Von Polio für Covid-19 lernen

Kinderarzt: Corona-Impfung bei Erwachsenen ist wirksamster Schutz für Kinder

Schluckimpfung gegen Polio bei einem afghanischen Mädchen. In Deutschland gilt die Krankheit zwar als ausgerottet, nicht aber in anderen Ländern. Mit dem Thema befassen sich Experten beim Welt-Polio-Tag in Bremen.
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Schluckimpfung gegen Polio bei einem afghanischen Mädchen. In Deutschland gilt die Krankheit zwar als ausgerottet, nicht aber in anderen Ländern. Mit dem Thema befassen sich Experten beim Welt-Polio-Tag in Bremen.

Über den Kampf der Rotarier gegen Polio und welche Lehren man daraus im Umgang mit der Corona-Pandemie ziehen kann, darüber spricht Kinderarzt Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz im Interview.

Bremen – Er leitete 20 Jahre die Prof.-Hess-Kinderklinik in Bremen, forschte schon Ende der 70er Jahre zu Virus-Infektionen und setzt sich bis heute als Rotary-Mitglied im Kampf gegen Polio ein: Nun will Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz mit einer großen Infoveranstaltung anlässlich des Welt-Polio-Tages am Sonntag, 24. Oktober, für mehr Aufklärung im Kampf gegen die umgangssprachlich als Kinderlähmung bezeichnete Erkrankung aufmerksam machen. Im Interview berichtet der 67-Jährige über seine Erfahrungen im Kampf gegen Polio, welche Lehren man daraus im Umgang mit der Corona-Pandemie ziehen kann und was Bremen richtig macht.

Das große Deutschland-Treffen der Rotarier anlässlich des Welt-Polio-Tages steht an. Was erwartet die Besucher?

Eine Informations- und Motivationsveranstaltung. Zum einen wollen wir über das Krankheitsbild von Polio aufklären, das vielen heute wieder unbekannt ist. Durch die hohe Impfquote gilt die Krankheit hier als ausgerottet, doch für andere Länder gilt das nicht. Da das Virus hochansteckend ist, könnte es auch hier zu Fällen kommen, wenn wir nicht richtig aufpassen. Zum anderen wollen wir zum weiteren Kampf gegen Kinderlähmung auf allen Ebenen motivieren und Spenden sammeln.

Kinderarzt und Organisator der Veranstaltung zum Thema Polio: Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz.

Polio gilt in Deutschland seit Jahren als ausgerottet. Warum ist es Ihres Erachtens dennoch so wichtig, über eine quasi nicht mehr existierende Viruserkrankung zu informieren?

Das stimmt, Polio gilt in Deutschland als ausgerottet. Doch allein ein Blick auf Baden-Württemberg, wo in Teilen eine Polio-Impfquote von knapp 70 Prozent bei Einschulungen vorherrscht, zeigt: Wenn es zu einer Einschleppung käme, könnte sich das Virus dort relativ gut ausbreiten – und es gebe wieder gelähmte oder tote Kinder. Doch es gibt auch Beispiele wie Pakistan und Afghanistan, dort treten weiterhin Fälle und Infektketten auf. Deswegen haben wir auch Redner aus diesen Regionen eingeladen (...).

Sie haben 20 Jahre lang die Prof.-Hess-Kinderklinik geleitet, zweieinhalb Jahre in einem ländlichen Krankenhaus in Ruanda gearbeitet und engagieren sich bis heute für benachteiligte Kinder. Welche Erlebnisse haben Sie im Kampf gegen Polio geprägt?

Insbesondere die Zeit in Ruanda hat mich sehr geprägt. Zu der Zeit, als ich dort war, war Polio allgegenwärtig. Gelähmte Kinder wurden zu gelähmten Erwachsenen oder hatten gelähmte funktionslose Gliedmassen. Alle Erkrankten waren vollkommen klar im Kopf, intelligent, aber eben gelähmt oder hatten Gliedmaßen verloren. Die Dinge, die ich dort gesehen habe, zeigen: Der Kampf gegen Polio ist eine wesentliche Sache. Das Virus könnte zurückkommen, zuletzt wurden Fälle aus der Ukraine gemeldet – und zwar an der Westseite des Landes an der Grenze zu Polen und der Slowakei. Also nicht so weit weg von uns.

2018 gab es 33 gemeldete Polio-Fälle weltweit, 1988 waren es rund 350.000

Das Engagement gegen Poliomyelitis hat nach Jahrzehnten einen positiven Ausgang genommen. 1988 infizierten sich jährlich noch rund 350.000 Menschen weltweit, 2018 waren es gerade einmal 33 gemeldete Fälle. Welche Lehren lassen sich daraus für den Kampf gegen das Corona-Virus ziehen?

Ganz entscheidend war und ist im Kampf gegen Covid-19 das Info- und Materialvergabesystem der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO). Informationen sammeln, auswerten, weitergeben – das funktioniert exzellent. Gerade Staaten mit einem schwachen Gesundheitssystem und einer schwachen Verwaltung haben davon profitiert. Die Verteilung von Masken und Desinfektionsmitteln, die die WHO auch in Zusammenarbeit mit den Rotariern weltweit organisiert hat, war da sehr hilfreich. Und natürlich das Wissen: Ein Virus macht vor Ländergrenzen nicht Halt, also dürfen auch Hilfsaktionen dort nicht aufhören.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, die „epidemische Lage nationaler Tragweite“ aufgrund der hohen Impfquote Ende November auslaufen zu lassen. Denken Sie, dass das der richtige Schritt ist?

Aus rechtlicher Sicht kann ich das schwer einschätzen. Dennoch glaube ich, dass das der richtige Schritt wäre. Die schlimmste Gefahr ist vorüber. Wobei wir bedenken müssen, dass die Delta-Variante wesentlich ansteckender ist als das Ursprungsvirus. Deshalb wäre mein Vorschlag, auch in Zukunft auf die 2G-Regel zu setzen, also nur Genesene und Geimpfte an gewissen Veranstaltungen teilnehmen zu lassen.

Schutz für Kinder vor Corona gelingt am besten durch Imfpung der Erwachsenen

Was wäre dann mit Kindern unter zwölf Jahren, die sich aktuell noch nicht impfen lassen können?

Für Kinder besteht zurzeit noch eine gewisse Gefahr, ja. Aber wir wissen auch, dass Kinder in den seltensten Fällen einen schweren Krankheitsverlauf durchleben. In drei von 10.000 Fällen kommt es zum sogenannten PIMS-Syndrom, einem Entzündungssyndrom, bei dem das Immunsystem verrücktspielt, das aber von Ärzten auch schnell erkannt werden kann. Die einfachste und wirksamste Methode, Kinder zu schützen, lautet deshalb: Alle Erwachsenen sollten sich impfen lassen.

Noch einmal zurück zur Äußerung von Herrn Spahn. Was glauben Sie: Können wir uns bald wieder auf ein ganz normales Leben freuen?

Wir haben schon deutliche Lockerungen erlebt, über diese können wir uns bereits jetzt freuen. Dennoch glaube ich, dass uns Masken noch mindestens diesen Winter begleiten werden – und die angesprochene 2G-Regel. Als drittes zentrales Thema sehe ich die Drittimpfungen (...).

Blicken wir nach Bremen. Das Land ist mit einer Quote von mehr als 80 Prozent Erstimpfungen Impfspitzenreiter in Deutschland. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Drei Aspekte sehe ich hier als zentral. Vorneweg die beiden Impfzentren an der Bürgerweide und in Bremen-Nord. Beide Zentren sind medizinisch und organisatorisch sehr gut aufgestellt. Man hat da nur Gutes gehört. Entscheidend war hier sicherlich auch, dass Privatpersonen involviert sind – Hoteliers, Personen aus der Eventbranche, Unternehmer, Organisationen, die die Impflinge wie sehr willkommene Gäste empfingen. Vieles wurde außerdem durch Haus- und Betriebsärzte abgedeckt. Und dann gibt es die mobilen Impfteams, die zu den Leuten fahren (...). Man darf nicht erwarten, dass die Menschen zu einem kommen.

Angst vor Corona-Impfung unbegründet – Impfstoff sehr gut getestet

Trotz relativ hoher Impfquote in Deutschland gibt es weiterhin zahlreiche Menschen, die skeptisch sind und Angst haben vor einer Impfung. Wie nehmen Sie Impfskeptikern die Angst?

Die Angst ist unbegründet. Das ist so. Kaum ein Impfstoff wurde so gut getestet, wie die Vakzine gegen Covid-19. Und seien wir ehrlich, zurzeit gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt sich impfen oder steckt sich an. Es wird immer Menschen geben, die sind, sagen wir, esoterisch veranlagt. Die wird keiner zur Impfung bewegen können, aber ihnen muss man entgegentreten und sagen: Genauso wie wir wissen, dass die Welt keine Scheibe ist, so wissen wir, dass es das Virus gibt, dass es gefährlich ist und Menschen sterben. Man kann es gar nicht oft genug sagen, aber wir können uns glücklich schätzen. Glücklich schätzen, dass jedem Menschen in Deutschland ein kostenloser Impfstoff angeboten wird. Ohne Impfung gegen Covid-19 wäre Deutschland in einer Katastrophe versunken.

Tagung mit Experten aus aller Welt

Vorträge, Podiumsdiskussion, Ausblick in die Zukunft: Die Infoveranstaltung der acht Bremer Rotary Clubs zum Welt-Polio-Tag am Sonntag, 24. Oktober, steht bevor. Um 13.30 Uhr öffnen sich die Türen im Haus der Bürgerschaft (Am Markt 20) – sowohl für Gäste vor Ort als auch online. Während Rotary-Distriktgovernor Gerd Beckmann und Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff (CDU) um 14 Uhr die Besucher mit Begrüßungsworten in Empfang nehmen und thematisch auf den Nachmittag vorbereiten, folgen bis 17 Uhr verschiedene Vorträge von Experten aus aller Welt. Unter ihnen Aziz Memon aus Pakistan, der seit 1995 an der Ausrottung der Kinderlähmung maßgeblich beteiligt ist, und Adian O’Leary von der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO). Der Eintritt ist kostenfrei, es gilt die 3G-Regel. Kostenlose Corona-Tests sind vor Ort erhältlich, heißt es von den Organisatoren. Tickets gibt es unter „www.welt-polio-tag.de“, auch der Link für die Teilnahme an der Online-Veranstaltung ist dort abrufbar.

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