach Bremen im ersten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts. Der Anteil der Katholischen Bevölkerung Bremens wuchs damals auf mehr als zehn Prozent. Walle galt im Volksmund als „katholischer Pudding“ oder wahlweise auch als „Vatikan“.

Andererseits trug ausgerechnet der Amoklauf zu einer Versöhnung beider Konfessionen bei. „Die ganze Stadt war in der Trauer vereint,“ sagt Kirchhistoriker Tacke. Und gut möglich, dass dieser Umstand ein wenig auch dazu führte, dass der Amoklauf in Vergessenheit geriet. Die Waller Schule, an der das Unfassbare geschah, sie hatte genug damit zu tun, ihren Fortbestand im Wettbewerb mit staatlichen Schulen zu sichern. Der Amoklauf hätte womöglich abschreckend gewirkt.

Die Bremer Zeitungen indes beschäftigten sich an jenen Tagen im Jahr 1913 mit handfesten Fakten, und dazu gehörten nicht nur Täter und Opfer, dazu gehörte auch die Polizei. „Bei der Besprechung des Attentats wird immer wieder die Frage laut, woher Schmidt die vielen Revolver und Patronen haben mochte. So viel scheint festzustehen, dass er nicht alles auf einmal und nicht alles an einer Stelle gekauft hat. Denn wir hören, dass bereits vor etwa acht Wochen ein Mann, dessen Beschreibung auf Schmidt zutrifft, auffallend viele Patronen in einem Waffenladen in der Altstadt gekauft habe. Dem Inhaber kamen die unruhigen Augen des Mannes verdächtig vor, weshalb er der Kriminalpolizei von seinen Beobachtungen Mitteilung machte. Er habe dabei anheim gegeben, seiner Verkäuferin gelegentlich einen Beamten mitzugeben, da sie dem betreffenden Manne häufiger begegne, wenn sie vom Bahnhofe komme. Es ist noch nicht unbedingt erwiesen, dass dieser betreffende Mann Schmidt gewesen ist; die Beschreibung stimmt allerdings.“

Schmidt hatte bei seinem Überfall auf die Schule eine ganze Aktentasche mit Munition vollgestopft. Da der Platz nicht ausreichte, so die Ermittlungen, habe er weitere Patronen unter anderem in den Socken verstaut. Insgesamt 80mal feuerte er an jenem späten Vormittag in die Menge. Fünf Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren starben.

Monatelang litt auch der „vergessene Held“ unter dem Amoklauf, der Lehrer Hubert Möllmann, der sich dem Massenmörder mutig in den Weg gestellt und ihn trotz zweier Schussverletzungen überwältigt hatte. Möllmann war ins Sankt-Josef-Stift eingeliefert worden, sein Leben stand auf des Messers Schneide. In einer Schulchronik aus den frühen Nachkriegsjahren heißt es: „Es ist fast unglaublich, dass der Patient den ganzen Vorgang, den Bauchschnitt, die Reinigung der Bauchhöhle, das Vernähen der zerschossenen Därme und Blutbahnen, ohne Narkose überstand.“ Zehn Monate nach der Tat nahm Möllmann seinen Dienst in der Schule wieder auf – trotz einer im Körper verbliebenen Kugel.

Das könnte Sie auch interessieren

Vor EU-Gipfel: Harter Brexit "wahrscheinlicher denn je"

Vor EU-Gipfel: Harter Brexit "wahrscheinlicher denn je"

Fall Chaschukdschi: Pompeos Krisentreffen in Saudi-Arabien

Fall Chaschukdschi: Pompeos Krisentreffen in Saudi-Arabien

Australien im Baby-Fieber: Harry und Meghan umjubelt

Australien im Baby-Fieber: Harry und Meghan umjubelt

Tatort Hauptbahnhof Köln: Polizei prüft Terror-Hintergrund

Tatort Hauptbahnhof Köln: Polizei prüft Terror-Hintergrund

Meistgelesene Artikel

Leiche in Gröpelingen gefunden

Leiche in Gröpelingen gefunden

250-Kilo-Bombe erfolgreich entschärft

250-Kilo-Bombe erfolgreich entschärft

Ohne Fahrerlaubnis: Mann fährt Familie an und flüchtet

Ohne Fahrerlaubnis: Mann fährt Familie an und flüchtet

„Kaufhaus des Westens“ im Herzen von Walle ist „verschwunden“

„Kaufhaus des Westens“ im Herzen von Walle ist „verschwunden“

Kommentare