Bürgerschaftswahl am 10. Mai

Bremer Parteien setzen auf Straßenwahlkampf

+
Die Grünen-Politiker Karoline Linnert und Cem Özdemir schlendern kurz vor der Bürgerschaftswahl am 10 Mai durch das Bremer Viertel.

Bremen  - Übers Internet können Parteien viele potenzielle Wähler erreichen. Doch die Wahlkampf-Klassiker sind längst nicht überholt. In Bremen buhlen die Kandidaten nach wie vor auf der Straße um Stimmen.

Kai Wargalla - schwarze Kleidung, blau gefärbtes Haar - lächelt gewinnend. „Darf ich Ihnen einen Flyer mitgeben?“, fragt die junge Frau einen älteren Herrn. „Nee, Grüne wähle ich nicht“, sagt der. Auch bei einer Frau, die eine Einkaufstasche trägt, blitzt sie ab. „Ich habe mich schon entschieden.“ Doch davon lässt sich Wargalla nicht entmutigen: „Im Wahlkampf braucht man einen langen Atem.“

Vier Stunden wird sie an diesem Tag auf einem Markt in der Bremer Neustadt stehen. Danach will sie noch von Haustür zu Haustür ziehen, um in dem Stadtteil für die Bürgerschaftswahl am 10. Mai und letztlich auch für sich selbst zu werben. Die 30-Jährige ist mit grüner Politik aufgewachsen - und mit dem Internet. Ein Profil bei Facebook und Twitter ist für sie selbstverständlich. Trotzdem: Ohne den Straßenwahlkampf geht es auch in ihrer Generation nicht.

„Auf der Straße präsent zu sein ist das Wichtigste. Einfach nur ein paar Sachen zu posten, das hat auf Dauer keine Substanz“, findet Wargalla. Doch wie spricht man die Bürger freundlich an? Und wie verliert man die Scheu, bei Fremden an der Haustür zu klingeln? Wargalla hat sich darauf in einem Workshop vorbereitet, den die Grünen extra vor der heißen Wahlkampfphase veranstaltet haben.

„Natürlich tummeln wir uns auch im Internet“, sagt Ralph Saxe vom Landesvorstand der Grünen. „Doch wenn man Menschen überzeugen will, muss man auf die klassischen Mittel setzen.“ Neben Wahlplakaten bedeutet das vor allem, auf Wochenmärkten und vor Einkaufszentren mit Wählern ins Gespräch zu kommen. Auf dem Delme-Markt in der Bremer Neustadt sind diese auf jeden Fall heiß umworben. Nur wenige Meter von Wargalla und ihren Kollegen entfernt haben SPD und CDU ihre Infostände aufgebaut.

Die Sozialdemokraten, die seit Kriegsende bislang jede Wahl in Bremen gewonnen haben, schicken ihre etwa 500 Wahlkampfhelfer direkt an die Basis. Sie gehen auf Stadtteilfeste, stehen vor Supermärkten und besuchen die Bürger Zuhause. „Vorher haben wir analysiert, wo es für die SPD am meisten Sinn machen könnte zu klingeln“, erläutert Landesgeschäftsführer Roland Pahl. Selbst die Piratenpartei, bei der ohne das Internet nichts geht, setzt auf den Offline-Wahlkampf. Denn dem Wähler sei es wichtig, die Kandidaten auch live zu erleben, sagt Sprecherin Anne Alter.

Vom direkten Kontakt mit dem Bürger erhoffen sich die Wahlkämpfer nach Angaben des Politikwissenschaftlers Christoph Bieber einen Multiplikatoreffekt. „Man wird gesehen in der Stadt - nicht nur als Politiker, sondern auch als Bürger. Und man hofft, dass die Leute davon ihren Familien oder Freunden berichten“, erläutert der Professor von der Universität Duisburg-Essen. Im Internet müssten die Parteien stärker nach dem Gießkannenprinzip arbeiten. Über Facebook und Twitter könnten sie viel mehr Leute erreichen, häufig seien die Online-Freunde aber gar nicht wahlberechtigt.

Doch ob ihre Botschaft ankommt, wissen auch die Straßenwahlkämpfer nicht. Passanten anzusprechen ist harte Arbeit und manchmal auch frustrierend. Das erlebt Kai Wargalla immer wieder, wenn Leute mit einem knappen „Nein danke“ den Flyer ablehnen und ihr dabei nicht mal in die Augen schauen. Doch es bleiben auch Bürger stehen, stellen Fragen zum Wahlprogramm und diskutieren mit ihr über die grüne Politik. „Das ist cool“, findet sie. Allein dafür habe sich der Wahlkampf schon gelohnt. dpa

Mehr zum Thema:

Amri-U-Ausschuss soll Fehler aufklären

Amri-U-Ausschuss soll Fehler aufklären

„Angies Ausflug“ auf der Freilichtbühne Holtebüttel

„Angies Ausflug“ auf der Freilichtbühne Holtebüttel

Umweltfreundlich übernachten: 10 Öko-Hotels in Deutschlands

Umweltfreundlich übernachten: 10 Öko-Hotels in Deutschlands

Maimarkt mit Gunter Gabriel

Maimarkt mit Gunter Gabriel

Meistgelesene Artikel

29-Jähriger durch Messerstiche verletzt - ein Verdächtiger stellt sich

29-Jähriger durch Messerstiche verletzt - ein Verdächtiger stellt sich

Wasser, Wohnen, Wohlfühlen – Weserhäuser in der Überseestadt

Wasser, Wohnen, Wohlfühlen – Weserhäuser in der Überseestadt

Maritimes Großereignis mit viel Landgang

Maritimes Großereignis mit viel Landgang

Wachsende Überstundenzahl bei der Polizei: Mäurer verweist auf Zukunft

Wachsende Überstundenzahl bei der Polizei: Mäurer verweist auf Zukunft

Kommentare