Bilanz im Interview

Bremer Krisenstabs-Leiter Lutz Müller gibt Polizeipräsidentenamt ab

An diesem Schreibtisch arbeitet der Leiter des Bremer Corona-Krisenstabs: Lutz Müller in den Büroräumen des Stabs bei der Bremer Feuerwehr am Wandrahm.
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An diesem Schreibtisch arbeitet der Leiter des Bremer Corona-Krisenstabs: Lutz Müller in den Büroräumen des Stabs bei der Bremer Feuerwehr am Wandrahm.

Videokonferenzen, Telefonate, wieder mal viel zu besprechen. Auch Bremen setzt die Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff aus. Das sorgt natürlich für Gesprächsstoff im Bremer Corona-Krisenstab. Dessen Leiter Lutz Müller, der das Amt des Polizeipräsidenten abgibt, nimmt sich dennoch Zeit für ein Interview – und spricht über beide Aufgaben.

Bremen – Lutz Müller, 1960 in Delmenhorst geboren, ist im Februar 2012 zum Bremer Polizeipräsidenten ernannt worden. Vor 40 Jahren, 1981, war er zur Bremer Polizei gekommen. Seit August 2016 leitet Müller auch die Abteilung „Öffentliche Sicherheit“ im Ressort von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Vor einem Jahr, am 20. März 2020, hat er zudem die Leitung des Bremer Corona-Krisenstabs übernommen; die Aufgaben des Polizeipräsidenten nahm seitdem Vizepräsident Dirk Fasse wahr. Jetzt gibt Müller das Amt des Polizeipräsidenten ab, die Nachfolge-Suche läuft bereits. Im Interview spricht Lutz Müller über die Arbeit bei der Polizei und im Krisenstab.

Herr Müller, warum geben Sie das Amt des Polizeipräsidenten jetzt ab?

Um klare Verhältnisse zu schaffen. Im September 2022 wird meine aktive Dienstzeit enden. Es ist aber nicht abzusehen, wann ich wieder zur Polizei zurückkehren könnte. Beim Landeskrisenstab Corona, der inzwischen dem Gesundheitsressort zugeordnet ist, arbeite ich noch mindestens bis Sommer – unter anderem, bis das Impfen weitgehend abgeschlossen ist. Die Polizei soll wieder einen Polizeipräsidenten bekommen, der 100 Prozent zur Verfügung steht. Und es war ohnehin geplant, die Abteilungsleitung in der Innenbehörde und das Amt des Polizeipräsidenten zu trennen. Beide Aufgaben erfordern nach den Erfahrungen der letzten Jahre jeweils eine Vollzeitbeschäftigung.

Was waren für Sie die prägenden Themen in Ihrer Zeit als Polizeipräsident?

Das war nicht langweilig. 2012 spielten Wohnungseinbrüche eine große Rolle (in späteren Jahren sind diese Zahlen wieder gesunken, d. Red.). Prägende Themen waren die Rocker-Problematik, islamischer Terrorismus und Clankriminalität. Und es gab die Polizeireform 2016, mit der wir die Polizei in Bremen grundsätzlich neu aufgestellt haben. Seit zwei Jahren haben wir wieder einen leichten personellen Aufwuchs. Mehr Personal gibt der Polizei mehr Optionen in der Sicherheitsarbeit.

Seit einigen Jahren müssen sich Einsatzkräfte – Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungskräfte – im Dienst vermehrt mit Gewalt auseinandersetzen, die sich gegen sie richtet. Es fliegen Bierflaschen, es werden schnell Rassismusvorwürfe erhoben.

Fast jeder, der regelmäßig auf der Straße arbeitet, berichtet von Erfahrungen mit Gewalt und massiven Beleidigungen. Das ist ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen. Es ist wichtig, dass man vernünftig damit umzugehen lernt, über geeignete Schutzausrüstung zu verfügen und Handlungsstrategien zu entwickeln. Dazu gehört auch eine ausreichende Personalausstattung, um gegenseitige Unterstützung gewährleisten zu können. Nicht richtig wäre es, in die Vermeidung zu gehen und nicht mehr hinzusehen oder einzuschreiten. Das darf bei der Polizei nicht passieren.

Zuweilen entsteht der Eindruck, die Polizei sitzt da zwischen den Stühlen.

Wir – die Polizei – werden mit sehr vielen Erwartungen konfrontiert und können nicht alle erfüllen. Nehmen wir das Beispiel Hauptbahnhof. Für die einen bekämpfen wir den offenen Drogenhandel und die Unordnungserscheinungen, für die anderen sind wir Rassisten und malträtieren Obdachlose und Süchtige. Solche Polarisierungen bringen uns nicht weiter. Wenn man nicht nur Verdrängungseffekte haben will, muss man zugleich Angebote oder Begleitmaßnahmen organisieren und ganzheitliche Konzepte umsetzen, die nicht allein auf polizeiliche Aktivitäten setzen. Eine sichere und saubere Stadt ist das Ergebnis einer gemeinsamen Strategie mehrerer Akteure. Das gilt auch für die Bekämpfung der Clans und deren Gehabe. Eine Nulltoleranzstrategie endet nicht mit der Arbeit der Polizei und der Staatsanwaltschaft, sondern setzt sich zum Beispiel auch in schnellen Gerichtsverfahren fort – der sogenannte Baustellenüberfall ist da eher ein Negativbeispiel.

Themenwechsel. Mussten Sie lange überlegen, als Sie gebeten wurden, die Leitung des Corona-Krisenstabs zu übernehmen?

Als Abteilungsleiter Öffentliche Sicherheit wäre das Thema ohnehin auf mich zugekommen. Es gab damals Befürchtungen, dass wir hier in eine katastrophenähnliche Situation kommen, dass sich bei uns ähnliche Szenen wie etwa in Bergamo abspielen. Zum Glück ist dieser Fall nicht eingetreten. Es ging dann darum, strategisch und operativ mit ganz unterschiedlichen Fragen der Pandemiebekämpfung umzugehen, wie zum Beispiel Ausbruchssituationen in Pflegeheimen, der Beschaffung von Schutzausstattung – und ganz prominent die Umsetzung der Impfstrategie. Das Impfzentrum aufzubauen, das Impfen zu organisieren mit einer möglichst guten Impfgeschwindigkeit und einer guten Terminvergabe. Wenn das Impfen gut funktioniert, gibt es auch eine gute Akzeptanz, sich impfen zu lassen.

Noch etwas Persönliches. So, wie wir Sie kennen, agieren Sie stets besonnen und ruhig. Woher nehmen Sie diese Gelassenheit und Ruhe? Machen Sie Yoga, sammeln Sie Briefmarken?

(lacht) Ich arbeite gerne und mit Leidenschaft und habe auch häufig gelitten. Um das zu kompensieren, helfen mir insbesondere viele und intensive Gespräche mit meiner Frau. Dafür habe ich ihr auch versprochen, kürzer zu treten. Ja, ich kann mit kühlem Kopf agieren, wenn‘s hoch hergeht. Innen drin sieht es manchmal anders aus. Ich habe eine tolle Frau und eine tolle Familie und brauche diesen Rückhalt zu Hause.

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