Distanziert speisen

Nach Corona-Zwangspause: Bremer Gastronomie ist wieder am Start

Carmen, Mitarbeiterin im „Paulaners“ an der Schlachte, hat das Desinfektionsspray dabei. Sie zeigt auf wichtige Hinweisaufkleber auf dem Tisch. Diese Plätze sollen nicht belegt werden. Foto: KOWALEWSKI
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Carmen, Mitarbeiterin im „Paulaners“ an der Schlachte, hat das Desinfektionsspray dabei. Sie zeigt auf wichtige Hinweisaufkleber auf dem Tisch. Diese Plätze sollen nicht belegt werden.

Nach der Coronavirus-Zwangspause kann in Bremen die Gastronomie wieder starten - natürlich unter strengen Auflagen. Wir haben uns umgeschaut.

Bremen - Cyrill Plötz (34) hat alles ausgemessen. 1,50 Meter Abstand zwischen den Gästen, zwei Meter zwischen den Tischen. Auch in den Gängen dazwischen muss der Mindestabstand gewährleistet sein. Der Gastronom hat seine Restaurants „Toucan“ im Viertel und „Bandonion“ für den Betrieb mit Corona-Auflagen hergerichtet. Seit Montagabend ist die Bremer Gastronomie wieder am Start.

Coronavirus in Bremen: Gastronomen starten mit Mindestabstand neu

Plötz hat kleine Markierungspunkte auf die Terrasse des „Toucan“ gemalt. Normalerweise können 70 Personen draußen an der frischen Luft sitzen. Mit Mindestabstand sind es nur noch 35. Innen sinkt die Zahl von 30 auf 16. Das wirkt sich auch auf die Atmosphäre aus. „Die Gäste mögen es gerne etwas enger“, sagt Plötz. Im „Toucan“ gibt es Flammkuchen und gute Weine. Die Atmosphäre ist ein bisschen französisch angehaucht.

Dennoch macht sich Plötz keine Sorgen um die Gemütlichkeit. „Die Menschen sind ja da. Sie sind die Hauptträger für eine gute Atmosphäre“, sagt er. Alles muss nach der Benutzung desinfiziert werden, natürlich auch die Tische. Aus diesem Grund verzichtet er auf Vasen mit Blumen. Die Speisekarten aus schönem Papier stecken in Plastikfolien. Die Terrasse füllt sich. Bald sind fast zehn Gäste da.

Corona-Neustart für Bremer Gastronomie - Daten werden erhoben

Gruppen aus zwei Haushalten dürfen mittlerweile zusammenkommen. Prüfen kann das Personal das nicht. „Wenn wir das nicht glaubwürdig finden, würden wir nachfragen.“ Das Personal schreibt die Kontaktdaten auf, den Namen und eine Handynummer oder E-Mail-Adresse, entsprechend der Bremer Verordnung. Hier werden die Listen handschriftlich geführt. Nach drei Wochen werden die Daten vernichtet, heißt es. Sollte ein Corona-Fall unter den Besuchern auftreten, gehen die Listen ans Gesundheitsamt.

Plötz findet, dass die Politik einiges tut. So helfe etwa auch die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent. „Wir müssen aber abwarten, wie die Lebensmittelpreise sich entwickeln“, sagt er. Die Großhändler hätten acht Wochen lang wenig verkauft. Ob sich der Betrieb für Plötz lohnt, wird sich zeigen. Am nächsten Tag sagt er: „Das war ganz okay, wie ein mieser Montag sonst.“

Gastronom Cyrill Plötz schiebt den Tisch im „Toucan“ auf eine Markierung.

Etwa 30 Prozent der Gastronomen öffnen an diesem Tag nicht, sagt Oliver Trey (36), Mitbetreiber der Schlachthof-Kneipe und weiterer Gastrotomien sowie Teil einer Vernetzung von 200 Bremer Wirten. Ein Hauptgrund: Montag ist ein schwacher Tag. Manche Gastronomen wollen erstmal ein oder zwei Wochen abwarten. Einige würden gar nicht öffnen, weil der Platz einen wirtschaftlichen Betrieb nicht zulasse.

Nach Corona-Zwangspause: Viel los an der Schlachte

Am Nachmittag ist bereits einiges los auf den Außenplätzen an der Schlachte, drinnen eher wenig. Die Gruppen halten Abstand. Die Stimmung bei Bier, Kaffee und Essen ist ausgelassen. Zwei speisende Frauen an verschiedenen Tischen unterhalten sich munter über mehrere Meter Entfernung. Die Außenbereiche sind mit Signalbändern abgesperrt, Ein- und Ausgang festgelegt. Überall erinnern Schilder an die Sicherheitsmaßnahmen. Das Personal trägt Masken und hat oft auch Desinfektionsspray dabei. Hände werden desinfiziert. Der Betrieb findet fast ausschließlich im Freien statt, unter Wolken mit mal durchkommender Sonne.

Ronald Koch, unter anderem Geschäftsführer des „Paulaners“ und des „Luv“ an der Schlachte, sagt: „Wir haben mehr Personal eingesetzt. Man muss am Anfang dafür sorgen, dass die Leute abgeholt werden und sie an neue Laufwege und Verhaltensweisen gewöhnen.“ Auch er musste die Platzzahl reduzieren. Das „Paulaners“ habe innen 120 Plätze, bei Berücksichtigung der Abstandsregeln nur noch 75. Nach der Bremer Verordnung darf nur die Hälfte der Plätze belegt werden. Fürs „Paulaners“ bleiben so 60 Plätze drinnen.

Koch hat beobachtet: Die Stammgäste sind wieder da, aber einige Stammplätze nicht. Einige wollten draußen sitzen, wohl aus Angst vor dem Virus und abgeschreckt durch fragwürdige Medienberichte. Koch betont: „Die Gastro kann Hygiene. Die Hygieneregeln umzusetzen, fällt uns nicht schwer. Wir haben alle Mitarbeiter zu Infektionsschutzhelfern ausgebildet.“

Info: Dehoga befürchtet Pleiten nach Corona-Krise

Gewinne sind für Gastronomen zunächst wohl kaum ein Thema. Nathalie Rübsteck, Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gatstättenverbandes Dehoga in Bremen, verweist auf eine Befragung in Niedersachsen. „90 Prozent haben gesagt, wir können unter den Einschränkungen nicht wirtschaftlich sein“, sagt sie. 

„Aber es ist gut, wenn das Minus kleiner wird.“ Seriöse Einschätzungen würden eine Pleitewelle kommen sehen, die 30 Prozent der Betriebe treffe. „Wir hoffen, es wird weniger sein“, sagt sie. Es werde kritisch, wenn nach einem Jahr die Rückzahlung der Kredite beginne. Die Gastronomen müssten prüfen, ob sie Preise schweren Herzens erhöhen müssten, um zu überleben. Niedrigere Preise seien jedenfalls nicht der Sinn der Mehrwertsteuersenkung. Auch sie hat am Montag Eindrücke gesammelt. „Wir hatten wieder ein ganz gutes Angebot in der Stadt“, sagt sie.

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