Entschleunigungshelm löst international Interesse aus

Erfindungen für die Ewigkeit

Nachrichten für die Ewigkeit: Lorenz Potthast mit seinem Petroglyphomat.

Bremen -  Von Heinrich Kracke. Der Bremer Künstler Lorenz Potthast entwickelte eine Maschine zur Kommunikation mit der Zukunft. Er ersann außerdem einen Helm zur Entschleunigung der Zeit. Spleenige Ideen, die auf der ganzen Welt Stirnrunzeln auslösen. Jetzt wird ihm einer der wichtigsten asiatischen Medienpreise verliehen.

Nicht das erste Mal, das der Bremer Künstler die Blicke aufsich zieht.

Eine graue Bremer Bunkerwand. Nacht. Zwei Gestalten mit einer seltsamen Maschine im Gepäck. Es hämmert kurz im gespenstische Halbdunkel. Mauerspechte. Dann ist der Spuk schon vorüber. Und fertig ist sie, die Botschaft an die Zukunft. Spirituelle Sonderbarkeiten? Vandalismus? Schönes Kulturgut beschädigt? Das wird teuer und bedeutet Knast? In Japan sieht man das anders. Dem Bremer Lorenz Potthast (25) flatterte dieser Tage Post ins Haus. Ein Brief mit lauter Schriftzeichen aus dem Land der aufgehenden Sonne. Und eine frohe Botschaft: Das seltsame Gerät aus der Bremer Bunkernacht hat den New Face Award beim japanischen Media Art Festival gewonnen. Preisgeld, eine Reise auf die andere Seite des Globus und eine bemerkenswerte Ausstellungs-Teilnahme sind dem Bremer Künstler gewiss. Ab Februar ist das seltsame Gerät in Tokio bei einem der wichtigsten asiatischen Kunst-Festivals zu sehen.

Blaues Metall, ein paar Platinen, ein paar Kabel, eine Batterie – das sind die Zutaten, aus denen die Kommunikation mit der Zukunft ist, sagt Lorenz Potthast. Eine ganze lange Bachelorarbeit hat er sich mit dem Thema beschäftigt, und herausgekommen ist ein seltsamer Apparat, der aussieht wie ein missratener Rucksack, und der auf einen komplizierten Namen hört. Petroglyphomat. Wieder so eine Verrücktheit? Bei erstem Hinschauen vielleicht, bei näherem Betrachten zerfällt der Name in drei Bestandteile. Stein, Zeichen, Maschine. Eine aktuelle Antwort auf die ältesten Botschaften der Welt. Wer meißelt, der bleibt. Das war schon vor 6000 Jahren bei den Ägyptern so, das war vor 4500 Jahren in Stonehenge so, und das hat sich bis heute nicht groß geändert. Schon die Ägypter haben in der Vergangenheit mit der Zukunft kommuniziert.

Aber was ist überhaupt Zukunft? „Ich kann mir nicht vorstellen, was in 50 Jahren sein wird,“ sagt Lorenz. Er wird es noch erleben, wahrscheinlich, und wahrscheinlich wird es anders sein, als man heute glaubt, wie schon immer alles anders wurde, als man glaubte. Acht oder neun Jahre alt war der heutige Bremer Künstler, als er diesem Phänomen zum ersten Male begegnete. Ein „Wer-Wie-Was“-Buch hielt er vor fast 20 Jahren in Händen. Beschrieben war darin die Zukunft. Im Jahr 2008 fliegt der erste Mensch zum Mars, heißt es in dem Buch. Falscher kann man nicht liegen. Vom Internet indes war noch keine Rede. Das Buch hat die Zeiten bis in die Zukunft überdauert.

Aber wer schreibt eigentlich für die Zukunft? Auch eine Frage, die nicht unbedingt gestellt werden muss, aber wenn sie gestellt ist, löst sie denkwürdige Ansätze aus. „Es sind die Reichen, die Geschichte schreiben,“ sagt der 25-Jährige, der von seiner Kunst nicht reich geworden ist, vielleicht in Zukunft reich wird, aber jetzt noch nicht. Wem solche Eingebungen widerfahren, für den ist der Petroglyphomat nicht weit. Leicht, nicht teuer, und Nachrichten erzeugend, die bis in die Ewigkeit reichen. Sowas überzeugt nicht nur hierzulande, es überzeugt auch in Japan.

Das Material, auf dem die Botschaften stehen, meist Bilder-Botschaften, weil niemand weiß welche Sprache in 200 oder 2000 Jahren gesprochen wird, das Material also, es muss dauerhaft ausfallen. „Papier hält 500 Jahre, Disketten nicht mal 30 Jahre,“ sagt Lorenz, „aber Stein hält ewig.“ Als müsse er diese Erkenntnis noch verstärken, führt er ein Büchlein mit sich. Seine Bachelorarbeit ist darin gedruckt. Die Geschichte der Kommunikation mit der Zukunft steht auf mehr als hundert Seiten. Stoff vielleicht für das nächste halbe Jahrtausend. Wer weiß. Das Besondere jedoch ist der Einband. In Steintafeln in dieses Buch gebunden. In Schiefertafeln. Das macht das Werk schwer, und ewiglich. Wahrscheinlich.

Nicht das einzige Exponat des jungen Bremer Künstlers, das Geschichte schrieb. Vor zwei Jahren entdeckte er die Langsamkeit. Die Welt zu verlangsamen, physikalisch ist das nicht möglich. Und dennoch wollte er es zumindest versuchen. Schließlich wäre es angenehm, für alles mehr Zeit zu haben „Was ist, wenn man wenigstens die Wahrnehmung verlangsamt“, fragte sich der damalige Student für Integriertes Design an der Hochschule für Künste in Bremen. Er experimentierte, bis ihm die Idee für seinen Entschleunigerhelm kam: Eine Aluminiumkugel, in der man die Welt in Zeitlupe erlebt.

Wenn Lorenz Potthast seine Erfindung vorführt, sieht er ein bisschen aus wie ein Marsmensch. Er setzt sich die silberne Kugel auf den Kopf, eine Minikamera filmt die Umgebung vor dem Helm, ein Mikrofon nimmt die Geräusche auf. Im Inneren der Apparatur wird das Video- und Audiosignal von einem kleinen Computer bearbeitet. Mithilfe einer Fernbedienung kann Lorenz das Gefilmte auf einer Spezialbrille verlangsamt sehen. Wenn er vorwärts geht, weiß er also nicht, wo er sich gerade befindet. Denn das Bild, das er sieht, aber auch der Ton, den er hört, ist schon veraltet. „Wenn man etwas mit halber Geschwindigkeit abspielt, dauert es doppelt so lange“, erklärt der Student mit ernster Miene. Sieht der Helmträger etwa sein Gegenüber in die Höhe hüpfen, ist dieser tatsächlich schon längst wieder auf dem Boden angekommen. Eine Idee, die ebenfalls Karriere machte. Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen berichteten.

Das kleine Problem an dem Helm: „Er führte nicht zu einer Entschleunigung, er machte den Träger höchstens nervös.“ Aber auch das kann zu durchaus positiven Erkenntnissen führen. „Hinterher erkannte viele Träger, dass es Sinn macht, ihr Leben zu entschleunigen. Der Helm gab den Anstoß zum Umdenken.“ Gegenwärtig verstaubt das Edelstahlstück keineswegs auf irgendeinem Dachboden. Bis Anfang März bereichert es eine Ausstellung in Barcelona. „Ich hab' zum ersten Male eine Gage für eines meiner Exponate erhalten.“

Zwischenzeitlich kreierte Lorenz die Dream-Bubble-Maschine, die Traumblasenmaschine, ehe er sich inzwischen einem Team von Licht-Illusionisten angeschlossen hat. Hausfassaden versetzen die Fünf mit mächtigen Projektoren in eine Kulisse zum Staunen. Unter dem Namen Xenorama verwenden sie das Gebäude nicht nur als Leinwand, das machen viele, sie integrieren vor allem die Architektur des Hauses. Ein bemerkenswertes Lichtwerk ist ihnen beispielsweise mit einer Aktion am Karlsruher Schloss gelungen.

Und den Erlös braucht er jetzt, um die Wandbeschädigungen seiner Zukunftsmaschine zu bezahlen? Lorenz Potthast hat für den Fall, dass jemand tatsächlich mit dem Gerät auf frischer Tat erwischt wird, seine eigene Sichtweise entwickelt. Er nennt es positiven Vandalismus. Und als Beispiel dient ihm ein archäologischer Fund aus Portugal. „Ein steinzeitliches Doppelmotiv mit Pferd und Mann ist vor zehn Jahren mit spitzem Gegenstand verunstaltet worden. Bei der Restaurierung stellte sich heraus, dass das Pferd tausend Jahre älter ist als der Mann. Ist der Mann nicht auch schon Vandalismus?“

Richtig geklärt ist diese Frage noch nicht. Und muss vorerst auch nicht. Der Petroglyphomat kann zurzeit nichts anrichten. Er befindet sich bereits auf dem Weg nach Japan.

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