Kampf gegen den Verfall: Bremerhaven geht gegen Schrottimmobilien vor

Bremerhaven geht gegen Schrottimmobilien vor

Bremen hat Schrottimmobilien den Kampf angesagt. - Foto: I. Wagner/Archiv

Bremerhaven - Die Stadt Bremerhaven hat ihren Schrottimmobilien den Kampf angesagt. Davon gab es dort wegen der hohen Arbeitslosigkeit und sinkender Einwohnerzahlen so viele wie sonst kaum in Westdeutschland. Mit einem Modellprojekt konnte eine Wende eingeleitet werden.

Einen solch großen Schimmelpilz hatte Norbert Friedrich bis dahin noch nie gesehen. „Er ging über drei Wände und die Decke“, sagt der Leiter des Stadtplanungsamtes Bremerhaven. Für das leerstehende Haus aus der Gründerzeit in der Stormstraße im sozial schwachen Stadtteil Lehe gab es keine Zukunft mehr - es wurde abgerissen, ebenso das Nachbarhaus. Vor knapp einem Jahr bezogen Mieter an der Stelle einen schicken Neubau. Dass es so weit kommen konnte, liegt am konsequenten Vorgehen der Stadt gegen private Schrottimmobilien.

Bremerhaven litt Jahrzehnte unter verwahrlosten Immobilien, die es hier so zahlreich gab wie in kaum einer anderen westdeutschen Stadt. „Das war ein Riesenproblem“, sagt Friedrich. Ganze Straßenzüge drohten zu verfallen. Durch die Werften- und Fischereikrise sowie den Abzug der amerikanischen Streitkräfte war nicht nur die Arbeitslosenquote rasant gestiegen: die Einwohnerzahl sank zusehends. Häuser standen leer und verwahrlosten, die Eigentümer - oft Spekulanten oder überforderte Privatanleger - kümmerten sich nicht. Der Unmut der Bevölkerung wuchs.

„So konnte es nicht weitergehen“, sagt Stadtplaner Friedrich rückblickend; eine Strategie musste her. Von 2009 bis heute wurden 51 Mehrfamilienhäuser in eine Schrottimmobilienliste aufgenommen, allein in Lehe waren es 35. Das Ziel: Die Häuser aufzukaufen und sie zu sanieren oder abzureißen, auch wenn sich Eigentümer dagegen zunächst sperren.

Dafür werden alle Register gezogen: Ein Gesetz erlaubt es der Stadt, sich ein Vorkaufsrecht für verfallene Häuser zu verschaffen, „um Mängel zum Wohle der Allgemeinheit“ zu beseitigen. Die Landesbauordnung ermöglicht es, die Kosten für einen Zwangsabriss dem Eigentümer aufzubürden. „Die meisten lenken dann ein und verkaufen“, sagt Sandra Levknecht vom Stadtplanungsamt. In einigen Fällen helfen verhängte Zwangsgelder, etwa wegen herabfallender Dachziegel. „Wir machen den Besitzern Ärger“, sagt Levknecht. „Sie müssen reagieren.“

Ein externer Moderator vermittelt zwischen Stadt und Eigentümer; er verhandelt aber auch mit Banken, wenn noch Kredite auf den Häusern lasten. „Die meisten Immobilien konnten für null Euro übernommen werden“, so Friedrich. Für die Strategie interessieren sich seinen Angaben zufolge nun Städte wie Bremen, Nordenham, Wuppertal und Kaiserslautern.

Trotzdem ist es ein steiniger Weg. „Die Eigentumsverhältnisse sind manchmal verworren“, sagt Friedrich. 21 Immobilien konnte Bremerhaven bisher erwerben, bei 13 ist das weitere Vorgehen in die Wege geleitet. Zwei Millionen Euro bezahlte die Stadt bisher für Käufe, Abrisse, Zwischennutzungen in Baulücken, Sanierungen und Neubauten. Ein Drittel davon übernahm der Bund. „Das ist gut angelegtes Geld“, betont Friedrich. Denn das Vorgehen habe Signalwirkung auf die Nachbarschaft. „Plötzlich sanieren auch andere Eigentümer ihre Immobilien.“

So war das auch in der Stormstraße. „Der Besitzer des Nachbarhauses hat Farbe in die Hand genommen und renoviert“, sagt Rolf Pahlke, einer der neuen Mieter in dem Zwölf-Parteien-Neubau und Mitbegründer des dortigen Wohnprojektes. Der 66-Jährige und seine Frau wollten im Alter in einem Haus wohnen, in dem jeder für jeden da ist. Die Stadt unterstützt das Projekt. „Das trägt zur Durchmischung in einem schwierigen Stadtteil bei“, begründet Friedrich. „Dadurch kommen auch ‘Normalos’.“ Mieter Michael Gosdschan ist mit seiner Frau sogar eigens aus Franken nach Bremerhaven gezogen - nur wegen des Wohnprojektes, das hier günstiger als in Bayern zu haben ist.

„Lehe hat immer noch einen schlechten Ruf“, räumt Levknecht ein. In einigen Ecken seien die Verhältnisse weiter schlimm. Doch das soll sich ändern: In spätestens vier Jahren sollen alle gelisteten Schrottimmobilien abgearbeitet sein. „Dann sind die betroffenen Viertel so weit, dass sie sich selbst revitalisieren können“, zeigt sich Friedrich optimistisch. „Die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt zieht an.“ Denn Bremerhavens Einwohnerzahl steigt langsam, aktuell sind es 118.000. Neue Jobs in der Windindustrie und Wissenschaft tragen dazu bei.

Mut macht Friedrich, dass es für eine Schrottimmobilie zurzeit sogar drei Interessenten gibt. „Das gab es all die Jahre nicht.“

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