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Bremer mit russischen Wurzeln haben mit Vorverurteilungen zu kämpfen

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Von: Thomas Kuzaj

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Die Bremer Regisseurin, Theaterdirektorin und Integrationsexpertin Kira Petrov – hier auf der Bühne im „Theater 11“ – ärgert sich über eine undifferenzierte Haltung, die gegenwärtig vielen Menschen aus dem russischen Sprachraum entgegengebracht wird.
Die Bremer Regisseurin, Theaterdirektorin und Integrationsexpertin Kira Petrov – hier auf der Bühne im „Theater 11“ – ärgert sich über eine undifferenzierte Haltung, die gegenwärtig vielen Menschen aus dem russischen Sprachraum entgegengebracht wird. © Kuzaj

Bremen – Anfeindungen, Beschimpfungen, Belehrungen. Seit Putins Angriff auf die Ukraine hat sich der Alltag vieler Menschen mit russischen Wurzeln in Deutschland massiv verändert. „Menschen, die Russisch sprechen, werden im Moment von vielen Seiten angegriffen und anders behandelt“, berichtet die Bremerin Kira Petrov. Die Integrationsexpertin und Direktorin des „Theater 11“ an der Faulenstraße kennt viele Menschen aus dem russischen Sprachraum.

„Geh nach Russland!“ Das zum Beispiel werde russischstämmigen Kindern in der Schule zugerufen. Oder: „Scheiß Aggressor!“ Petrov: „Das Kind ist hier geboren, weiß gar nicht, wer Putin ist.“ Ein weiterer Fall: Russlands Hymne wird abgespielt, als ein Kind in die Klasse kommt. Petrov: „Das sind Sachen, bei denen ich mich frage: Was passiert da gerade in unserer Gesellschaft?“ Der Krieg kommt in die Schulklassen – auch in Bremen.

Die Schauspielerin und Regisseurin stammt aus Sibirien. Als Spätaussiedlerin ist sie 2000 mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist deutsche Staatsangehörige, keine russische. „Ich kam ohne Vorurteile, wollte mich integrieren und dann habe ich voll auf den Deckel bekommen“, beschreibt Petrov ihre erste Zeit in Deutschland. In einer kleinen Stadt an der polnischen Grenze sei das gewesen. „Skinheads in der Klasse, Hass auf Russen.“ Und dieser Hass traf auf das Mädchen, das aus Russland kam und Russisch sprach. Lehrer schauten weg, wenn sie angegriffen wurde, berichtet Petrov. Nach Bremen kam sie schließlich, weil ihre Mutter hier eine Arbeit beim Musical „Jekyll & Hyde“ gefunden hatte.

14 Nationalitäten bei „Integration durch Kunst“ in Bremen

Kira Petrov ging in Bremen zur Schule, schloss ein BWL-Fernstudium in der Ukraine an, machte eine Musicalausbildung in Bremen und eine Ausbildung zur Regisseurin in Russland. Wieder und wieder traf sie in Bremen auf russischstämmige Kinder, die vor ähnlichen Problemen standen wie sie selbst, als sie nach Deutschland gekommen war. Mit Blick darauf gründete Petrov den Verein „Integration durch Kunst“ und begann, mit den Kindern und Jugendlichen Theater zu spielen – daraus entwickelte sich auch das „Theater 11“. 14 Nationalitäten arbeiten dort zusammen. „Wir sprechen die deutsche Sprache, wir spielen in deutscher Sprache“, sagt Kira Petrov.

Vor diesem Hintergrund trifft es sie besonders, was gegenwärtig geschieht. Wer Russisch spricht, steht für viele Menschen unter einem gewissen Generalverdacht und wird zur Rechtfertigung gezwungen. Menschen, die keine Oligarchen sind, berichten von Kontosperrungen in Deutschland. Und so weiter, und so fort.

Eine gefährliche Gleichsetzung

„Ich stehe dazu, dass ich russische Wurzeln habe. Ich habe aber auch deutsche Wurzeln“, so die Theaterleiterin. Und: „Ich möchte mich nicht für Taten irgendeiner Regierung rechtfertigen müssen.“ Petrov ärgert sich über undifferenzierte Haltungen „gebildeter Menschen, die wirklich denken können“ – und nun „russisch“ und „Putin“ einfach gleichsetzen. Ansonsten geschätzte Expertise werde plötzlich „auf Nationalität reduziert“. Mal wird mit einem Ende der Zusammenarbeit gedroht, mal werden Forderungen erhoben, Petrov solle Auszeichnungen zurückgeben, die sie in Russland erhalten hat. Die Bremerin fühlt sich an sehr unangenehme Zeiten erinnert. „Diese ganze Sache hat mich 22 Jahre zurückkatapultiert. Ich kenne dieses Gefühl, es kommt alles wieder hoch. Ich habe zwei Tage geheult.“

Petrov: „Von mir wird erwartet, dass ich sage, Putins Politik ist unmöglich. Das finde ich auch. Dieser Krieg ist ein absolutes Verbrechen.“ Das sähen auch ihre Freunde in Russland nicht anders. Aber: „Die Menschen haben Angst. Der Mann ist unberechenbar.“

Bremerin Kira Petrov organisiert 15 Kurse für ukrainische Flüchtlinge

Petrov möchte derweil nicht an Worten oder Bekenntnissen gemessen werden: „Man sollte auf die Taten gucken.“ Und: „Wenn ich etwas machen kann, damit Menschen sich integrieren können – das ist mein Thema.“ Ein Beispiel sei ihr bundesweites Mädchenprojekt „Girl-Power-Stage“. Ein anderes Beispiel ist das Engagement des Vereins „Integration durch Kunst“ für Menschen, die vor dem Krieg geflüchtet sind. Erster Schritt war diese Bremer Info-Website. Hinzu kamen Kurse: Sprachen und Theater, Basteln und Tanz, Yoga und Musik. Petrov hat 15 kostenlose Angebote für Kinder und Erwachsene aus der Ukraine ins Leben gerufen – in verschiedenen Bremer Stadtteilen; weitere sollen folgen. Mehr als 100 Menschen sind bereits dabei.

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