„Abstieg zur Kleinstadt“ verhindern

Bündnis will Bremens City retten

Bremer City, Dezember 2020: Renommierte Einzelhändler wie „L´uomo“ geben auf.
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Bremer City, Dezember 2020: Renommierte Einzelhändler wie „L´uomo“ geben auf.

Bremen – Ein breites Bündnis will den Abstieg der Bremer Innenstadt verhindern und fordert, dass das Rathaus eine zentrale Rolle übernimmt. Bremen soll die Metropole zwischen Hamburg und Amsterdam sein.

  • Bündnis fordert einen ressortübergreifenden Masterplan für Bremens City.
  • 2,2 Millionen Menschen gelten als Zielgruppe der Bremer Innenstadt.
  • Das Bündnis lehnt eine komplett autofreie Innenstadt ab.

Kioske, Imbissbetriebe, Drogerieketten? Oder kleine Manufakturen, inhabergeführte Geschäfte, begehrte Wohnungen? In welche Richtung soll sie sich entwickeln, die Bremer Innenstadt? Damit es nicht die Variante mit den Kiosken und Imbissen wird, will ein von privater Hand organisiertes Aktionsbündnis die Innenstadt retten. Politisch sollen die Fäden dabei an einer Stelle zusammenlaufen – beim Bürgermeister im Rathaus. Das hat das Bündnis am Montag bei der Präsentation eines Positionspapiers gefordert.

Bremer City, Dezember 2020: Leerstand in der Lloyd-Passage.

Tempo, Mut, Abkehr von der Idee einer zwischen Bahnhof und Neustadt großflächig autofreien Innenstadt – zentrale Themen des Papiers. Nach dem „Aktionsprogramm Innenstadt“ müsse es nun zum wirklichen Aufbruch kommen, so der Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Fonger. So solle der Senat zwischen Wall und Weser einen Bildungs- und Wissensstandort schaffen. Bildung, hochwertige Arbeitsplätze, Handel: „Wir brauchen jetzt einen ressortübergreifenden Masterplan“, so Fonger.

16 Unternehmen und Kammern, Initiativen und Verbände tragen das Aktionsbündnis. Dazu gehören die Handelskammer und die Arbeitnehmerkammer, die Gewerkschaft Verdi und der Hotel- und Gaststättenverband sowie unternehmerische Schwergewichte wie Jacobs, Zech und Justus Grosse.

Investor Jacobs gibt den Impuls zum Innenstadt-Aktionsbündnis

Der Impuls sei von dem Investor Dr. Christian Jacobs gekommen, hieß es am Montag in einer Videokonferenz. Jacobs hat in diesem Jahr das „Johann-Jacobs-Haus“ an der Obernstraße eröffnet und will mit dem „Balge-Quartier“ die Innenstadt samt Stadtwaage und Kontorhaus mit der Weser verbinden.

„Bremen ist die einzige Metropole zwischen Hamburg und Amsterdam“, so formuliert Jacobs es gern. Bremen muss diese Rolle aber auch annehmen und ihr gerecht werden, das schwingt unausgesprochen mit. Mit seinen etwa 600 000 Einwohnern sei Bremen im europäischen Vergleich eher klein und deshalb umso mehr auf die Menschen aus seinem Umfeld angewiesen, sagt Jacobs. Dabei denkt er über die Grenzen der Metropolregion hinaus.

Bremer City, Dezember 2020: Wo Kaufhof war, kehrt erst im Sommer 2021 wieder Leben ein.

„Bremen droht der Abstieg zur Kleinstadt“

In einem Umkreis von bis zu 90 Minuten Entfernung gebe es „2,2 Millionen Bewohner“. Bremen müsse dafür sorgen, dass diese Menschen die (Innen-)Stadt erreichen. „Sonst droht der Abstieg zur Kleinstadt.“ Wichtig sei es, dass Bremen mit öffentlichen Verkehrsmitteln und per Auto gut zu erreichen ist. „Da geht es zunächst einmal um die Eingangs-Trassen, darüber sprechen wir zu wenig.“ Diese „Magistralen“ seien „nicht genug ausgebaut“ und müssten besser an den öffentlichen Nahverkehr angebunden werden. Der Bus- und Bahnverkehr müsse ebenfalls ausgebaut werden und engere Taktzeiten bekommen. In der City selbst komme es vor allem auf den Rad- und Fußverkehr an. Aber auch auf die Erreichbarkeit mit dem Auto. „Es geht nicht ohne ein verkehrsträgerübergreifendes Mobilitätskonzept“, sagt Jacobs.

Bündnis: Alle Verkehrsformen gehören dazu – auch Autos

Probleme haben Jacobs und das Aktionsbündnis mit dem Begriff „autofreie Innenstadt“. „Wenn wir den Begriff benutzen, suggerieren wir, dass Autos und Innenstadt nicht zusammengehören, dann denken die Menschen, da kommen wir nicht hin.“ Besser seien Formulierungen wie „fußgängerfreundlich“ und „autoarm“. Während sich manche City-Straßen „für den Verzicht auf unnötige motorisierte Durchgangsverkehre“ anböten, müssten „andere Verkehrsadern“ weiter „für Verkehre jeder Art zur Verfügung stehen“, heißt es im Positionspapier des Bündnisses: Wall und Martinistraße, Wilhelm-Kaisen-Brücke und Bürgermeister-Smidt-Straße zum Beispiel. Auch Parkhäuser seien wichtig – „nicht weiter als 250 bis 300 Meter vom Ziel des Kunden entfernt“, so Jacobs.

45 000 Beschäftigte in der Bremer Innenstadt

Bremer City, Dezember 2020: Schotten dicht – das Schuhhaus Meineke hat die Sögestraße verlassen.

Einzelhandel und Gastronomie, Dienstleister und Kanzleien: „Etwa 45 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten im Bereich Innenstadt“, so Verdi- Bezirksgeschäftsführer Markus Westermann. „Große Player wie die Sparkasse haben sich von der Innenstadt entfernt“, beklagt Westermann mit Blick auf die Verlegung der Sparkassen-Zentrale in den Technologiepark. „Damit ziehen sie die Kaufkraft von Beschäftigten ab. Die müssen wir zurückbekommen.“ Die Innenstadt dürfe nicht „nach Ladenschluss leer“ sein: „Das Leben geht nicht nur von 10 bis 18 Uhr.“ Wohnquartiere, Seniorenheime, Berufsschule, all das wären Ideen für die City; dazu Start-ups, Manufakturen, inhabergeführte Geschäfte.

Carolin Reuther, Geschäftsführerin der City-Initiative: „Themen wie die moderne Gestaltung von Arbeitswelten, Nahversorgung, Gastronomie und Tourismus, Kultur, Sport und Freizeit, Schule und Wissenschaft, Mobilität, Bürger-Services sowie Wohnungsbau sind in einer sich klug und zeitgemäß weiterentwickelnden City ineinandergreifend anzugehen.“

Und das Rathaus? „„Die Innenstadt steht, wie vom Aktionsbündnis Bremer Innenstadt zu Recht festgestellt, vor enormen Herausforderungen. Deshalb begrüßt der Bürgermeister ausdrücklich, dass sich das Aktionsbündnis in die Gestaltung der City einbringen will und lädt die Akteure ein, gemeinsam an einer guten Zukunft der Bremer Innenstadt mitzuarbeiten“, erklärte Senatssprecher Christian Dohle auf Anfrage. „Wir brauchen sowohl eine gute Erreichbarkeit der City als auch eine gute Aufenthaltsqualität - was an vielen Stellen heißt: weniger Autoverkehr. Da sind sich im Wesentlichen Politik, Wirtschaft und alle anderen gesellschaftlichen Gruppen einig.“

Kommentar zur Bremer Innenstadt

Wumms ist vönnoten

VON THOMAS KUZAJ

Der „City-Gipfel“ im Sommer und das folgende „Aktionsprogramm Innenstadt“ waren ein Anfang. Jetzt aber – sprich: 2021 – muss es in die Vollen gehen, um wirklich eine Zukunft für die Bremer Innenstadt zu schaffen. Denn es „fehlen wirkliche städtebauliche und immobilienwirtschaftliche Leuchtturmprojekte mit Signalwirkung“, wie es in dem Positionspapier heißt, mit dem das Aktionsbündnis Bremer Innenstadt am Montag an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Dass die Kammern und Initiativen, Unternehmen und Verbände eine lange und dringliche Wunschliste haben, verwundert nicht. Der gemeinsame, gebündelte Auftritt aber gibt dem Wunschzettel eine neue Dimension und nochmal zusätzlich Wumms, wie man so schön sagt.

Und Wumms ist auch vonnöten. Wer einmal durch die Bremer Innenstadt geht, bekommt es auf Schritt und Tritt vor Augen geführt. Hier ein grell leuchtender Neonlicht-Kiosk, dort die nächste Geschäftsaufgabe. Über allem schweben die düsteren Wolken des Niedergangs – Wolken, die durch Corona noch dunkler geworden sind. Die Stimmung ist so trüb, dass über Positives, das es ja auch gibt (Johann-Jacobs-Haus!) kaum gesprochen wird.

Ein Schlüsselprojekt sind die Pläne des Unternehmers Kurt Zech rund um das Parkhaus Mitte. Wird was daraus, wird nichts daraus? Die Ungewissheit lähmt und verunsichert Geschäftsleute. Gerade ist zu beobachten, wie die Lloyd-Passage peu à peu abstirbt. Abbruchstimmung statt Aufbruchstimmung.

Die vom Aktionsbündnis geforderte Innenstadt-Koordination im Rathaus könnte das Projekt voranbringen, sagt Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Fonger. Das wäre wichtig. Schließlich soll das Zech-Projekt Impulse für die weitere Innenstadt-Entwicklung geben.

Zuweilen aber zeigt sich auch schon im (vergleichsweise) Kleinen, was eine Innenstadt attraktiv machen kann. Bis zum neuerlichen Lockdown präsentierte der (temporär eingerichtete) „Made-in-Bremen“-Store in der Stadtwaage Waren und Produkte aus Bremen und der Region. Das Konzept ging auf, die Kundschaft kam. Hier hatte die Innenstadt plötzlich etwas, das ihr sonst vielerorts fehlt: eine unverwechselbare Attraktion.

Und was im Kleinen geht, sollte doch im Großen auch möglich sein; Stichwort „Leuchtturmprojekte mit Signalwirkung“ weit in die Region hinein.

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