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Bremer Innenstadt: Historische Fassadenelemente für das neue Essighaus

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Von: Thomas Kuzaj

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Der Steinbildhauer Ronald Cott (l.) und der Steinmetz Christopher Töpfer tragen ein Element des Giebels der „Sonnenapotheke“ und legen es auf eine Palette.
Der Steinbildhauer Ronald Cott (l.) und der Steinmetz Christopher Töpfer tragen ein Element des Giebels der „Sonnenapotheke“ und legen es auf eine Palette. © Kuzaj

Bremen – Ältere Bremer, so heißt es, bleiben zuweilen stehen vor der Baustelle neben der Stadtwaage an der Langenstraße. Hier verschwindet gerade das alte Essighaus, mit dem manche Menschen noch Erinnerungen verbinden – wie jüngst das Paar, das dort einst seine Hochzeit gefeiert hat. An gleicher Stelle entsteht hier, mitten im „Balge-Quartier“ des Investors Dr. Christian Jacobs, das neue Essighaus. Historische Fassadenteile werden in den Neubau integriert.

Lärm füllt die Langenstraße, ein dröhnendes Bohren. Das auf Naturstein und Denkmäler spezialisierte Bauunternehmen „Claus Ellenberger“ aus Herleshausen in Hessen kümmert sich um jene historischen Elemente, die es zu erhalten gilt. Und dieses Kümmern, das macht Krach. Der Steinbildhauer Ronald Cott und der Steinmetz Christopher Töpfer lassen es krachen, um die Teile überhaupt von der Fassade loszubekommen: „Sie sind mit Beton und Mörtel hintergossen, das muss man erstmal lösen“, sagt Cott.

An diesem Vormittag arbeiten sie oben auf dem Gerüst und sichern Giebelteile. Im Baufahrstuhl – zulässige Höchstlast: 500 Kilogramm – transportieren sie den steinernen Schmuck vorsichtig nach unten und legen ihn dort auf Paletten. Die historischen Teile werden vorübergehend eingelagert – bei der Denkmalpflege, wie es heißt.

Essighaus von 1618: Schöner als das Bremer Rathaus

Ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte des Essighauses beginnt. Vor mehr als 400 Jahren, anno 1618, nahm die Geschichte ihren Anfang. Mit ihrer Nähe zum Hafen an der Schlachte und zum (1838 zugeschütteten) Weser-Nebenarm Balge war die Langenstraße eine Hauptstraße Bremens. Hier also baute die Kaufmannsfamilie Esich ein prachtvolles Giebelhaus im Stil der Weserrenaissance. Die Fassade galt als Sehenswürdigkeit, die mit der damals gerade ganz neuen Renaissancefassade des Rathauses konkurrieren konnte.

Die Utluchten sind bereits ausgebaut.
Die Utluchten sind bereits ausgebaut. © Kuzaj

Im 19. Jahrhundert zogen Betriebe in das Gebäude ein. 1823 kam eine Brauerei, nach 1830 folgte eine Essigfabrik. So wurde das einstige Bürgerhaus zum Essighaus. Als das Londoner South Kensington Museum (heute: Victoria and Albert Museum) 1893 die Fassade kaufen wollte, merkten die Bremer, was für einen Schatz sie da mitten in der Stadt stehen hatten. Das Essighaus wurde renoviert, die 1831 gegründete Weinhandelsfirma Reidemeister & Ulrichs erwarb das Gebäude. Nun zog auch ein Weinlokal ein. Speisen wurden dort ebenfalls serviert.

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Essighaus zerstört. „Beim Luftangriff vom 16. Dezember 1943 brannte das Essighaus vollständig aus; die Mauern stürzten beim Luftangriff vom 6. Oktober 1944 ein“, schrieb der Historiker Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011) in seinem Buch „Bremen im Wandel der Zeiten“ (1970). Im Jahr 1956 wurde die Utluchten (Fassadenvorsprünge mit Fenstern) mit aus dem Schutt geborgenen Teilen rekonstruiert; die oberen Geschosse gestaltete man neu. Insgesamt entstand ein nun im Grunde aus drei Gebäuden bestehender Komplex.

Am rechten Teil wurde um 1960 der Renaissancegiebel der „Sonnenapotheke“ angebracht. Die Apotheke war ursprünglich im einstigen Stadthaus Sögestraße 18-20 zu finden gewesen und ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die aus den Trümmern geretteten Giebelteile kamen eben ans Essighaus, in dem fortan Lokale und später eine Bank untergebracht waren.

100-Millionen-Euro-Projekt „Balge-Quartier“: 2024 ist das Ziel

So soll es werden, das neue Essighaus an der Langenstraße in der Bremer Innenstadt.
So soll es werden, das neue Essighaus an der Langenstraße in der Bremer Innenstadt. © Jacobs

Die Utluchten von der linken Gebäudeseite sind bereits abgebaut und gesichert. Am Mittwoch sind Steinbildhauer Cott und Steinmetz Töpfer mit dem Giebel der „Sonnenapotheke“ beschäftigt. Investor Jacobs lässt die denkmalgeschützten historischen Fassadenelemente in das neue Essighaus (Miller und Maranta Architekten, Basel; Gruppe GME Architekten, Achim und Bremen) integrieren. Es gelte, den „für Bremen identitätsstiftenden Charakter“ zu erhalten, formuliert ein Sprecher.

Das 100-Millionen-Euro-Projekt „Balge-Quartier“ soll voraussichtlich Ende 2024 fertiggestellt sein. Auf insgesamt etwa 19.000 Quadratmetern sind Flächen für Einzelhandel, Arbeit, Bildung und Kultur geplant. Schwerpunkt: Gastronomie. Neben dem bereits neu gebauten Johann-Jacobs-Haus und dem Jacobs-Hof bilden die Stadtwaage, der Neubau des Essighauses und das Kontorhaus am Markt (mit dem von Bremen geplanten „Stadtmusikantenhaus“) das Quartier.

Im neuen Essighaus steht eine Gesamtmietfläche von etwa 5.500 Quadratmetern zur Verfügung, so der Sprecher. Büros, Einzelhandel und Lokale sollen ins Gebäude kommen. Die Obergeschosse 3 bis 7 bekommen Balkone oder Dachterrassen. Die historischen Utluchten kommen auch im Neubau auf die gewohnte linke Gebäudeseite. Der Giebel der „Sonnenapotheke“ aber wandert ein paar Meter um die Ecke. Er wird dann vom Jacobs-Hof hinter dem Johann-Jacobs-Haus zu sehen sein.

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