Zweiter Tag im Prozess gegen Kevins Amtsvormund / Fehlende Informationen und Überlastung

„Der Vater liebte sein Kind“

Die Akten stapeln sich nun im Gericht. Als es darauf ankam, liefen die Behördeninformationen nicht zusammen.

Bremen - Von Thomas Kuzaj· „Wenn ich ihn mit Kevin sah, ging er liebevoll mit ihm um“, sagt der 67 Jahre alte Angeklagte. „Wenn das immer eine Show war, dann war sie gut. Er hat mich da gepackt, wo ich nicht nur Sozialarbeiter und Vormund, sondern auch Vater und Großvater war.“

„Er“, das ist der drogensüchtige Ziehvater des kleinen Kevin. Polizisten hatten das zweijährige Kind im Oktober 2006 tot im Kühlschrank des Ziehvaters gefunden. Der 67-Jährige sitzt nun – wie berichtet – auf der Anklagebank des Bremer Landgerichts. Er war Kevins Amtsvormund. Fahrlässige Tötung wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor. Fahrlässige Tötung hat sie auch dem 58 Jahre alten Fallmanager zur Last gelegt. Wie berichtet, stellte die Große Strafkammer 2 das Verfahren gegen ihn ein. Die Richter halten ihn für nicht verhandlungsfähig. Erblich bedingt leidet er unter schwerem Bluthochdruck.

Gestern war der zweite Verhandlungstag in dem Prozess, den der 67-Jährige nun allein durchstehen muss. Nachdem er sich am ersten Tag schon kurz geäußert hatte, wurde es gestern, wie angekündigt, ausführlicher. Es ging ins Detail. Es ging auch um die Arbeitsüberlastung der Amtsvormünder. Schon 2003 teilten sie ihrer Amtsleitung mit, sie könnten nur noch „Feuerwehr spielen“ – mehr nicht.

Zunächst verlas der 67-Jährige eine Erklärung. Auf zehn Seiten hatte er die traurigen Ereignisse aus seiner Sicht zusammengefasst. Es ist sein Versuch, die Dinge so zu schildern, wie er sie erlebt hat. Das kontrastiert naturgemäß bisweilen hart mit dem allgemeinen Wissensstand von heute, da vieles bekannt ist von einer Geschichte, die mit trostloser Konsequenz auf den Tod eines Kindes hinausläuft. Wie hätte das verhindert werden können? Es bleibt abzuwarten, welche Antworten die Hauptverhandlung auf diese Frage gibt.

Wieder und wieder ist von Nichtwissen die Rede, von zu später (oder gar unterlassener) Information. Der Fallmanager und die Innenrevision „wussten wesentlich mehr als ich“, sagt der ehemalige Amtsvormund. „Das Sozialzentrum West war daran interessiert, gegenüber der Amtsleitung, der Senatorin und dem Bürgermeister seinen eingeschlagenen Weg zu verteidigen, Zweifel an ihm zu zerstreuen.“ Er hoffe, dass die Mitarbeiter vor Gericht „darüber ehrlich aussagen“. Und: „Ich bin keiner, der sich immer nach oben abgesichert hat.“ Und weiter: „Ich bin ein Typ, der sich auch mal mit anderen Behörden anlegt.“

Nach dem Tod von Kevins Mutter war der Amtsvormund im November 2005 eingeschaltet worden. „Ich habe von der Vorgeschichte nichts gewusst. Ich hatte keinen Argwohn gegenüber den Kollegen.“ Durfte das Kind beim Ziehvater bleiben, der damals noch als der Vater galt? „Wenn mir der Sozialarbeiter sagt, da kannst Du zu Hause vom Fußboden essen und der substituierende Arzt, es gibt keinen Beigebrauch anderer Drogen. . .“

Der „Leitgedanke“ sei gewesen: „Der Vater ist die einzige Bezugsperson für dieses Kind.“ Nach dem Tod seines (eigenen) Kindes und nach dem Tod von Kevins Mutter habe der Mann sich an Kevin „geklammert“: „Der Vater machte alles für seinen Sohn.“

Der Vormund: „Wenn der Vater mit dem Kind im Amt war, war es ordentlich angezogen. Essen und Trinken hat er mitgehabt, eine Ersatzwindel. Das Kind konnte laufen, das haben wir alle gesehen. Und es war dieses Kind, kein anderes Kind.“ Der Mann habe Kevin immer „Dicker“ genannt. „Ich bin davon überzeugt: Der Vater liebte sein Kind.“

Ernste Risse bekam das Vertrauen, als der Mann Kevin nicht – wie vereinbart – in einen Spielkreis gab. Der Angeklagte: „Ich mache es mir zum Vorwurf, dass ich im Juni 2006 nicht konsequent geblieben bin.“

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