Homeoffice ist keine Option

Bremen: Martinshof-Werkstatt sieht Digitalisierung als Chance

Ein Besuch in der Teeabfüllung der Bremer Martinshof-Werkstatt: Hier wird fleißig gearbeitet. Hinten rechts Johann Horn, Geschäftsführer der Werkstatt (dunkle Kleidung).
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Ein Besuch in der Teeabfüllung der Bremer Martinshof-Werkstatt: Hier wird fleißig gearbeitet. Hinten rechts Johann Horn, Geschäftsführer der Werkstatt (dunkle Kleidung).

Bremen – Heimarbeit und Homeoffice sind in der Corona-Pandemie zu wichtigen Aspekten geworden. Für den Martinshof Bremen, Werkstatt für behinderte Menschen, ist das allerdings keine Option. Jedoch sieht die Einrichtung die Digitalisierung, die durch Corona einen Schub bekommen hat, als Chance.

In der Teeabfüllung des Martinhofs in der Neustadt werden 100 verschiedene Teesorten abgefüllt und von Menschen mit Beeinträchtigungen verpackt. Aktuell arbeiten hier 31 Menschen im Schichtbetrieb, die Stundenzahl reduziert, damit mehr Menschen trotz Corona arbeiten können. Verstärkung kommt seit Monaten aus der Küchencrew.

Die Werkstatt ist geöffnet, aber der Besuch der Beschäftigten freiwillig, sagt der Geschäftsführer Johann Horn. „Der überwiegende Teil macht weiter mit Überzeugung. Die Hygiene und Schutzkonzepte sind weitreichend in Theorie und Praxis umgesetzt“, betont Horn weiter. Wer zu Hause bleibt, bekommt trotzdem sein Gehalt. Manche hätten Ängste vor einer Infektion oder müssten wegen einer Vorerkrankung zu Hause bleiben. Nicht freiwillig ist der Dienst für die betreuenden Angestellten.

Bremen geht voran: Freiwilligkeit ist wichtig

Mit der Regelung, bei der Freiwilligkeit an oberster Stelle steht, sei Bremen weit vorangegangen. Andere Bundesländer hätten ihre Behinderten-Werkstätten zeitweise geschlossen. Dennoch ist Horn besorgt, dass vieles an Kompetenz und Selbstvertrauen verlorengeht, vor allem, wenn Menschen mit schweren Vorerkrankungen oder aus Risikogruppen nicht kommen können.

Menschen mit Handicaps: Struktur erhalten

„Es hat eine Bedeutung, dass die Struktur und der zweite Lebensraum erhalten bleiben“, sagt Horn. Die Arbeit biete neben Struktur auch Kontakte und stifte Sinn. Insgesamt betreut der Martinshof um die 2 000 Menschen mit Handicaps. Sie arbeiten in der eigenen Werkstatt oder auch direkt bei Mercedes, Airbus, Polizei und vielen anderen. Nach eigenen Angaben ist der Martinshof eine der ältesten und größten Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Die Werkstatt ist ein eingetragener Eigenbetrieb der Stadt Bremen. Über Bremen hinaus bekannt sind beispielsweise die Senats-Konfitüren, Öle aus der „Werftküche“ und Kerzen der Marke „Flutlicht“.

Es sei wichtig, den Kontakt zu den zu Hause gebliebenen Menschen nicht zu verlieren. Jeder sei individuell. „Wir versuchen, ihnen im Bereich der beruflichen Bildung Angebote zu machen“, sagt Horn. „Wir schicken zum Beispiel Aufgaben.“ Am besten funktioniere das noch immer in Papierform. Heimarbeit sei allgemein schwierig für Menschen mit Beeinträchtigungen. Das läge an Anforderungen zur Arbeitssicherheit und nötigen Hilfsmitteln, beispielsweise bei der Arbeit an den Abfüllanlagen für Tee.

Arbeiten in der Teeabfüllung

Verena Wichmann, Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung bei der Werkstatt, erklärt die Abfüllanlage. Der in Säcken angelieferte Tee wird in einen Behälter geschüttet und mittels Unterdruck gesaugt. Darin wird er durch Vibrationen befördert. Die Maschine portioniert den Tee je nach Programmeinstellung und kann auch verschiedene Dichten unterschiedlicher Teesorten berücksichtigen. Die Beschäftigten an der Maschine bearbeiten die abgefüllten Tüten weiter, machen Kontrollwiegungen, verdichten den Tee mit Bewegungen und verschließen die Tüten per Hand mit einem Siegeletikett. Sie kontrollieren auch, ob die Tüte in Ordnung sind. Dann kommen die Tüten in Kartons, die verschlossen und auf eine Palette gepackt werden.

Zu Hause, wo immerhin eine Abfüllung per Hand möglich wäre, ließen sich die Hygienebestimmungen nicht einhalten, erklärt Wichmann. Doch da sich nicht alle Teesorten per Maschine abfüllen lassen, gibt es auch am Standort am Buntentorsteinweg Abfüllung per Hand. Ein Mann füllt Kräutertee mit groben Einheiten wie Orangen- und Zitronenscheiben in 50 Grammbeutel ab.

Johann Horn: Chance, die Teilhabe zu verbessern

In der Digitalisierung, die durch die Corona-Pandemie und Homeoffice ein großes Thema geworden sei, sieht Horn eine Riesenchance, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu verbessern. „Wie immer bei der Inklusion muss man den einzelnen Menschen in den Blick nehmen“, sagt Horn. Die Frage nach der Verbesserung der Teilhabechancen führe zu verschiedenen Antworten. Im Arbeitsalltag könnten Hilfsmittel nützlich sein, um Aufgaben zu erschließen, die vorher nicht zu bewältigen waren. „Beispielsweise könnte ein Assistenzsystem beim Konfektionieren helfen und zeigen, was als nächstes genommen werden und wo es hingelegt werden muss“, sagt Horn.

Digitaler Assistent als Helfer

Auch beim Zusammenbau von Teilen könne ein digitaler Assistent prüfen, ob alles stimmt. „Bei Menschen mit Autismus-Störungen kann ein Programm helfen, die Emotionen eines Gegenübers einzuordnen“, erklärt der Martinshof-Chef. Dafür reichten ein Smartphone mit Kamerafunktion und die zugehörige Software.

„Aus dem Gesichtsausdruck und den Regungen des Gegenübers leitet die Software ab, ob dieser freundlich, verärgert oder traurig ist“, sagt Horn. Der Nutzer der Software könne sich das dann ins Ohr flüstern lassen. „Noch vor einigen Jahren wären solche Lösungen unbezahlbar gewesen. Heute geht das mit im Alltag verfügbaren Hilfsmitteln.“

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