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Die Geschichte einer Drogensucht

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Von: Thomas Kuzaj

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Die Geschichte einer Sucht: „Den Drachen jagen“ von Kerstin Herrnkind.
Die Geschichte einer Sucht: „Den Drachen jagen“ von Kerstin Herrnkind. © Kuzaj

Bremen – Was Drogenelend bedeutet, lässt sich – in unterschiedlicher Ausprägung von schlimm bis sehr schlimm – tagtäglich am Bremer Hauptbahnhof beobachten. Man kann hinsehen, man kann wegsehen. Was aber, wenn das Drogenelend näher rückt, wenn es Teil der Familie ist, wenn es Menschen erwischt, die einem sehr nahe stehen? Genau dies hat die Autorin Kerstin Herrnkind, die aus Bremen stammt, erlebt.

Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben – ein Buch über ihren Bruder Uwe, der im Alter von 52 Jahren an einem Mix aus Heroin, Alkohol und Medikamenten gestorben ist. Fast 25 Jahre lang war er drogensüchtig gewesen; Mutter, Schwester und Freunde haben wieder und wieder versucht, ihm zu helfen. Die Abwärtsspirale war nicht aufzuhalten, das Heroin hat gewonnen.

Ist es zwangsläufig so? Was treibt einen Menschen in die Sucht? Wann ist Hilfe möglich? Was muss sich ändern, etwa in der Drogenpolitik? Herrnkind, die für den „Stern“ arbeitet, stellt sich etliche dieser Fragen, zeichnet das Leben ihres Bruders nach. In ihrem Buch „Den Drachen jagen – Die Geschichte meines verlorenen Bruders“ („Edition W“, 256 Seiten, Preis: 20 Euro) steigt sie tief ein in die Familiengeschichte, sehr tief. Erzählt von früheren Generationen und Vorfahren, von Krieg und Armut, auch von gewalttätigen Groß- und Urgroßvätern, die miterleben mussten, wie Geschwister jung starben, die nicht lernten, mit ihren Gefühlen umzugehen, die Frauen und Kinder schlugen, die tranken – Dinge, die jeweils auch die folgenden Generationen prägten, die Spuren hinterließen. Dem Vater genügt es, die Sterbeurkunde seines Sohnes als PDF-Datei zu haben. Auf Papier will er sie nicht sehen, schreibt Herrnkind.

Das ist der Moment größter emotionaler Kälte in einem an Tiefpunkten und Tragödien wahrlich nicht armen Buch. Rutschen Menschen, die Opfer ihrer Erziehung sind, als Jugendliche oder Erwachsene einfacher in die Sucht? Ist es der fehlende Halt eines Menschen, dem als Kind alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, so dass er nicht lernt, Probleme aus eigener Kraft anzugehen? Spielten die lebensfeindlichen Umstände der Kinderjahre im Bremer Hochhausviertel Tenever der 70er eine Rolle? Warum wird das eine Kind süchtig, das andere nicht? Auf viele der Fragen gibt es keine einfachen Antworten – und zuweilen fallen sie individuell unterschiedlich aus.

Über Drogenpolitik wird viel gestritten, auch in Bremen – wie dieser Tage erst im Zusammenhang mit der Reaktion auf die Zustände am Bremer Hauptbahnhof („Aktionsplan“). Herrnkinds Buch bietet Diskussionsansätze auch dafür. Vom ideologiefreien Reden über Strukturen des Drogenhandels über die legale Einstiegsdroge Alkohol bis zur Frage, wie sehr Cannabis gerade jungen Menschen schadet. „Nach dem Alkohol war Cannabis die zweite Stufe auf Uwes Karriere zum Junkie“, schreibt Herrnkind. Eindringlich plädiert sie für eine wirksamere Aufklärung – anstelle einer Kriminalisierung von Konsumenten. „Eine Drogenpolitik, die auf Strafen setzt, fordert mehr Opfer, bindet Kräfte bei Polizei und Justiz.“ Herrnkind fordert: Therapie statt Strafe. Und sie fordert, Drogen die verhängnisvoll verharmlosende Aura von Glamour zu nehmen, die ihnen oft anhaftet – wie es beim Rauchen, das heute als uncool gelte, auch gelungen sei.

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