Der Bremer und der Kaiser

Staatsarchiv bringt Lebenserinnerungen des NDL-Direktors Wiegand heraus

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Der technikbegeisterte Kaiser Wilhelm II. (hinten, l.) wird mit Bürgermeister Alfred Pauli (hinten, r.) im Automobil durch Bremen kutschiert. 

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Der eine war Vorstandschef des zweitgrößten Verkehrstransportunternehmens der Welt. Der andere war Kaiser mit gewissen Vorlieben – unter anderem für Pomp, Maritimes und Technisches. Wenig verwunderlich also, dass Kaiser Wilhelm II. und der Bremer Heinrich Wiegand (1855 bis 1909), Direktor des Norddeutschen Lloyd (NDL), oft und viel miteinander zu tun hatten.

Wie das aus Sicht des Bremers so gewesen ist mit dem Kaiser, das lässt sich jetzt in einem Buch nachlesen, das am Dienstag im Staatsarchiv vorgestellt worden ist. In dem Buch „Kaiser Wilhelm II., Bremen und der Norddeutsche Lloyd“ vereinen sich Wirtschafts-, Technik- und Kolonialgeschichte.

NDL-Direktor Heinrich Wiegand. 

Im Zentrum stehen die Lebenserinnerungen Wiegands, mit deren Niederschrift der Reedereimanager ein Jahr vor seinem Tod begonnen hatte. Sie waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, eher für nachfolgende Generationen in Wiegands Familie. Der private Rahmen führte zu einer gewissen Offenheit in den Äußerungen des NDL-Direktors, der keineswegs mit allem einverstanden war, was Kaiser Wilhelm II. so machte. Der Kaiser war zum Beispiel dafür, dass sich der NDL und die Hamburger Konkurrenz (Hapag) dem amerikanischen „Morgan Trust“ anschließen. Wiegand war dagegen. Er glaubte, der NDL sei „stark genug, um sich international behaupten zu können“, wie der Bremerhavener Wissenschaftshistoriker Dr. Reinhard Krause im Nachwort des Buchs schreibt.

Krause und der Autor Jochen Kemsa sind bei Recherchen zu einem anderen Thema im Bremer Staatsarchiv auf Wiegands handschriftliche Memoiren gestoßen. Sie lasen darin. Und sie lasen sich fest. So kam der Vorschlag auf, die Handschrift für eine Buchpublikation zu transkribieren. Eine zeitaufwendige Aufgabe. „Das dauert, die Handschrift aus der Zeit um 1900 zu lesen“, so Kemsa. Mit der gedruckten und kommentierten Fassung liegt diese Quelle aber nun erstmals komplett in veröffentlichter Form vor.

Herausgegeben von Dr. Jörn Brinkhus, der im Staatsarchiv für die Themen Wirtschaft, Arbeit, Häfen, Schifffahrt und Post zuständig ist – und der ein einordnendes Vorwort zu Wiegands Erinnerungen geschrieben hat, denen ja auch das Ziel einer Selbststilisierung innewohnt.

Es ist der Bericht aus einer Zeit, die Bremen eine (vergleichsweise späte) Industrialisierung bescherte. So ging die Gründung der Stahlwerke Bremen als „Norddeutsche Hütte“ auf eine Initiative des Reedereidirektors zurück.

Wiegand hatte sich – mit dem zukunftsorientierten Blick des Unternehmers – aber auch noch etwas ganz anderes für Bremen gewünscht. Die damals aufkommende Elektro- und Chemieindustrie nämlich. Daraus wurde nichts – und das ärgerte ihn. Wenn seine Ideen nicht umgesetzt wurden, führte er das – im Sinne der Selbststilisierung – aber auch gern auf eine mangelnde Weitsicht seiner Zeitgenossen zurück.

Eine höchst diplomatische Absage

Und während er Kaiser Wilhelm II. nicht unkritisch sah, wollte dieser den Bremer anno 1905 gern als Kolonialminister ins Reichskabinett holen. Wiegand wollte das „hohe und bedeutungsvolle Amt“ nicht übernehmen, weil er wirtschaftspolitische Konflikte mit dem Kaiser kommen sah. Höchst diplomatisch sagte er Wilhelm II. ab, indem er auf seine Verpflichtungen beim Norddeutschen Lloyd verwies – und auf sein „Familienglück“.

Vieles beschreibt Wiegand ausgesprochen lebendig, oft gibt er Dialoge wieder – zum Beispiel beim Ratskeller-Besuch mit dem Kaiser. Wiegand war auch Augen- und Ohrenzeuge der drastischen und berüchtigten „Hunnenrede“ Wilhelms II. bei der Verabschiedung von Soldaten zur Niederschlagung des Boxeraufstandes im Kaiserreich China am 27. Juli 1900 in Bremerhaven („Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“). Die Zeitungen sollten mit einer gemäßigten Version abgespeist werden. Daraus wurde nichts – Journalisten hatten den Originalton mitstenografiert. . .

Das 158 Seiten umfassende Buch (ISBN 978-3-925729-79-9) kostet 13 Euro.

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