Bunker „Valentin“: Gedenkstätte erinnert an das Leid der Zwangsarbeiter

„Man lebt wie ein Tier“

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Harry Callan, ehemaliger Zwangsarbeiter aus Irland, vor der Gedenkstätte Bunker „Valentin“ in Farge.

Bremen - Von Doris Friedrichs. Nach mehr als vier Jahren Umbauzeit ist der U-Boot-Bunker „Valentin“ in Farge gestern vor gut 400 geladenen Gästen aus dem In- und Ausland als Gedenkstätte eröffnet worden. Neben Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) und dem früheren Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) richteten auch ein ehemaliger Häftling, die Tochter eines ehemaligen Zwangsarbeiters und ein Enkel Worte an die Besucher.

„Die ganze Woche bin ich ohne Frühstück zur Arbeit gegangen. Ich habe im Moment überhaupt keinen Lebenswillen. Man lebt wie ein Tier: Arbeit, Fütterung, Schlafen“, schrieb der polnische Zwangsarbeiter Stanislaw Masny in sein Tagebuch. Zeilen aus seinem Tagebuch wie aus dem des Italieners Elio Materassi und aus den Erinnerungen des Franzosen Raymond Portefaix waren gestern in den jeweiligen Sprachen der Autoren zu hören.

Die Gedenkstätte erinnert an das Leid der Zwangsarbeiter, die zwischen 1943 und 1945 auf der monströsen Bunkerbaustelle schuften mussten. Die Zwangsarbeiter schliefen in unbeheizten Baracken unter dünnen Decken. „Wir wurden behandelt wie Tiere“, sagte der 91-jährige Ire Harry Callan. Auch er war Zwangsarbeiter in Farge.

In vielen ehemaligen Konzentrationslagern seien viel früher Gedenkstätten entstanden, sagte Bürgermeister Sieling gestern. „Der Bunker aber erschien den Zeitgenossen keineswegs als Tatort nationalsozialistischer Gewaltverbrechen, sondern schon recht bald vorwiegend als technische Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst.“ Kaum ein Gedanke sei in den Jahren nach Kriegsende an die Menschen verschwendet worden, die den Bunker gebaut hätten. Spätestens mit Übernahme durch die Bundesmarine, die einen Zaun um das Gelände gezogen und ein Materialdepot im unzerstörten Teil errichtet hatte, sei der Bunker aus dem Bewusstsein der Bremer verschwunden.

„Es geht nicht nur um das, was damals geschah, es geht auch um das, was daraus für die Gegenwart folgt“, mahnte der Bürgermeister. „Das Konzept dieses Ortes gibt die Antwort nicht vor. Es soll die Menschen, die hierher kommen, dazu anregen, selbst darüber nachzudenken.“

Bis zu 12000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Deportierte aus ganz Europa arbeiteten beim Bunkerbau, mehr als 1100 Todesopfer sind namentlich bekannt. Zu den Überlebenden gehört Marian Hawling, ehemaliger polnischer Häftling im KZ Farge, der heute in Sidney seine Heimat hat. Bei Kriegsende war er gerade einmal 20 Jahre alt. Seine Grußworte richtete er per Video-Botschaft an die Besucher. Selbst seine Frau habe nach einigen Ehejahren noch nicht gewusst, dass er in einem Konzentrationslager gewesen war.

„Stundenlang trug ich Zementsäcke auf dem Rücken, Tag für Tag“, erinnerte sich Hawling. Er habe lange Zeit nach dem Krieg nicht über das Erlebte sprechen wollen. Erst vor etwa 20 Jahren begann er damit, weil sein Sohn darüber etwas erfahren wollte. Und er habe festgestellt, dass es ihn nicht mehr quälen würde. Auch Pauline Touber, Tochter eines ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiters, berichtete, dass ihr Vater erst in hohem Alter von seinen Kriegserlebnissen erzählte. Christian Pichot-Duclos, Enkel eines ehemaligen französischen Häftlings im KZ Farge, las die Namen der aus dem Heimatort seines Großvaters stammenden Männer vor, die während des Bunkerbaus in Farge zu Tode gekommen sind. Mit dem Wort „beklemmend“ fasste eine Besucherin am Ende der Veranstaltung das Gehörte und Gesehene zusammen.

Ab morgen, Dienstag, ist das Gelände des Bunkers zum ersten Mal seit den 60er Jahren wieder frei zugänglich. Ein Rundweg mit 25 Stationen führt durch und um den Bunker. Durch großformatige historische Fotos, Aussagen von Zeitzeugen und kurze Erläuterungen können sich Besucher über die Geschichte der ehemaligen U-Boot-Werft informieren. Eine Ausstellung im Informationszentrum schließt sich thematisch an und gibt zudem den Blick ins Bunkerinnere frei. Der Denkort Bunker „Valentin“ ist täglich – außer montags – von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

www.denkort-bunker-valentin.de

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