Bundesweit einzigartige kirchliche Handpuppenbühne bekommt neue Heimat

Der Kasper zieht um

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Das Laien-Ensemble der kirchlichen „Steffensbühne“ muss Abschied von seiner alten Spielstätte nehmen.

Bremen - Von Dieter Sell. Der Direktor ist schier untröstlich. „Heute ist ein ganz ein trauriger Tag“, schluchzt er den Kindern zu und vergräbt sein Gesicht in den Stoffhänden. „Buhuhuuuuu“, greint es gleich darauf wirklich herzzerreißend durch den Saal der Bremer „Steffensbühne“. Was denn so traurig sei, will der Kasper wissen. „Heute spielen wir das letzte Mal in unserem Theater“, klagt der Direktor mit tränenerstickter Stimme.

Doch der Kasper weiß Rat – wie schon so oft in der mehr als 70-jährigen Geschichte dieser bundesweit einzigartigen kirchlichen Puppenbühne. Noch ist es eine Probe, aber bald wird daraus Ernst: Die 1943 inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs gegründete Puppenbühne muss ihre Spielstätte aufgeben, weil ihre Räumlichkeiten mitsamt dem Zentrum der evangelischen St.-Stephani-Gemeinde (Faulenstraße) aufgegeben werden.

Die Mitgliederzahlen schrumpfen, die Kirche verkauft Gebäude, die nur noch wenig genutzt werden und legt Gemeinden zusammen. So soll die Bühne in einem Jahr in einem benachbarten Gemeindezentrum in nicht einmal einem Kilometer Luftlinie schöner wieder auferstehen. Bis der Umzug abgeschlossen ist, spielen Kasper und seine Freunde auf einer mobilen Bühne. „Doch erst mal wurde Abschied gefeiert mit einem Potpourri aus den besten Szenen der vergangenen Jahre“, sagt Bühnenchef Michael Kümmel (59).

Die Hauptdarsteller der Bühne stammen aus einer besonderen Schnitzer-Werkstatt stammen. Dabei handelt es sich nämlich ausschließlich um sogenannte Hohnsteiner Puppen. 90 an der Zahl baumeln im Fundus der Bühne. Allesamt griffbereit, wenn ihr Einsatz kommt.

Die Tradition des Hohnsteiner Puppenspiels und des Hohnsteiner Kaspers geht auf Max Jacob (1888 bis 1967) zurück, der mit seinem Theater zunächst in der Sächsischen Schweiz auf Burg Hohnstein Vorstellungen gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging Jacob nach Hamburg, wo er die Arbeit mit den typischen Hohnsteiner Puppen fortsetzte und auch internationale Anerkennung erlangte.

Die Bremer „Steffensbühne“ wurde gegründet, als Gemeindemitglieder im Widerstand gegen die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ ihre Gottesdienste lieber in Hauskreisen feierten. „Und wenn in den Häusern Gottesdienst war, gab es für die damals zahlreichen Kinder zeitgleich ein Puppenspiel“, blickt Kümmel zurück. Zuerst hatte Theatergründerin und Gemeindehelferin Magdalena Groot-Stoevesandt schlicht mit Figuren aus Kartoffeln und anderen außergewöhnlich gewachsenen Gemüsesorten gespielt. Später lag es nahe, in der Tradition der pazifistisch orientierten „Bekennenden Kirche“ Hohnsteiner Puppen einzusetzen.

Denn von wegen Knüppel aus dem Sack: Traditionell prügelt sich der Hohnsteiner Kasper nicht – weder mit dem Teufel noch mit der Hexe Klapperbein, dem Zauberer Zwackelmann oder ähnlichem Gelichter. Das gilt bis heute. „Der Kasper löst seine Probleme mit Hilfe der Kinder, mit Witz und Verstand“, erzählt Kümmel.

Und es gibt noch eine Tradition, die hochgehalten wird. Denn der Eintritt zu Kinder- und mittlerweile auch Erwachsenenstücken ist mit nur einem Euro fast geschenkt. „Wir verstehen die Bühne als Einladung an junge und ältere Besucher, das Handpuppenspiel für sich zu entdecken“, meint Kümmel, der zu einem zehnköpfigen Laien-Ensemble im Alter von 17 bis 75 Jahren gehört. Die Vorstellungen leben ganz klassisch vom Dialog mit dem Publikum und von der Hilfe der Kinder, wenn die Räuber gefasst werden müssen. Und besonders hoch her geht es im Publikum immer dann, wenn auf der Bühne mal wieder eine Verfolgungsjagd läuft.

epd

www.steffensbuehne.de

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