Selbsthilfe-Netzwerk organisiert Gruppen für Genesene

Bremen: Corona bedeutet Neuland

Andreas Weippert verschiebt eine Trennwand.
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Alles in Griff: Andreas Weippert ist Sprecher des Selbsthilfe-Netzwerks Bremen-Nordniedersachsen mit Sitz in der Faulenstraße.

Der Bedarf steigt: Corona-Genesene gründen Selbsthilfegruppen. Auch Angehörigengruppen geraten in den Fokus. Derweil sinken die Inzidenzwerte in Bremen weiter.

Bremen – Corona hat auch die Arbeit des Selbsthilfe-Netzwerks Bremen-Nordniedersachsen mit Sitz im Bremer Stephani-Viertel massiv erschwert. Das Netzwerk berät und hilft Selbsthilfegruppen bei den besonderen Anforderungen in der Startphase. Auch hilft es Interessierten, mit den Gruppen in Kontakt zu kommen. Eine gute Nachricht: Es gibt bereits Selbsthilfegruppen zu Corona in Präsenz und online.

Eine Präsenzgruppe der Corona-Genesenen wird geleitet von Imke Boidol, Referentin für Selbsthilfe bei dem Netzwerk. Die Altersspanne in der Gruppe liege von Ende 20 bis über 60, sagt Boidol. „Viele sind noch im Berufsleben.“ Auch hier geht es um Alltagsfragen, etwa: „Wie gehe ich mit Erschöpfung um?“ oder „Wie gehe ich damit um, dass mir der Geruchssinn abhandengekommen ist?“. Boidol sagt: „Wir versuchen, das Positive in den Fokus zu stellen.“ Es gehe darum, Strategien zu entwickeln. Eine typische Sorge: Die Rückkehr ins Berufsleben, etwa mit Konzentrationsproblemen.

Boidol sagt: „Es gibt den Wunsch, dass mehr auf die Genesenen geguckt wird und darauf, was die brauchen.“ Das beträfe auch individuelle Gesundheitsleistungen. „Alle sollen eine gute Reha bekommen.“ Eine zweite Präsenzgruppe ist geplant. Interessierte an Online- oder Präsenz-Gruppen können sich beim Netzwerk (Faulenstraße 31, Telefon: 0421/70 45 81) melden.

„Es geht um den Schutz der Privatsphäre“

Sabine Bütow, Geschäftsführerin des Netzwerks Selbsthilfe, hat für die Anfangsphase die Moderation für eine virtuelle Selbsthilfegruppe der Corona-Genesenen übernommen. Die Gruppe nahm ihre Arbeit mit zehn Frauen auf, viele davon im Alter bis 40. Ein Thema: Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme. „Die Frauen wurden oft bei den Ärzten nicht richtig ernst genommen“, sagt Bütow. Bei Corona gibt es noch keine eingefahrenen Routinen. Die Krankheit und ihre Folgen bedeuten Neuland. Bütow berichtet von Aktivitäten, mit denen sich die Erkrankten helfen. „Manche machen Yoga-Übungen, andere Atemübungen.“

Andreas Weippert, Sprecher des Netzwerkes, sieht den Verzicht auf persönliche Begegnung im Selbsthilfekontext kritisch. „Online ist eine Ergänzung. Selbsthilfe lebt vom persönlichen Kontakt“, sagt er. Es gehe um persönliches Vertrauen und einen geschützten Rahmen. Hieraus ergibt sich auch die Rolle des Netzwerks. „Wir sind der Flaschenhals. Es geht um den Schutz der Privatsphäre“, sagt Weippert.

Schon mehr als 25 Jahre gibt es das Netzwerk. „Los ging es mit relativ wenig Gruppen.“ Von Anfang an dabei seien Gruppen zu Alkohol und Sucht gewesen. Für die gibt es eigene Trägerverbände. Dann seien Gruppen zu psychischen Erkrankungen hinzugekommen. „Man darf mittlerweile sagen, dass man psychische Probleme hat, ohne stigmatisiert zu werden“, sagt Weippert. Er spricht von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung plus Suchtproblematik. „Die haben es schwer, sich auszudrücken. Die Gestik kann missverstanden werden.“ Relativ neu im Fokus seien auch Angehörigengruppen, etwa von Manisch-Depressiven. Auch gibt es Gruppen von pflegenden Angehörigen in den Stadtteilen. „Es ist eine kolossale Entlastung, wenn man sich austauschen kann“, sagt Weippert. „Der Gang in die Selbsthilfegruppe ist gesellschaftsfähig geworden.“

6500 Anfragen im Corona-Jahr

Bei dem Projekt „Zeit schenken“ treffen sogenannte „Zeitnehmer“, Pflegebedürftige, auf sogenannte „Zeitgeber“, die sie besuchen und mit Ihnen Freizeitaktivitäten unternehmen. 126 Personen machen mit. 55 Ehrenamtliche treffen auf 71 Menschen mit Besuchswünschen.

Etwa 700 Selbsthilfegruppen gibt es in Bremen und dem niedersächsischen Umland und können über das Selbsthilfezentrum erreicht werden. 80 Gruppen kommen bei Normalbetrieb in die Räume des Netzwerks. Der Rest habe sich über die Stadt verteilt. Die meisten der etwa 20 000 Nutzer des Netzwerkes kommen aus Bremen, teilweise auch aus einem Umkreis von 40 bis 50 Kilometern, auch aus Verden, Achim, Stuhr, Syke und Delmenhorst. 6 500 Anfragen sind im Corona-Jahr 2020 beim Netzwerk eingegangen, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. „Nur im Sommer hatten wir kurze Zeit zu“, sagt Weippert.

Inzidenz sinkt unter 30

Die Inzidenzwerte sinken weiter – am Donnerstag laut Gesundheitsamt in der Stadt Bremen auf 29,6. Damit rücken weitere Lockerungen in Sichtweite. Der Senat will darüber heute, am Freitag, in einer Sondersitzung beraten. Auch in Bremerhaven ist die Inzidenz erstmals seit langer Zeit wieder unter die 50er-Marke gefallen – auf 42,2. Damit entfällt auch in der Seestadt ab sofort unter anderem die Testpflicht für den Besuch der Außengastronomie.

Das Gesundheitsamt meldete am Donnerstag für das Land 54 Neuinfektionen mit dem Coronavirus, davon neun in Bremerhaven. Es wurde kein weiterer Todesfall in Zusammenhang mit Covid-19 registriert, die Zahl der Opfer seit Beginn der Pandemie liegt landesweit bei 473. Als aktiv infiziert gelten derzeit 284 Menschen. 71 Personen werden in den Kliniken des Landes stationär versorgt, davon 29 auf Intensivstationen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) haben im Land Bremen bis Donnerstag 295 061 Menschen mindestens eine Impfdosis gegen das Virus bekommen. Die Impfquote im Land liegt bei 43,3 Prozent. 19,7 Prozent sind vollständig geimpft.

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