„Damit alles fließt“

„Mein Kunst-Stück“ mit Carsten Dietz und seinem Werk „Jazz“

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In seinen Jazz-Bildern fängt Carsten Dietz die Stimmung eines Konzerts ein. Dieses Kunstwerk entstand in japanischer Tuschemalerei, bei der das Motiv in einer fließenden Bewegung gemalt wird. 

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Jazz“ heißt Carsten Dietz’ Bild, das er in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Es ist japanische Tuschemalerei und entstand live während eines Konzerts. Damit das funktioniert, bedarf es einer besonderen Leinwand.

Es ist das erste Bild, mit dem Carsten Dietz 2016 seine gleichnamige Reihe „Jazz“ begann. Um die Stimmung eines Konzerts direkt einzufangen, malt Dietz seine Jazz-Bilder live. Das besondere bei der Tuschemalerei ist, dass das Motiv in einer fließenden Bewegung gemalt werden muss. Jedes Zögern führt zu einem dunkleren Fleck. Das Bild wird schlechter und der Betrachter erkennt die Unsicherheit. So kann es sein, dass ein und dasselbe Bild zigmal gemalt werden muss, bis es wirklich in einem Zug gelingt. „Diese Kunst verzeiht nichts“, sagt Dietz. „Man braucht höchste Konzentration und muss beim Malen dann den Kopf ausschalten, damit alles fließt.“

Um zu Konzerten live zu malen, entwickelte Dietz eine spezielle Leinwand. Für Tuschemalerei auf Papier bräuchte er einen Tisch. Die Leinwand dagegen bietet einen stabilen Untergrund. Sie beklebt der Künstler mit Reispapier. Als Kleister dient verkochter Reis. Dank ihm bleibt das Reispapier saugfähig und durchlässig. Beim Bremer Musikfestival „Jazz-ahead!“ im April will Dietz sein „Live-Painting“ vor Publikum im Übersee-Museum präsentieren.

Die kleine Wachtel als Markenzeichen

Seit 30 Jahren widmet sich Dietz der traditionellen Tuschemalerei. Farbe, Papier und Pinsel werden aufwendig hergestellt. Im Gegensatz zur bunten, floralen chinesischen Tuschemalerei ist der japanische Stil minimalistisch und schwarzweiß. Die auf der Zen-Philosophie basierende Kunst zeigt sich stark reduziert. Trotzdem setzt Dietz gerne eine kleine Wachtel in seine Bilder – als kleines Schmankerl und Markenzeichen.

Gemalt hat Dietz bereits als Kind. „Und ich habe dann nicht, wie die meisten Kinder, irgendwann damit aufgehört.“ Mit 16 war er sich sicher, dass er Künstler werden wollte. Als er die Kunsthochschule in Braunschweig besuchte und von den finanziellen Sorgen der Künstler erfuhr, entschloss sich Dietz lieber für eine feste Anstellung. „So komme ich bis heute gut aus, brauche nicht bitte, bitte zu sagen und kann meine Reisen finanzieren“, sagt Dietz. Gerade erst war er zwei Monate in Taiwan.

Der Bremer lebt seine Kunst. Sein Atelier ist ganz im japanischen Stil eingerichtet. Er gibt Kurse, zeigt Live-Paintings und besucht fernöstliche Meister, um sich stetig weiterzuentwickeln. Die Lehrer dort seien streng und autoritär, sagt Dietz. Dabei lerne man allerdings, sich selbst ein Stück weit zurückzunehmen.

„Kunst ist die letzte große Freiheit der Menschheit“

Ob wir Kunst brauchen? „Ja, auf jeden Fall. Die Kunst ist die letzte große Freiheit der Menschheit. Die Künste geben Vitamine für die Seele. In einer Zeit der überbunten Werbung kann die zurückgenommene japanische Kunst etwas Ruhe und Frieden ins Leben bringen. Wir haben zu viel von allem und trotzdem ist die Seele leer. Die Tuschekunst lässt immer Platz für Gedanken.“

Zu den Künstlern, die für Dietz besonders bedeutend sind, zählen die Japaner Inoue Yu-Ichi (1916 bis 1985) und der Zeitgenosse Koji Kakinuman mit mehr als zehn Meter großen Werken. Beide sind meisterhafte Tuschekünstler, die vollen Körpereinsatz in ihre großformatige Malerei bringen. Sie nutzen dafür Pinsel, so groß wie Reisigbesen. Auch der Bremer plant ein Projekt in riesigen Dimensionen.

Wenn Dietz jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann würde er für alle Menschen seine kleinen Wachteln malen. Denn die Wachtel betrachte skeptisch, was man so treibt. Sie solle uns an unseren Überkonsum erinnern. „Dass wir oft das Schöne in der Welt nicht mehr sehen, das so oft in Kleinigkeiten steckt. Sie ermuntert uns, innezuhalten.“

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