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Die lebendig erzählte Geschichte der Bremer Werft AG „Weser“

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Von: Thomas Kuzaj

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Schiff auf „Schlitten“: Stapellauf des Frachtmotorschiffs „Lica Maersk“ auf der Werft AG „Weser“ im Jahr 1956.
Schiff auf „Schlitten“: Stapellauf des Frachtmotorschiffs „Lica Maersk“ auf der Werft AG „Weser“ im Jahr 1956. © Sammlung Use Akschen

Bremen – Die Historie der Werft AG „Weser“ – neu dargestellt. In ihrem üppig illustrierten Buch „Stahlschnitt – Schweißer – Stapellauf“ erzählt die Bremer Autorin, Moderatorin und Künstlerin Frauke Wilhelm „Geschichten von der Arbeit“ auf der Gröpelinger Werft, wie es im Untertitel heißt. Sie lässt etliche Zeitzeugen zu Wort kommen.

Das Ende der Werft, die über Jahrzehnte auch identitätsstiftend wirkte, ist in Bremen nicht vergessen. Der Schock von 1983 wirkt nach. Die Werft habe man „mutwillig kaputtgehen lassen“, darüber schimpfen etliche Gröpelinger noch heute. Die Belegschaft sei „belogen und betrogen worden“, heißt es im Buch. Mit vielen Zeitzeugen hat Frauke Wilhelm gesprochen, mit Menschen, die auf der AG „Weser“ Stahlbauschlosser, technische Zeichner, Kranführer, Maschinenbaumeister, Elektriker gewesen sind. Wilhelm zitiert sie im Gröpelinger Originalton.

Einmal mehr taucht sie mit diesem Buch ein in die Geschichte des Bremer Westens. Schon in den Programmen der temporären Hafenbar „Golden City“ hat sie – neben all dem Theater, Klamauk und Radau – regelmäßig Themen der Stadtentwicklung und -geschichte aufs Trapez gebracht. Wie hat der Bremer Westen sich verändert, seit der Container die Hafenwelt revolutioniert hat? Wie hat der Westen sich verändert, seit „Use Akschen“ dichtgemacht wurde?

„Oral History“ als Unterhaltungsformat

Darum ging es in „Erzählcafés“, in Interviews und auch in Shows – „Oral History“ als Unterhaltungsformat, darauf muss man auch erstmal kommen. Und es gibt eine sprudelnde Quelle zum Thema, aus der sich (auch für dieses Buch) reichlich schöpfen ließ. Das ist der Arbeiterverein „Use Akschen“, den die Belegschaft im September 1983 gegründet hat. In ihm stehen (und sitzen) die Menschen, die einst – vergeblich – für den Erhalt der AG „Weser“ gekämpft haben, noch immer zusammen. Austreten aus dem Verein, das gehe nur mit Totenschein, so eine lakonische Auskunft im Buch.

Mit ihrer Spezialisierung auf Großtanker wurde die AG „Weser“ von der Ölkrise der 70er Jahre besonders getroffen. Zudem wuchs die Konkurrenz in Südostasien. „Stahlschnitt – Schweißer – Stapellauf“, auf dessen Titelbild die blauen Bockkräne der Werft zu sehen sind, die lange Zeit ein Wahrzeichen Gröpelingens waren, steuert auf klarem Kurs durch 140 Jahre Unternehmensgeschichte.

Arbeiter in der Maschinenbauhalle, aufgenommen um 1910.
Arbeiter in der Maschinenbauhalle, aufgenommen um 1910. © Sammlung Use Akschen

140 Jahre Werftgeschichte

1843 geht es los – mit der Eisengießerei Waltjen & Leonhardt auf der Stephanikirchenweide, der Umzug nach Gröpelingen folgt erst später. Auch in Deutschland kommt die Industrialisierung mehr und mehr in Schwung, die Reichsgründung 1871 gibt ihr einen weiteren kräftigen Schub. Bremer Kaufleute wollen eine Großwerft für den Bau großer Seeschiffe aufbauen. Aus Waltjens Firma wird die „Actiengesellschaft ,Weser‘“. Der Rest ist, wie es immer so schön heißt, Geschichte. Der legendenumrankte Schnelldampfer „Bremen“, der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg, weltberühmte Auftraggeber wie der griechische Reeder und „Tanker-König“ Aristoteles Onassis (1906 bis 1975). Die „Goldenen 60er“ füllen ein Kapitel, die Veränderungen der Werftarbeit von den 50er Jahren bis in die 70er ebenfalls. Am Ende dann die Zeit der Riesentanker, schließlich die Ölkrise, dann die Werftenkrise – und Schluss. Eine Fusion mit dem Vulkan war nicht gelungen; Krupp, Hauptanteilseigner der AG „Weser“, zog sich zurück.

Betriebsratschef Hans Ziegenfuß wirft Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) zwei Tage vor der Bürgerschaftswahl 1983 sein SPD-Parteibuch hin – und Koschnick weint; all das vor TV-Kameras. Anschließend holt Koschnick die absolute Mehrheit, die Werftarbeiter beenden ihre Werftbesetzung und stellen das letzte Schiff der AG „Weser“ fertig, die „Ubena“. Mehr als 2 000 Menschen verlieren ihre Arbeit.

In „Stahlschnitt – Schweißer – Stapellauf“ wird die Werftgeschichte mit Blick auf die Schiffe und zugleich mit Blick auf die Beschäftigten erzählt – lebendig bebildert aus einem großen Fundus professioneller und privater Fotos. Frauke Wilhelms 224-seitiger Band ist im neuen „Golden-City“-Verlag erschienen und kostet 25 Euro. Unter dieser Adresse finden sich Details zu Verkauf und Versand des Buchs.

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