50 Pflanzkisten neben dem Rathaus

City-Gemüse wächst auf dem Domshof

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Pflanzkisten und Hopfen-Rankgitter neben dem Rathaus und vor dem Eingang zum Landesbank-Neubau (Nord-LB) auf dem Domshof.

Bremen - Kohlrabi und Salbei am Weltkulturerbe Rathaus – nun, das gibt es beinahe täglich. Nämlich dann, wenn auf dem Domshof der Wochenmarkt öffnet. Nun aber wachsen Kohlrabi und Salbei dort auch noch.

Nutzpflanzen gedeihen mitten in der Stadt – in Gröpelingen und in der Überseestadt gibt es die „Gemüsewerft“ und auch auf dem Hanseatenhof in der Innenstadt wachsen seit dem vergangenen Jahr allerhand Pflanzen. Dafür verantwortlich ist Michael Scheer, Geschäftsführer der Gesellschaft für integrative Beschäftigung (GIB).

Er holt die Landwirtschaft in die Innenstadt, heißt es. Die gemeinsame Ernte im Spätsommer war im vergangenen Jahr auf dem Hanseatenhof ein Publikumserfolg. Aber Michael Scheer ist noch nicht zufrieden. Ihn zieht es weiter in Richtung Rathaus – mit Unterstützung der Behörden, versteht sich.

Gemüse, Kräuter und Hopfen

Und so stehen nun auch auf dem Domshof Pflanzkisten – neben dem Rathaus und vor dem Landesbank-Neubau (Nord-LB). Aufgestellt wurden sie mit der Hilfe des Großmarkts und der „Biostadt Bremen“. In den insgesamt 50 Pflanzkisten sollen jetzt vier Monate lang Gemüse, Kräuter und Hopfen wachsen. Neben Scheer erschienen dieser Tage Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) sowie Messe- und Großmarkt-Chef Hans Peter Schneider zur Einweihung der Kisten.

„Die Idee gefällt mir sehr gut“, sagte Linnert, selbst begeisterte Kleingärtnerin (aber nicht in der Innenstadt, sondern in Hastedt). „Durch die bauliche und verkehrliche Verdichtung sowie den Mangel an landwirtschaftlichen Nutzflächen in einer Großstadt bekommen Verbraucher immer weniger direkten Kontakt mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und deren Anbauweisen. Gleichzeitig sehnen sie sich zunehmend nach Produkten, die biozertifiziert und saisonal sowie regional verfügbar sind.“

„Ich freue mich sehr, dass wir mit dieser temporären Aktion die Aufenthaltsqualität des Domshofs erheblich verbessern können“, erklärte Schneider. Scheer über das City-Gemüse: „Für mich ist die ,essbare Stadt‘ Teil einer modernen Stadtentwicklung: Sie schafft Bildungs- und Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger und bietet einen Mikro-Lebensraum für Tiere und Pflanzen.“ - kuz

Kommentar: Die Ästhetik geht ein 

Von Thomas Kuzaj 

Der Effekt, das muss man zugeben, ist verblüffend. Auf der einen Seite das Rathaus – Weltkulturerbe, mit dem Bremen wirbt. Dann der Landesbank-Neubau, in dem inzwischen die Nord-LB sitzt, aber dennoch: Weltklasse-Architektur, international gerühmt. Und was stellen die Bremer davor? Holzkisten. 

Auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Und das dann noch als Verbesserung der „Aufenthaltsqualität“ auf dem Domshof zu verkaufen, wie es Großmarkt-Chef Hans Peter Schneider gemacht hat – kühn! Die 50 Pflanzkisten auf dem Domshof, sie sind der vorläufige Höhepunkt eines jahrelangen Ringens. Dieser Eindruck drängt sich auf. Die Stadt ringt mit dem Domshof, um seine Gestaltung. Doch der große Platz scheint die Stadt zu überfordern. Dabei gibt es so gute Ansätze. Hier stehen Dom, Rathaus und Neptun-Brunnen. Hier steht der Bank-Neubau. Es gibt das „Manufactum“-Warenhaus im früheren Bremer-Bank-Gebäude; es gibt die „Markthalle Acht“. Und, und, und. Es ist, kurz gesagt, sehr viel Substanz vorhanden. Trotzdem hat Bremen noch kein Rezept gefunden, den Platz außerhalb der Wochenmarktzeiten sinnvoll mit Leben zu füllen. 

Und während der Marktzeiten ist es ja fast noch schlimmer – der Markt bietet trotz jahrelanger Diskussionen und vieler (auch gut gemeinter) Versuche noch immer keinen Anblick, der Städtereisende, auf die Bremens Touristik-Strategen ja setzen, beeindruckt. Jedenfalls nicht positiv. Jetzt noch diese schäbigen Holzkisten auf den Platz zu stellen, wirkt wie ein Ausdruck all dieser Hilflosigkeit. Das hat der Domshof wirklich nicht verdient. 

Aber offenbar fehlt in der Stadt das Bewusstsein dafür, wie peinlich diese Aktion an diesem Ort wirkt. Zur Einweihung des (glücklicherweise) temporären Kisten-Gemüsegartens erschien sogar die Bürgermeisterin und Finanzsenatorin. Nun, nichts gegen gesunde Ernährung und gutes Gemüse! Aber das ästhetische Empfinden muss auch mal wachsen. Sonst geht es ein.

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