Bremer Justiz öffnet Pforten der Gerichte und der Staatsanwaltschaft

Schnäppchen und Verfahren

+
Ein Blick, der sonst nicht gewährt wird: Hinter dem Vorsitzenden Richter und einem Schöffen in den Gerichtssaal fotografieren? Undenkbar! Doch während einer nachgestellten Verhandlung wird schon mal eine Ausnahme gemacht.

Bremen - Von Steffen Koller. Sitzungssäle, Strafverfahren, Schnäppchenpreise: Beim „Tag der offenen Tür“ der Justiz Bremen haben am Sonnabend mehrere hundert Besucher die Chance wahrgenommen. Sie erhielten Einblicke in die sonst der Öffentlichkeit verborgenen Flure und Räume des Land- und Amtsgerichts sowie der Staatsanwaltschaft. Neben ganz legalen „Trunkenheitsfahrten“ wurde bei einer Versteigerung gefeilscht wie auf dem Trödelmarkt.

Christian M. sitzt in feinem Karohemd auf der Anklagebank des Landgerichts Bremen, seine Anwältin flüstert ihm vor Prozessbeginn etwas ins Ohr. M. schaut schüchtern in die Zuschauermenge, dann verliest die Staatsanwältin die Anklageschrift. Räuberischer Diebstahl wird dem Mann zur Last gelegt. Würde dieses Verfahren ein echtes sein, müsste M. mit einer empfindlichen Strafe rechnen. Doch Glück gehabt, alles nur gespielt! Die improvisierte Verhandlung verfolgen rund 80 Zuschauer, gespannt lauschen sie den Ausführungen der Beteiligten im Saal 218, dem größten, den das Landgericht zu bieten hat. Mit seinen Vertäfelungen und den meterhohen Decken scheint allein die Größe auf viele Zuschauer einschüchternd zu wirken – kein Mucks ist zu hören, absolute Stille. Mit den an diesem Tag mehrfach nachgespielten Verhandlungen, mit Infoständen und Führungen durch das Gebäude will das Gericht die sonst verschlossenen Pforten der Justiz öffnen, Aufklärungsarbeit betreiben, neugierig machen. Und das funktioniert auch, wie zum Beispiel Grit (19) verrät. „Ich will später auch in den Justizbereich. Die Einblicke haben meinem Wunsch bestätigt“, sagt sie, während sie sich im Innenhof einen Gefangenentransporter anschaut.

Hätte der Angeklagte aus Saal 218 im wahren Leben einiges zu verlieren gehabt, geht es eine Etage weiter so ein bisschen ums Gewinnen. Hier können die Besucher so richtig abräumen. Bei der Versteigerung von beschlagnahmten Gegenständen gehen Jacken, Schuhe und Kameras für Schnäppchenpreise über die Theke. „Schau mal, da!“, sagt ein Mann. „Den Akkuschrauber sichern wir uns!“ Gesagt, getan, bietet er im dichten Gedränge den finalen Preis von sieben Euro und erhält den Zuschlag. An vielen Sachen hängt noch der in Kaufhäusern übliche Sicherheitschip, Diebesgut also. Das schreckt hier keinen ab, obwohl man sich bei Socken oder übergroßen Teddybären schon mal fragen darf: „Wer bitte klaut so etwas?“

Marek (41) jedenfalls freut sich, hat er doch gerade ein paar neue Winterschuhe für drei Euro ersteigert und darf jetzt ganz legal berauscht Auto fahren. Mit den neuen Tretern im Gepäck, betritt er den Saal 5 im Justizzentrum und setzt sich an einen Fahrsimulator, der einen Rauschzustand im Straßenverkehr simuliert. „Krass! Ich krieg‘ ja gar nichts mehr hin“, sagt er und schwört kurz darauf, nie eine so „verantwortungslose Aktion durchzuziehen“.

Doch Gericht bedeutet nicht nur Kriminalität, in Gerichten werden auch Scheidungen vollzogen, Zivilklagen bearbeitet, Kündigungen geprüft. Zu vielen Fragen finden Besucher Antworten. Und am Ende des Tages kann auch die Bremer Justiz mit einem guten Gefühl in den Sonntag starten. Information ist eben alles.

Das könnte Sie auch interessieren

Familienurlaub in Grächen: Abfahrt mit dem Weltmeister

Familienurlaub in Grächen: Abfahrt mit dem Weltmeister

Bayern-Fest bei Heynckes' Europa-Comeback - 3:0 gegen Celtic

Bayern-Fest bei Heynckes' Europa-Comeback - 3:0 gegen Celtic

Werder auf dem Freimarkt

Werder auf dem Freimarkt

NRW: 700 Polizisten stürmen Hells-Angels-Wohnungen

NRW: 700 Polizisten stürmen Hells-Angels-Wohnungen

Meistgelesene Artikel

Träume werden wahr – Weserhäuser in der Überseestadt

Träume werden wahr – Weserhäuser in der Überseestadt

250 Kilo schwere Weltkriegsbombe in Hastedt entschärft

250 Kilo schwere Weltkriegsbombe in Hastedt entschärft

„Mein Kunst-Stück“ mit Anette Venzlaff: Ein Herz für Verlierer

„Mein Kunst-Stück“ mit Anette Venzlaff: Ein Herz für Verlierer

Länderzentrum für Niederdeutsch in Bremen gegründet

Länderzentrum für Niederdeutsch in Bremen gegründet

Kommentare