Bürgermeister Sieling mit Balanceakt

Dieselben Worte, andere Ziele

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"Nur 40 Prozent der jungen Leute haben einen Ausbildungsplatz gefunden“: Bremens Bürgermeister Carsten Sieling setzt mit Zahlen Akzente. Für die nachwachsende Generation bringt er eine Ausbildungsplatz-Garantie ins Spiel.

Bremen - Von Heinrich Kracke. Es sind dieselben Worte an derselben Stelle. Vor drei Monaten hatte Bremens ehemaliger Bürgermeister Jens Böhrnsen die Ziele der Sozialdemokraten für die kommenden vier Jahre umrissen.

An der langen Tafel im edlen Bürgermeisterbüro saß er und nannte die Punkte, auf die es ihm ankam. Kurz und prägnant. „Bezahlbarer Wohnraum, Bildung, Arbeit.“ Jetzt sitzt Carsten Sieling an dieser Tafel. Wieder geht es um die Pläne der Sozialdemokraten, wieder geht es um die Zukunft Bremens, wieder sind es drei Programmpunkte. „Arbeit, Bildung, bezahlbarer Wohnraum.“ Ebenfalls kurz und prägnant. Es hat sich also nichts geändert. Alle tun so, als habe es den 10. Mai 2015 nie gegeben. Den Wahltag. Wirklich nicht?

Ernüchternd fiel das Ergebnis an jenem zweiten Sonntag im Wonnemonat aus. 32,8 Prozent, das schlechteste SPD-Ergebnis in Bremen seit dem Krieg, ein Minus von rund sechs Prozent gegenüber der Wahl vor vier Jahren, die damals schon das schlechteste SPD-Ergebnis widerspiegelte. Jens Böhrnsen nahm alle Verantwortung auf sich und trat nach zehn Jahren ab. Sein Nachfolger auf dem Bürgermeisterstuhl relativiert mit dem gehörigen zeitlichen Abstand die Zahlen. „Wir hatten die schlechteste Wahlbeteiligung aller Zeiten,“ sagt Carsten Sieling (56) im Gespräch mit unserer Zeitung, „selbst die CDU, die sich als Wahlsieger betrachtet, verzeichnete weniger Stimmen als noch vor vier Jahren.“ Einschätzungen, die ihn beruhigen mögen, leichter machen sie seine Aufgabe nicht.

Bremens sozialdemokratischer Frontmann steht vor der schwierigen Klippe, das Bild der SPD in Bremen zu schärfen, ohne einen kompletten Neuanfang zu starten. Was vor drei Monaten richtig war, auch aus seiner Sicht richtig, er hat ja an den politischen Zielen mitgearbeitet, kann jetzt nicht falsch sein. Auch die Zusammenarbeit mit den Grünen, die damals unter den Sozialdemokraten nicht als falsch galt, kann jetzt nicht in Frage gestellt werden. Und wurde sie auch nicht. Dennoch ist ein anderer Wind eingezogen im Rathaus. Schon wenige Tage nach der Vereidigung Sielings werden erste Ansätze neuen Denkens deutlich. Bei genauerem Hinsehen zumindest.

Die Sache mit den drei prägnanten Zukunftszielen zum Beispiel. Die Wortwahl ist gleich geblieben, die Prioritäten haben sich verändert. Sieling zieht das Wort Arbeit nach vorn. Und das ist kein Zufall. Der Mann vom linken SPD-Flügel stellt sich bewusst auf die Seite des Bürgers von nebenan. „Menschen in Arbeit zu bringen, das ist unser wichtigstes Ziel. Das ist das wichtigste Mittel gegen Armut. Wir müssen die Menschen mitnehmen.“ Potenzial gibt es in der Hansestadt genug. Bei 11,0 Prozent liegt die Arbeitslosenquote im kleinsten Bundesland. Ein paar Meter weiter südlich, östlich, westlich und nördlich liegt die Quote bei weniger als der Hälfte. Im niedersächsischen Umland.

Und auch hier schaffen die Zahlen wieder Übersichtlichkeit. Das Thema Jugendarbeitslosigkeit. In Bremen und Bremerhaven haben im letzten Ausbildungsjahr knapp 4.800 junge Menschen einen Ausbildungsplatz gesucht. Nur etwa 40 Prozent, also etwas weniger als 2000, haben auch tatsächlich einen Ausbildungsplatz gefunden. Gut 1400 Jugendliche kamen anderswo unter. Einige haben eine ungelernte Tätigkeit aufgenommen, die allermeisten sind in eine berufsvorbereitende Maßnahme eingetreten, absolvieren eine Weiterqualifizierung oder ein Praktikum oder setzen die Schule fort.

Insgesamt befanden sich in Bremen und Bremerhaven im letzten Jahr fast 2000 junge Menschen unter 25 Jahren in einer Maßnahme, die nicht auf den Erwerb eines Berufsabschlusses gerichtet gewesen ist. Das sind Zahlen, die ein näheres Hinschauen lohnen. Ausbildungsgarantie und Jugendberufsagenturen heißen jetzt die Zauberwörter. „Wir wollen, dass jedem Schulabgänger ein Ausbildungsplatz angeboten wird,“ sagt Carsten Sieling, „das bisherige System vergeudet die Lebenszeit und die Fähigkeiten von jungen Menschen. Es verbessert leider ihre Zukunftschancen nicht, und es ist auch noch teuer. Das müssen wir ändern.“

Im Grunde setzt der neue Senat sogar noch viel tiefer an, dort nämlich, wo die Voraussetzungen für Fachkräfte geschaffen werden, bei der Bildung. 200 neu einzustellende Lehrer stehen in der Koalitionsvereinbarung. Damit freilich nicht genug. „Wir fassen die Bereiche Kinderkrippe, Kindergarten und Grundschule zusammen. Die gesamte Bildung von der Geburt bis zum zehnten Lebensjahr befindet sich künftig in einer Hand.“ Ferner werde man dem wachsenden Unterrichtsausfall mit ganz konkreten Maßnahmen entgegentreten. „Wir haben festgestellt, dass Schulen mit einer hohen Eigenständigkeit unter anderem auch in finanziellen Fragen deutlich weniger Fehlstunden aufweisen. Wir werden deshalb die Eigenständigkeit von Schulen fördern.“

Alles keine grundsätzlich neuen Ideen, aber es sind neue Ansätze, mit denen Bremens Politik ans Werk geht. Plötzlich sind die Ergebnisse politischer Arbeit messbar. Und zwar auf einfachste Art. Mit Zahlen. Ein bisschen wie beim Fußball. Wer ein Tor schießt, und keines zulässt, der gewinnt. Wer die Arbeitslosigkeit senkt, der gewinnt. Vielleicht liegt darin auch einer der Gründe, warum sich die Sozialdemokratie in Bremen so schnell formiert hat. Am Tag nach dem völlig überraschenden Rückzug Böhrnsens tauchte ein halbes Dutzend Kandidaten für seine Nachfolge auf. Drei Tage später lief alles auf einen einzigen Bewerber zu. Auf Carsten Sieling. Auf den Kandidaten, der in einem kleinen Ort im Kreis Nienburg aufwuchs, auf einem Bauernhof aufwuchs, und eine kaufmännische Lehre absolvierte, und erst spät eine akademische Laufbahn einschlug, und in Bremen Karriere in der SPD machte. Als Landesvorsitzender, als Bundestagsabgeordneter.

Warum alles so schnell auf ihn zulief, das lässt Sieling offen. Nur so viel lässt er durchblicken: „Das Bürgermeisteramt ist eine sehr erstrebenswerte Aufgabe.“ Und: „Als Bremer Politiker habe ich mich natürlich mit den Bremer Themen beschäftigt. Die Nominierung zum Bürgermeister-Kandidaten hat mich nicht unvorbereitet getroffen. Es war immer schon eine Option.“

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