1. Startseite
  2. Lokales
  3. Bremen

Bremer Übersee-Museum untersucht Schädel per Computertomographie

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Kuzaj

Kommentare

Eine CT-Aufnahme eines Schädels. Die Wissenschaftler erhoffen sich Erkenntnisse unter anderem zu Alter und Geschlecht der Betroffenen. Die anonymen Schädel stammen aus dem Gebiet des heutigen Papua-Neuguinea (Ozeanien).
Eine CT-Aufnahme eines Schädels. Die Wissenschaftler erhoffen sich Erkenntnisse unter anderem zu Alter und Geschlecht der Betroffenen. Die anonymen Schädel stammen aus dem Gebiet des heutigen Papua-Neuguinea (Ozeanien). © Übersee-Museum, Volker Beinhorn

Bremen – Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie hat das Bremer Übersee-Museum jüngst menschliche Überreste aus seinem Sammlungsbestand an den US-Bundesstaat Hawaii zurückgegeben – es handelte sich um acht Schädel. Der Umgang mit menschlichen Überresten aus fernen Ländern (und womöglich kolonialen Zusammenhängen) bleibt ein Thema. In diesem Zusammenhang ist auch ein aktuelles Projekt des Museums zu sehen.

Am Klinikum Bremen-Mitte hat das Museumsteam dieser Tage Computertomographien von 73 mit Wachs oder Ton übermodellierten mutmaßlichen Ahnen-Schädeln aus dem heutigen Papua-Neuguinea machen lassen, wie eine Sprecherin berichtet. „Rehumanisierung“, das ist das Stichwort bei dieser Maßnahme im Rahmen eines vom „Deutschen Zentrum Kulturgutverluste“ geförderten Provenienzforschungsprojekts.

Die Herkunftsforschung mit CT-Unterstützung hat ein klares Ziel, so die Sprecherin weiter. Es gehe dabei darum, „das biologische Geschlecht der Betroffenen, Alter und Krankheiten zu erforschen“ und somit – ergänzend zur historischen Recherche – einen „Beitrag zur Rehumanisierung der anonymen Schädel zu leisten“. Die Museumsleute wollen den Namenlosen Identität (zurück-)geben. Die Computertomografien seien in Abstimmung mit dem „National Museum“ in Papua-Neuguinea gemacht worden. Die genauen Ergebnisse sollen zum Ende des Forschungsprojekts im Herbst vorliegen.

„Aus dem Museumsobjekt wird wieder ein Mensch“

Die Ahnen-Schädel sind mit Ton und Wachs übermodelliert und mit Muscheln, Perlen und Farbe künstlerisch verziert. Die mit Wachs übermodellierten Schädel stammen von der Insel Neuirland, die mit Ton übermodellierten aus dem Sepik-Gebiet, dem längsten Fluss in Papua-Neuguinea. Vermutlich wurden die Schädel im Zeitraum von 1884 bis in den Ersten Weltkrieg hinein – also während der Kolonialzeit in Deutsch-Neuguinea – gesammelt, heißt es. Insgesamt umfasst die Sammlung des Museums 125 Schädel aus Papua-Neuguinea.

Die Fragen nach der Herkunft sowie der Art des Erwerbs der Schädel spielen eine zentrale Rolle und werden von der Historikerin und Projektleiterin Bettina von Briskorn untersucht. „Aus dem Museumsobjekt wird wieder ein Mensch“, sagt sie. Unterstützt wird die Provenienzforscherin von der Anthropologin Swantje Grohmann, die eben mit der Hilfe der CT-Scans das biologische Geschlecht der Betroffenen, deren Alter und mögliche Krankheiten zu ermitteln versucht. „Denn bei übermodellierten Schädeln ermöglicht erst der CT-Scan einen präziseren Blick auf den Schädel“, so die Sprecherin. Und so kommen das Klinikum Mitte und die Radiologie von Prof. Dr. Arne-Jörn Lemke ins Spiel.

Die Anthropologin Swantje Grohmann (r.) im Gespräch mit der medizinisch-technischen Radiologieassistentin Jessica Döhl – während der Computertomographie-Untersuchung der Schädel aus dem Museum am Bremer Klinikum Mitte.
Die Anthropologin Swantje Grohmann (r.) im Gespräch mit der medizinisch-technischen Radiologieassistentin Jessica Döhl – während der Computertomographie-Untersuchung der Schädel aus dem Museum am Bremer Klinikum Mitte. © Übersee-Museum, Volker Beinhorn

Im Museum kann die CT-Analyse zudem Hinweise liefern, die für die klassische Provenienzforschung von Bedeutung sind. So werden anthropologische Erkenntnisse mit den Angaben in den alten Museumsverzeichnissen verglichen – dabei wird zuweilen deutlich, wie kritisch dortige Eintragungen heute zu sehen sind. „Es findet sich zum Beispiel in den Unterlagen des Museums der Hinweis auf die Schädel eines ,Häuptlingspaares‘, Mann und Frau, ein Ehepaar – die anthropologische Expertise sieht in beiden Schädeln jedoch eher die von Männern“, so die Museumssprecherin.

In Papua-Neuguinea würden die Bremer Untersuchungen mit Interesse verfolgt. „Der Provenienzforschung zu menschlichen Überresten und der Rückführung von menschlichen Überresten wird, wenn die Rückführung gewünscht ist, Priorität eingeräumt“, sagt die Sprecherin. „Bremen und das Übersee-Museum stehen Repatriierungen sehr aufgeschlossen gegenüber.“ Das gilt besonders im Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Mehrfach schon hat das Museum Sammlungsstücke an Herkunftsländer zurückgegeben. In den Jahren 2006 und 2017 hatte das Haus menschliche Überreste der Maori und Moriori an das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa in Wellington, Neuseeland, übergeben; 2018 waren es zwei Schädel aus dem heutigen Namibia.

Auch interessant

Kommentare