Neuinszenierung des Musicals „Linie 1“ feiert Premiere im „Kult“

„Die Luft von Berlin“

Bisi (Paloma Klose, l.) und das Mädchen (Sara Dähn) freunden sich an. ·
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Bisi (Paloma Klose, l.) und das Mädchen (Sara Dähn) freunden sich an. ·

Bremen - Von Nina SeegersMit Graffiti beschmierte Kachelwände, ein heruntergekommener Imbiss und grelles Neonlicht – in der U-Bahn-Station „Zoologischer Garten“ herrscht eine deprimierende Atmosphäre. Zwischen Punks, Obdachlosen, Skatern und Büroleichen singt ein junges Mädchen mit staunend großen Augen: „Früh am Morgen in einer fremden Stadt (...) Wahnsinn, das isse, die Luft von Berlin...“

Das Mädchen (Sara Dähn) passt in seinem braven Outfit – Bambi-T-Shirt und rosafarbene Strickjacke – so gar nicht zu den anderen Leuten, die an der U-Bahn-Station herumlungern. Es ist ein wohlsituiertes Naivchen vom Lande und zum ersten Mal in Berlin, um seinen Freund und Rocksänger Johnnie zu suchen. Völlig überfordert von der fremden Großstadt und den vielen Menschen, versucht es auf eigene Faust, mit der U-Bahn-Linie 1 nach Kreuzberg zu fahren, wo Johnnie angeblich wohnt. „Schlesisches Tor, zurückbleiben bitte“, ertönt eine Lautsprecherdurchsage, bevor sich die Türen schließen. Im Chor singen die Passagiere gemeinsam „Die Tür schnappt zu, der Zug fährt ab. Zurückbleiben und warten.“

Die U-Bahn-Fahrt entpuppt sich für das Mädchen vom Lande bald als eine Odyssee, nachdem es feststellen muss, dass Johnnies Adresse gar nicht existiert und es nicht weiß, wo es nach ihm suchen soll. Und so fährt es stundenlang in der „Linie 1“ zwischen der gutbürgerlichen Innenstadt und dem proletarischen Kreuzberg hin und her und trifft dabei auf Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus. Sie alle sind von der Gesellschaft Verstoßene – Freaks, Verrückte, Gescheiterte, Alte, Kranke und Verklemmte. Resignierte, einsame Seelen, die im Dschungel der Großstadt auf der Suche nach Sinn, Anerkennung und Liebe sind.

„Linie 1“ zählt seit seiner Uraufführung 1986 im Berliner Grips-Theater zu den erfolgreichsten deutschen Musicals. Der gleichnamige Film von Reinhard Hauff kam 1988 in die westdeutschen Kinos. Mit der neuen Inszenierung für das „Kult“ (ehemaliges Waldau Theater) ist der Regisseurin Barbara Begerow und dem musikalischen Leiter Thomas Blaeschke ein mitreißendes Musical gelungen, das wie im Original mal sozialkritisch, mal kabarettistisch und dann wieder zum Weinen schön ist. Im Gegensatz zur ursprünglichen Fassung des Bühnenstückskommt diese Variante mit knapp zweieinhalb Stunden aus. Die Musicaldarsteller überzeugen am Premierenabend allesamt in mit ihrem gesanglichen, tänzerischen (Choreographie: Bernd Lanzke) und schauspielerischen Talent. Es ist offensichtlich, dass sie alle großen Spaß dabei haben, in die vielen unterschiedlichen und extremen Charaktere zu schlüpfen. Das Bühnenbild (Roland Wehner), das immer wieder zwischen schmuddeliger U-Bahn-Sstation und dem Inneren eines Fahrwagens wechselt, stellt die Atmosphäre der vorherrschenden sozialen Kälte und Anynonymität in der Großstadt heraus.

„Linie 1“ läuft bis Anfang Juni mehrmals im Monat im „Kult“. Die Karten kosten von 22 bis 46 Euro.

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