Buckliges Pflaster als Barriere

Uni-Informatiker Benjamin Tannert will Rollstuhlfahrern Wege erleichtern

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Informatiker Dr. Benjamin Tannert möchte mit seinen Forschungen Rollstuhlfahrern den Weg von A nach B erleichtern.

Bremen - Von Viviane Reineking. Sein Ziel hatte er immer klar vor Augen: Der gebürtige Bremer Benjamin Tannert wollte Informatik studieren. 2003 begann er an der Bremer Universität. Das Studium machte Spaß. Dann veränderte ein Unfall sein Leben.

Es war ein Tag im Juni 2005. Ein angetrunkener Autofahrer habe ihm auf dem Motorrad die Vorfahrt genommen. Querschnittsgelähmt, sitzt Tannert seitdem im Rollstuhl. Nur einen Zeh konnte er anfangs bewegen. In einer Spezialklinik nutzte er Therapie- und Trainingsmöglichkeiten, arbeitete auch privat weiter, ging einen langen Weg.

An der Liebe zur Informatik hat das Geschehene derweil nichts geändert: „Für ein Studium der Informatik ist es doch egal, ob ich im Rollstuhl sitze“, sagt er. Tannert schaffte es, nur in den Semesterferien weg zu sein. „Zum Beginn des Wintersemesters im Oktober war ich wieder zurück.“

Unterstützung im Schulalltag

Mittlerweile entwickelt Tannert Algorithmen und Assistenzsysteme, die Menschen mit Behinderungen das Lernen, Arbeiten und Fortbewegen erleichtern sollen. Zum Studienabschluss hat er etwa ein Lernsystem für Kinder mit geistiger Behinderung erarbeitet. „Es soll sie im Schulalltag unterstützen. Bei der Thematik habe ich mich als Mensch mit Einschränkungen wiedergefunden.“ Seine wissenschaftlichen Themen kreisen von da an um diese Zielgruppe.

In seiner Doktorarbeit entwickelte er gemeinsam mit dem Martinshof ein sprachgesteuertes „„emotionssensitives Assistenzsystem für Menschen mit Lernschwierigkeiten“. Über ein mobiles Endgerät könne das System die Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen an ihrem Arbeitsplatz etwa anleiten und an Arbeitsschritte erinnern. Das Besondere: Es erkenne den emotionalen Zustand einer Person und reagiere entsprechend auf sie, so Tannert. Bei aggressivem Verhalten könne das System zum Beispiel mit der Lieblingsmusik beruhigen, nennt der Informatiker ein Beispiel. In einem aktuellen Forschungsprojekt mit dem Martinshof werde nun untersucht, wie der Prototyp in der Praxis zur Anwendung kommen könne.

Barrieren auf Wegstrecken

Seit einem halben Jahr arbeitet Tannert nun in der Geoinformatik-Forschungsgruppe „Human-Computer-Interaction“ im Fachbereich Mathematik/Informatik der Uni Bremen. Sein Thema: die Rollstuhl-Navigation. Hier sucht er nach Algorithmen, die für Betroffene Wege von A nach B vereinfachen können. Bisherige Plattformen wie etwa „Open Route Service“ und „Routino“ berücksichtigten zwar – im Gegensatz zu etwa „Google Maps“ – auch Barrieren auf Wegstrecken. Sie seien aber nicht ausführlich genug, weil Informationen häufig von Freiwilligen einfließen würden.

„Untergründe wie Sand und buckliges Pflaster, Steigungen und nicht abgesenkte Bordsteine machen Rollstuhlfahrern besonders zu schaffen“, so der Wissenschaftler. „Ich besuche zum Beispiel gerne den Bremer Freimarkt, aber das Kopfsteinpflaster macht es mir schwer, ihn zu genießen.“

Entwicklung eines Algorithmus

Zurück zu seinen aktuellen Forschungen: Tannert möchte einen Algorithmus entwickeln, der Bilder etwa von „Google Street View“ automatisiert auswerten kann. Dafür plant der Uni-Wissenschaftler, mit einer am Rollstuhl befestigten 360-Grad-Kamera – die ähnliche Bilder macht wie Googles Online-Dienst – zu Testzwecken Hindernisse auf dem Uni-Campus aufnehmen. Die Ergebnisse seines Projektes sollen dann in Navigationssysteme einfließen. „Die können dann wiederum sagen: Nimm schon eine Ampel vorher, bei der nächsten ist der Bordstein nicht abgesenkt.“

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