„Das letzte Kleinod“ spielt Stück über den Kolonialdampfer „Goetzen“

Groteske kaiserliche Politik

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In einzelnen Spielszenen hat ein deutsch-afrikanisches Ensemble der norddeutschen Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ die abenteuerliche Geschichte des deutschen Kolonialdampfers „Goetzen“ inszeniert.

Bremerhaven - Von Dieter Sell. Fast ist es eine Idylle. Das Licht des Vollmondes schiebt sich über den Schotter am Ladegleis des Bahnhofs von Schiffdorf-Geestenseth. Von ferne trällert eine Nachtigall erste Strophen in die aufkommende Dunkelheit. Doch plötzlich durchschneidet das scharfe Knallen von Peitschenhieben die sommerliche Nacht. Sie gelten einem schwarzen Arbeiter, der schlafend auf dem Boden liegt.

Das wollen die deutschen Kolonialherren nicht dulden. Denn hier geht es um deutsche Disziplin, um ein großes Projekt, das allerdings einigermaßen verrückt anmutet. Die Szene ist zwar nur gespielt. Aber sie gehört zu einem dokumentarischen Stück unter dem Titel „Goetzen – Liemba“, mit dem die norddeutsche Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ am Bahngleis in Geestenseth bei Bremerhaven unter freiem Himmel Uraufführung feierte. Und die sich so oder so ähnlich durchaus zugetragen haben mag.

Die Produktion erzählt die abenteuerliche Geschichte des deutschen Kolonialdampfers „Goetzen“, die vor mehr als 100 Jahren am ostafrikanischen Tanganjikasee spielt. Ein groteskes Kapitel kaiserlicher Machtpolitik. Denn Kaiser Wilhelm II. war es, der sich dringend ein Schiff für den See wünschte, weil er kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges die Interessen des Deutschen Reiches am zweitgrößten Binnengewässer Afrikas bedroht sah. So wurde 1913 auf der Meyer-Werft mit dem Bau der

„Goetzen“ begonnen. Die Werftarbeiter in Papenburg verschraubten die Konstruktion nur, damit sie später in Tausenden von Einzelteilen nach Ostafrika verschickt werden konnte.

Das deutsch-afrikanische Ensemble unter der Leitung von Regisseur Jens-Erwin Siemssen macht deutlich, wie mühsam der Transport in Afrika war. Eine zentrale Rolle bei dieser Inszenierung spielen Requisiten, die Siemssen auf dem Markt von Kigoma am Ufer des Sees gekauft hat: Hölzerne Stöcker, die sich in den Händen der Schauspieler mal in die Treibstangen einer Dampflok, mal in Peitschen, wenig später in ein Haus und dann wieder fast nahtlos in einen Schiffspropeller verwandeln. Die Einzelteile wurden zunächst von Hamburg aus nach Daressalam verschifft. Von dort ging es mit der gerade fertiggestellten Eisenbahn nach Kigoma. Viele teils tonnenschwere Lasten wie der Mast mussten auf Schultern getragen werden.

Szenen vor und auf der Ladefläche eines offenen Waggons, der als multifunktionale und bewegliche Bühne dient, deuten den mörderischen Job an, der durch Hitze und Malaria noch zehrender wurde. In Kigoma nieteten Hunderte von Arbeitern das Schiffspuzzle auf einer improvisierten Werft dauerhaft zusammen. Genützt hat es wenig, denn schon 1916 zogen die deutschen Kolonialtruppen ab, der Dampfer wurde von der eigenen Besatzung versenkt. Wenig später hoben Belgier den Dampfer, der dann wieder in einem Sturm sank, später aber durch die britische Mandatsmacht erneut gehoben und dann auf den Namen „Liemba“ (der See) getauft wurde.

Siemssen reiste mehrfach nach Kigoma, um nach Geschichten über den Dampfer zu suchen. In Afrika wurde das Stück im Juni dann auch in einer Werkstatt-Version gezeigt, und zwar im Verlauf einer Bahnreise von Kigoma nach Daressalam. Seit Monatsbeginn ist das Stück auf Norddeutschland-Tournee: Und von Donnerstag, 16. Juli, bis Dienstag, 21. Juli, wird es am Columbusbahnhof im Überseehafen von Bremerhaven gezeigt. Beginn ist jeweils um 21.30 Uhr. Karten kosten 24 Euro. Telefonische Infos gibt es unter 04749/102564.

epd

www.das-letzte-kleinod.de

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