Hygiene-Experte sieht Kliniken vor großer Herausforderung / Weitere Mängel

Kliniken rechnen mit mehr gefährlichen Bakterien

Prof. Dr. Martin Exner gestern vor dem Untersuchungsausschuss Krankenhauskeime. ·

Bremen - Von Elisabeth Gnuschke„Damit werden wir künftig zu rechnen haben“, sagte Hygiene-Experte Prof. Dr. Martin Exner gestern Nachmittag vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich mit dem Keimskandal im Klinikum Mitte (KBM) befasst. Rechnen muss man laut Exner damit, dass immer mehr kleine Patienten gefährliche ESBL-Klebsiellen aufweisen. Grund seien Kinder aus dem Ausland, zum Beispiel Osteuropa und Pakistan, die „hochkolonnisiert“ seien.

Dieses Problem stelle die Kliniken in Deutschland vor eine große Herausforderung. Der Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit (Bonn), der im Frühjahr nach dem erneuten Keimausbruch auf der wiedereröffneten Neonatologie am KBM zur Spurensuche gerufen worden war, regte an, ausländische Kinder bei der Aufnahme in deutsche Kliniken sofort auf Keime zu screenen und gegebenenfalls zu isolieren. Exner vermutet, dass der gefährliche Keimstamm von einem Kind aus dem Ausland in Bremen eingeschleppt wurde. Bis zum Auftauchen bei den Frühchen 2011 am KBM sei er in Deutschland nicht bekannt gewesen, sondern nur in Osteuropa.

Mehrere Säuglinge waren 2011 am Darmkeim gestorben, weitere erkrankt. Nach Schließung und Desinfizierung wurde die Neonatologie Anfang 2012 wiedereröffnet. Wenige Wochen später waren erneut Frühchen besiedelt. Inzwischen sind Neonatologie und Geburtsstation am KBM geschlossen. Frühchen werden im Klinikum Links der Weser (LdW) und in Nord versorgt.

Exner schilderte dem Ausschuss seine Suche nach der Quelle des Keims, nachdem andere Experten sie weder beim Personal noch bei Angehörigen ausgemacht hätten. Der Experte, der auch in der deutschen Kommission für Krankenhaushygiene sitzt, machte deutlich, wie wichtig die Ursachenforschung für die Krankenhauslandschaft ist. Er bekräftigte seine vor drei Wochen vorgestellte These (wir berichteten), dass die Ursache im Desinfektionsmitteldosiergerät mit Tuchsystem zu finden ist. Während es im März weder in der Lösung noch an den Tüchern Befunde gegeben habe, habe das Institut schließlich im Trinkwasserschlauch am Gerät einen „deutlichen Biofilm“ gefunden. Unmittelbar vor der Zumischungsstelle fanden die Experten, so Exner, die Klebsiellen. Mit Lösung und Tüchern seien Flächen und auch Inkubatoren desinfiziert worden, in der Gewissheit, man mache alles richtig. Bisher gehöre die Überprüfung des Biofilms nicht zu den Standarduntersuchungen, doch da müsse nachgebessert werden.

Der letzte Beweis, dass es sich bei den Keimfunden am Dosiersystem um denselben Stamm handelt, wird laut Exner allerdings nicht erbracht werden können. Da die Geräte vor den Tests längere Zeit nicht benutzt wurden, sei der Stamm nicht mehr feststellbar gewesen, möglicherweise schlicht abgestorben.

Exner lobte am Ende seiner Ausführungen ausdrücklich die hohe Professionalität der Mitarbeiter und ihre Bereitschaft, die notwendigen Hygienemaßnahmen einzuhalten.

Während der Ausschuss tagte, kam von der Klinik-Holding eine gute Nachricht: Die Klebsiellen, die vor wenigen Tagen an einem 13 Monate alten Kind festgestellt wurden (wir berichten), weisen nicht den genidentischen Stamm wie bei den Frühchen auf. Der Junge war als Notfall ins KBM eingeliefert worden. Er ist, wie es hieß, wieder wohlauf zu Hause.

Fassungslos war der Ausschuss angesichts des vorgelegten Protokolls eines Desinfektors aus Oldenburg, der von November bis jetzt im KBM engagiert war. Er kritisiert, dass es bis vergangene Woche eklatante Hygienefehler am KBM gegeben habe. Bereits ein anderes Gutachten hatte der Reinigung ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Im neuen Bericht wird unter anderem bemängelt, dass feucht desinfizierte Flächen mit einem Tuch trocken nachgewischt wurden, was nicht den Vorschriften entspreche. Die Pflegerische Chefin der Klinik will die Vorwürfe prüfen lassen.

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