AWI untersucht die „Reiserouten“ der Eisberge

Der Schmelztod weißer Wanderer

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Ein treibender Eisberg, umgeben von Meereis im Weddellmeer. 

Bremerhaven - Polarforscher aus aller Welt blicken derzeit gebannt auf die Antarktische Halbinsel. Am Larsen-C-Schelfeis beginnt ein riesiger Eisberg abzubrechen. Ein echter Gigant. „Der Tafeleisberg wird etwa 175 Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle 50 Kilometer breit sein“, sagt eine Sprecherin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Und ergänzt: „Seine Gesamtfläche wird fast 6 000 Quadratkilometer betragen und damit etwa siebenmal so groß sein wie Berlin.“ Der Koloss bringt es auf ein Gesamtgewicht von etwa 1 300 Gigatonnen. „Er bringt damit fast so viel auf die Waage wie alle im Zeitraum eines Jahres in der Antarktis neu entstandenen Eisberge zusammen“, heißt es.

Ist der Koloss dann abgebrochen, geht er auf Wanderschaft. Allerdings bleibt er zunächst in Küstennähe. „Wenn große Eisberge treiben, dann rutschen sie zunächst die schräge Meeresoberfläche hinunter. Ihre Rutschbahn verläuft dabei jedoch nicht als gerade Linie, sondern schlägt einen Bogen nach links. Der Grund dafür ist die Corioliskraft, welche auf die Erdrotation zurückzuführen ist und die Eisberge letztlich auf eine Bahn parallel zur Küste ablenkt“, sagt Thomas Rackow.

Rackow ist Klimamodellierer am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und Erstautor der neuen Studie. Die Ergebnisse sind im Online-Portal des Fachmagazins „Journal of Geophysical Research: Oceans“ erschienen.

Die Ablenkung durch die Corioliskraft erkläre auch, warum große Tafeleisberge die ersten drei, vier Jahre in Küstennähe verbleiben, sagt Rackow. Den Sprung hinaus auf das offene Meer schafften viele von ihnen erst, sobald der Küstenstrom die Küste verlasse oder sie im Packeis gefangen sind und der Wind das Meereis samt Eisberg von der Küste wegschiebe. „Auf diese Weise gelangen dann auch die großen Tafeleisberge in nördlichere Meeresregionen mit wärmerem Wasser“, sagt der AWI-Wissenschaftler. Große Eisberge, die einmal den Weg nach Norden eingeschlagen haben, überqueren häufig den 60. südlichen Breitengrad. Das heißt, sie legten bis zu ihrem Schmelztod oft Tausende von Kilometern zurück – bis vor die Küste Südamerikas oder Neuseelands.

Wie weit der künftige Larsen-C-Eisberg treiben wird, hängt laut Rackow davon ab, ob er nach dem Abbruch als ganzer Eisberg erhalten bleibt oder schnell in viele kleinere Stücke zerfällt. Angesichts seiner Gesamtmasse dürfte er eine Lebenszeit von acht bis zehn Jahren haben. Älter wird laut Computermodell kaum einer der weißen Wanderer.

Für die neue Studie haben Rackow und Kollegen die realen Positions- und Größendaten von 6 912 antarktischen Eisbergen in das Bremerhavener Meereis-Ozean-Modelle eingespeist. Dann simulierten die Forscher die Drift und das Schmelzen der Eisberge über einen Zeitraum von zwölf Jahren. 

je

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