Virtuelle „Nacht der Jugend“ in Bremen mit Zeitzeugen und Musik

Die Sorgen wegtanzen

Einschusslöcher an der Tür zur Synagoge in Halle (Sachsen-Anhalt). Bei der „Nacht der Jugend“ in Bremen berichtete eine Zeitzeugin – sie war während des Anschlags in der Synagoge.
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Einschusslöcher an der Tür zur Synagoge in Halle (Sachsen-Anhalt). Bei der „Nacht der Jugend“ in Bremen berichtete eine Zeitzeugin – sie war während des Anschlags in der Synagoge.

Bremen – Christina Feist war zum Zeitpunkt des Attentats von Halle am 9. Oktober 2019 in der Synagoge, in die einzudringen dem Täter trotz brachialer Gewalt zum Glück nicht gelang. Sie ist eine der Zeitzeugen, die bei der Bremer „Nacht der Jugend“ unter dem Motto „Solidarity now“ (Solidarität jetzt) ihre Erlebnisse schildert – in diesem Jahr wegen Corona als Livestream.

Feist berichtet, dass sich die Besucher der Synagoge teilweise aufgrund von Sprachschwierigkeiten nicht miteinander verständigen konnten, sich aber dennoch halfen. Auch sie zeigte Solidarität, indem sie mit Hilfe der Jüdischen Studenten Union eine Fundraising-Kampagne für den Besitzer des Dönerladens startete, an dem der Attentäter mordete.

„Nacht der Jugend“ in Bremen: Musik-Video aus Huchting

Blättern wir virtuell zu einem weiteren Beitrag um: Jugendliche benennen in Videos und auch in Songs, was sie bewegt. Und das Ganze wirkt durchaus hoffnungsfroh. Sänger Molley, Ex-Bremer und aktuell Kölner, spendet Trost: „So ist es, aber so muss es nicht bleiben.“ Die jungen Tänzer der „Quartier Dance Company“ zeigen auf Schildern Begriffe, die mit einem guten Leben zusammenhängen: Gesundheit, Gemeinschaft oder auch Freundschaft. „Tanz die Sorgen weg“ steht auf einem Schild, das schließlich ein Mädchen zeigt.

Das Musik-Video „Mensch“, produziert vom Schulverein Hermannsburg und dem Jugendfreizeitheim Huchting, zeigt Kriegs- und Gewaltszenerien, aber auch Umweltverschmutzung. Eindrücke aus den Nachrichten, Schüsse, Flucht und riesige Inseln von Plastik im Meer sind Themen des Songtextes, aber auch der Wunsch, Hand in Hand zu gehen.

Ein Videogruß aus New York sorgt für historische Schwere. Die 96-jährige Inge Berger (geborene Katz), KZ-Opfer aus Bremen, äußert einen Wunsch an die Jugend. „Ich wünsche mir, dass Ihr die Menschen heute so behandelt, wie Ihr selbst behandelt werden wollt.“ Sie weiß, was Diskriminierung und das Fehlen von Solidarität bedeuten. Ein Foto ihres Kinderausweises von 1939 wird gezeigt. Er ist „ungültig“ gestempelt. Der Name „Sara“ wurde eingefügt, um zu zeigen, dass sie Jüdin ist. In ihrer Schule wird die 1924 in Bremen geborene Teenagerin in die letzte Reihe verfrachtet. Schließlich landet sie im Konzentrationslager Theresienstadt, wo sie genau dokumentiert, wer wann gestorben ist, wie die Zuschauer erfahren.

„Nacht der Jugend“ in Bremen: Herzliche Grüße aus Frankreich

Einen ausgesprochen herzlichen Gruß aus Frankreich sendet Gilles Chabrier, Bürgermeister des Ortes Murat, wo 1944 nahezu alle Männer im wehrfähigen Alter deportiert wurden, viele mussten beim Bau des Bunkers „Valentin“ in Bremen-Farge mithelfen. Etliche starben. Im vergangenen Jahr waren Schüler aus Murat bei der „Nacht der Jugend“ in Bremen. „Unser Kontinent war in der Vergangenheit oft Schauplatz von Kriegen, und diese Vergangenheit fordert von uns eine große Wachsamkeit gegenüber populistischen und nationalistischen Bewegungen, die in Deutschland, Frankreich und ganz Europa erstarken“, sagt Chabrier. „Paradoxerweise haben die Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg dazu geführt, dass wir nun einen zukunftsorientierten Austausch zwischen unseren zwei Städten haben.“

„Nacht der Jugend“ in Bremen: Videobotschaft aus Hanau

Tief beeindruckend ist eine Videobotschaft von Cetin Gültekin, Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin aus Hanau. „So einen Verlust und Schmerz wünsch" ich nicht einmal meinen Feinden“, sagt er. Er sendet solidarische Grüße und sagt, man müsse auch 82 Jahre nach der Reichspogromnacht an der Seite der Opfer stehen. „Wir müssen unsere Stimme für eine Gesellschaft mit Toleranz, Zusammenhalt und Zivilcourage erheben“, sagt er. Während des Videos, gedreht an einer Baustelle, schwenkt die Kamera über Bilder der Opfer.

Die „Nacht der Jugend“ im Bremer Rathaus findet seit 1998 unter dem Leitmotto „Unsere Zukunft hat Geschichte“ zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht 1938 statt.

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