Medizinexperte zur Zukunft des Hausarztes

Ein Bündel an Problemen

Für wichtiger denn je hält Medizinexperte Professor Dr. Ferdinand Gerlach die Hausärzte. Doch wie sieht die Rolle des Hausarztes künftig aus? Und: Was wollen eigentlich die Mediziner selbst? Darüber sprach Gerlach in Bremen. Foto: DPA/WEISSBROD
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Für wichtiger denn je hält Medizinexperte Professor Dr. Ferdinand Gerlach die Hausärzte. Doch wie sieht die Rolle des Hausarztes künftig aus? Und: Was wollen eigentlich die Mediziner selbst? Darüber sprach Gerlach in Bremen.

Bremen - Die Bevölkerung wächst, Menschen werden älter, ihre Krankheitsbilder immer umfangreicher. Gerade deshalb sind Hausärzte heute umso wichtiger, sagt Professor Dr. Ferdinand Gerlach von der Universität Frankfurt am Main. Der Experte für Allgemeinmedizin war zu Gast in Bremen und sprach während der Vortragsreihe „AOK Podium“ über die „Lotsenrolle“, Herausforderungen und die Zukunft der Hausärzte im Land.

„Hallo, Lieblingsarzt – Die Zukunft der hausärztlichen Versorgung im Land Bremen“ – unter dieser Überschrift hatten sich mehrere Dutzend Besucher, vorrangig Mediziner aus Bremen, Bremerhaven sowie der Region, in der AOK-Geschäftsstelle in Bremen zusammengefunden.

Zum Großteil selbst als Hausarzt tätig, spüren die Anwesenden seit Jahren den Wandel, der vor allem Hausärzte betrifft. Doch wie sieht die Situation in zehn Jahren aus? Welche Probleme stehen bevor und welche Lösungswege wurden bislang erprobt?

Ferdinand Gerlach beschäftigt sich als Mediziner und Wissenschaftler seit Jahren mit diesen Themen, ist seit 2012 Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und mehrfach ausgezeichnet. Seinen Ergebnissen nach ist eine Tendenz besonders auffällig: Während im ländlichen Raum Ärzte fehlen und Patienten zum Teil stark unterversorgt seien, zeige sich insbesondere in Ballungsgebieten eine Überversorgung.

Zudem, so die Untersuchungen des 59-Jährigen, gebe es ein starkes Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung. „Es hängt vom Wohnort ab, ob Sie ein neues Knie bekommen“, sagt Gerlach.

Suchten Patienten vor Jahren meist nur mit einer chronischen Erkrankung Rat beim Hausarzt, wären es heute gleich mehrere Probleme, die es zu behandeln gelte. Zudem, das zeigen zumindest seine Untersuchungen, sind die Erwartungen der Ärzte von morgen andere als früher: Sie wollen mehr Freizeit, Balance zwischen Beruf und Familie, Teil- statt Vollzeit, Anstellung statt Selbstständigkeit.

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach

Auf all diese Veränderungen müsse reagiert, neue Wege müssten beschritten werden. „Das bekommen wir nicht hin mit den Strukturen, die vor 100 Jahren etabliert wurden.“ Da es ein „ganzes Bündel an Problemen“ gebe, so Gerlach, gebe es auch nicht die eine Lösung. Was helfen könne, sei der stetige Ausbau der sogenannten „Hausarztzentrierten Versorgung“ (HZV), die den Hausarzt als zentrale Anlaufstelle für Patienten vorsieht und von wo aus sämtliche Behandlungsschritte koordiniert werden.

Neben dem Vertrauen, das viele in ihren (jahrelangen) Hausarzt setzten, führten die Erfahrung des Mediziners mit seinen (langjährigen) Patienten und die vertrauenswürdige Kommunikation dazu, dass etwa 85 bis 90 Prozent aller Fälle vom Allgemeinmediziner gelöst werden könnten, so Gerlach. „Die Menschen brauchen einen Hausarzt, einem, dem sie vertrauen können.“

Langzeitstudien in Baden-Württemberg, an denen Gerlach mitwirkte, hätten gezeigt, dass die konsequente Anwendung der HZV zu großen Erfolgen für Arzt und Patienten geführt habe. Zwischen 2011 und 2016 hätten so rund 4 000 schwerwiegende Komplikationen und mehr als 1 600 Todesfälle von HZV-Patienten vermieden werden können, sagt der Professor.

Zum Großteil seien die Ergebnisse darauf zurückzuführen, dass Hausärzte ihre Rolle als Koordinator zwischen den Ebenen des Gesundheitssystems besser hätten ausführen können. Ergebnis: weniger unnötige Behandlungen, gezieltere Therapien, weniger Fehltage bei der Arbeit. „Ein Blick ins ,Ländle’“, so Gerlach, „lohnt sich.“

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