Kulturgeschichtlicher Rundgang auf den Spuren der Weserrenaissance

Der Blick hinter die Fassade

Nochmal davongekommen: Detlef Stein erklärt die wechselhafte Geschichte der Stadtwaage.
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Nochmal davongekommen: Detlef Stein erklärt die wechselhafte Geschichte der Stadtwaage.

Bremen – Wen sein täglicher Weg zur Arbeit über den Marktplatz führt, der passiert das Vorzeigeobjekt für die Weserrenaissance: das Bremer Rathaus. Drum markiert es zwar das Ende dieses kulturhistorischen Rundgangs, doch es sind oft die kleinen und nicht so bekannten Spuren, denen Detlef Stein und Heinrich Lintze folgen.

Ausgangspunkt der rund 90-minütigen Exkursion ist „dort, wo die Reformation begann“ – auf dem Ansgarikirchhof. Hier stand die Kirche St. Ansgarii, die im Zweiten Weltkrieg zerstört und später abgerissen wurde. Hier kaufte Bürgermeister Daniel von Büren der Ältere Anfang des 16. Jahrhunderts noch selbst Ablassbriefe; 20 Jahre später – Reformator Heinrich von Zütphen hatte in einer Kapelle der der St.-Ansgarii-Kirche mit seinen Predigten ganze Arbeit geleistet – erließ er mit dem Senat ein Verbot für alle katholischen Predigten in der Stadt, so Lintze: „Der weltanschauliche Himmel wird in neuen Farben koloriert.“

Weserrenaissance: Tuchhändler und Fassaden

St. Ansgarii ist der Ausgangspunkt dieses Umbruchs und da passt es zur Verve der Bewegung, dass dessen Turm höher ist als der Dom. Heute ist der Ansgarikirchhof ein schmuckloser Platz; immerhin befindet sich dort noch das Gewerbehaus, in dem die Handwerkskammer ihren Sitz hat. Auf den ersten Blick ein weiteres Beispiel für die Bauten der Renaissance, der zweite, kundige Blick entlarvt: „Alles nur Fassade“, sagt Detlef Stein. Anfang des 17. Jahrhunderts von Tuchhändlern gebaut, werden die obere Fassade und die Giebel als Nachkriegsrekonstruktion entlarvt. Den Beweis verschaffen sich die zwölf Teilnehmer der Führung mit einem seitlichen Blick auf das Gebäude.

In der Pieperstraße ist der nächste Halt. Mit der Frage: Was hat der Gezeitenbrunnen mit der Bremer Renaissance zu tun? Nichts, aber in Blickweite ist die Langenstraße, in der sich einst rund 150 Weserrenaissance-Häuser standen, am Ende das prächtige Kornhaus, gebaut von Lüder von Bentheim. Getreide war im 16. Jahrhundert Bremens Exportartikel Nummer eins, berichtet Heinrich Lintze und zeigt Abbildungen der alten Langenstraße. Von der Pracht ist nicht viel übrig geblieben, Ende der 50er Jahre wäre um ein Haar sogar – für einen Parkplatz – die Stadtwaage abgetragen worden. Die Sparkasse sprang in die Bresche und bewahrte das Gebäude. Auch wenn die Stadtwaage letztlich verschont blieb – „es sind viele Fehler gemacht worden“, findet auch der ehemalige Architekt, der sich dem Stadtrundgang angeschlossen hat.

Weserrenaissance: Der Schütting und das Rathaus

Neben dem Rathaus ist der Schütting ein bestimmendes Element des Marktplatzes. Doch der zweite Blick offenbart, dass auch hier die Weserrenaissance nur die Front bestimmt. Der Ostgiebel, der über der Schüttingstraße aufragt, ist mit seinen gestalterischen Elementen eher eine Reminiszenz an die italienische Renaissance, der Westgiebel, 1535 erbaut, hat überwiegend Elemente der Spätgotik.

Das hat er mit der oft „stiefmütterlich behandelten Westfassade“ (Stein) des Rathauses gemein. Dort, quasi über den später dort platzierten Bremer Stadtmusikanten, weisen Fensterform und die Skulpturen dazwischen auf die Gotik hin. Über die Westfassade und deren Entstehung weiß man auch heute noch nicht viel; immerhin brachten laut Stein 61 Quittungen aus der Zeit des Rathausbaus die Namen der Künstler und Steinmetze ans Licht, unter anderem den „Meister Johannes“, der während seiner dreijährigen Tätigkeit als zusätzliches Jahressalär einen Schlachtochsen bekam.

Aus den christlichen Figuren wurden mit der Zeit dann griechische Gelehrte, erklärt Detlef Stein; eine Figur schmückt zum Beispiel eine Schärpe mit dem Namen „Aristoteles“. Stein sieht aber „keine Ähnlichkeit“ mit historischen Abbildungen des Philosophen. Also auch hier: Alles nur Fassade...

Führungen und Termine

Die nächsten Führungen sind ausgebucht. Freie Plätze gibt es am 2., 3., 9. und 10. September jeweils um 17 Uhr sowie am 29. September um 11, 13 und 15 Uhr. Treffpunkt ist der Ansgarikirchhof vor dem Gewerbehaus. Eine Anmeldung ist erforderlich unter schweizer7@t-online.de. Teilnahme unter Corona-Bedingungen: Kleine Gruppen (maximal zwölf Personen), Abstand und Masken-Empfehlung. Die Führungen dauern rund 90 Minuten, die Teilnahme kostet zehn Euro. Zudem gibt es derzeit freie Plätze in Führungen zu den Documenta-Künstlern und ihren Werken in Bremen (29. August, 15.30 Uhr, Stadtmusikanten), zum Biedermeier in Bremen und den Märchenerzählern am 30. September (18 Uhr, Kunsthalle), zu den Tierstatuen in der Innenstadt am 29. August (18 Uhr, Bischofsnadel/Ecke Kennedy-Platz).

Von Ralf Sussek

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