Detektivarbeit mit Stickbildern

Schifffahrtsmuseum untersucht Kolonialgeschichte

Was erzählt das Modell einer Piratendschunke über koloniale Verflechtungen? Das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven will jetzt Antworten auf Fragen wie diese finden.
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Was erzählt das Modell einer Piratendschunke über koloniale Verflechtungen? Das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven will jetzt Antworten auf Fragen wie diese finden.

Bremerhaven/Bremen – Exponate in einem neuen Licht betrachten, in einen neuen Zusammenhang stellen: Auch das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) will seinem kolonialen Erbe auf den Grund gehen – und untersucht dazu einzelne Objekte aus der Sammlung. Wie aber kann ein 1975 eröffnetes Haus eine Kolonialgeschichte haben?

Nun, viele Objekte aus der DSM-Sammlung stammen aus der Zeit des Kaiserreichs, sagt ein Sprecher. „Welche Rolle sie innerhalb der Kolonialgeschichte spielten, ist oftmals ungeklärt.“ Das soll sich nun ändern.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben europäische Militärs, Wissenschaftler und Kaufleute diverse Kultur- und Alltagsobjekte aus den damaligen Kolonien in ihre Heimatländer gebracht. Wie sie in welche Institutionen gelangten, ob sie gekauft, getauscht oder geraubt wurden, das werde inzwischen weltweit kritisch hinterfragt.

Quellenlage oftmals schwierig

Im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert entstanden in Europa vielerorts naturkundliche und ethnologische Sammlungen an Museen, aber auch an Universitäten, die auf den Import von außereuropäischen Objekten per Schiff angewiesen waren. „Zur Erforschung dieser diffizilen Umstände braucht es sowohl Detektivkenntnisse als auch Kenntnisse der maritimen Geschichte“, sagt Prof. Dr. Ruth Schilling, wissenschaftliche Leiterin für den Programmbereich Schifffahrt und Gesellschaft am DSM.

Der Wunsch, sich der Sammlungs- und Objektgeschichte zu stellen, steht einer oft schwierigen Quellenlage gegenüber. Und, so ein Sprecher: „Mit dem Transport von Objekten nach Europa veränderte sich oftmals auch ihre kulturelle Funktion. Sie wurden aus ihrem ursprünglichen Nutzungszusammenhängen entnommen und dienten der objektaufnehmenden Gesellschaft vielfach als symbolhafte Gegenstände, die fremde Kulturen repräsentierten.“ Die Forschungsarbeit am DSM beleuchte diese „Fragen der Bild- und Objektwirkung“.

Seidenstickbilder als hybride Objekte

Beispiel: Seidenstickbilder aus dem Besitz von Seeleuten, meist Marine-Angehörigen, die in China und Japan eingesetzt waren – und diese Bilder als Souvenirs mit nach Hause brachten. Auf den ersten Blick erscheinen sie als Erzeugnisse traditioneller ostasiatischer Seidenstickkunst. Auffällig sei das ähnliche Design dieser Stickereien und die Abbildung spezifischer nationaler Symbole (Flaggen, Reichsadler), die auf Wunsch der Kundschaft aus den Kolonialmächten in den Bildern dargestellt wurden.

Hybrides Objekt: Seidenstickbild „Kaiseradler“.

„Seidenstickbilder wurden vor Ort in Massenproduktion von spezialisierten Werkstätten hergestellt, die von der großen Nachfrage nach ostasiatischen Seidenstickereien profitierten. Die Bilder können daher als hybride Objekte definiert werden“, heißt es am DSM. „Sie zeigen auf der einen Seite, wie der Kolonialismus jahrhundertealte Handwerkskünste beeinflusste und wie in dieser Zeit unterschiedliche Kulturen miteinander verflochten wurden. Auf der anderen Seite zeigen sie aber auch, wie die nationalimperialistischen Bestrebungen des Kaiserreichs auf die persönliche Sphäre und vermutlich auch auf das Selbstbild deutscher Seeleute Einfluss nahmen.“

Die Rolle der Transportumstände

Neben den Objekten selbst müssten auch die Transportbedingungen in den Blick genommen werden. „Wie groß ist ein Objekt, passt es auf ein Schiff, wie kann es verpackt oder beschriftet werden? Wir wollen unseren Bestand daraufhin abklopfen, welche Informationen wir daraus ziehen können, welche Auswirkungen die Infrastruktur der Zeit hatte und welche politischen Entwicklungen damit einhergingen“, so Schilling.

Bereits seit Jahren erforscht das Bremer Übersee-Museum sein koloniales Erbe. Wie, warum und unter welchen Umständen sind Sammlungsgegenstände ins Museum gekommen? Antworten auf Fragen wie diese flossen ein in die Dauerausstellung „Spurensuche“. Das Focke-Museum will Exponate – etwa der Handelsgeschichte – in Beziehung zum Kolonialismus und zu dessen Folgen setzen.

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