„Bauen für Bremen – Architektur in der Hansestadt“: Das „Ronning-Haus“

Der „Bremer Giebelstreit“

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Schmal und feingliedrig – das „Ronning-Haus“ an der Sögestraße 54. ·

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Die meisten der Passanten, die an diesem Haus vorübergehen, dürften nichts davon ahnen – in der Nachkriegszeit sorgte das Bauwerk für etwas, das man heute wohl „Skandal“ nennen würde.

Kaffee aus Bremen: Ronning-Werbung.

Ein Schuhgeschäft ist heute im Erdgeschoss des Hauses Sögestraße Nummer 54 zu finden – in einem Gebäude, das eigentlich für Kaffee steht. Die Aufschrift an der Fassade weist noch darauf hin: „Ronning-Haus“. Carl Ronning, nach dem auch eine Straße benannt ist, die zur Rückseite des Hauses liegt und parallel zur Sögestraße verläuft, war Kaufmann und Kaffeeröster. 1863 in Bielefeld geboren, absolvierte er in Celle eine Lehre im Kaffeehandel, bevor er nach Hannover ging. Dort arbeitete Ronning in der Kolonialwaren-Großhandlung Grothe – und dort dürfte er auch den Bremer Ludwig Roselius (1874 bis 1943) kennengelernt haben, der wenige Jahre später den entkoffeinierten Kaffee erfinden sollte und zu einem Pionier der Markenbildung in Deutschland wurde.

1892 kam Ronning nach Bremen. Hier arbeitete er zunächst in der Firma von Roselius‘ Vater. 1894 machte Ronning sich selbstständig. Er importierte und röstete Kaffee. Sein Geschäft lag an der Sögestraße 54. Nach dem Tod von Carl Ronning übernahm dessen Sohn Otto das Unternehmen. Otto Ronning war am Ende auch der Bauherr, als in den Jahren 1949/50 auf dem Grundstück des kriegszerstörten Firmengebäudes ein neues Haus errichtet wurde. Das, wenn man so will, Skandalgebäude.

Seit 1994 steht es unter Denkmalschutz. Entworfen hatte es der Bremer Architekt Heinz Logemann, von dem ganz in der Nähe auch das „Allianz-Haus“ (1950/51) an der Ecke von Wall und Sögestraße stammt.

Das schmale „Ronning-Haus“ an der Sögestraße wirkt feingliedrig und geradezu zart. „Das zeitgemäß modern in Eisenbeton konstruierte ‚Ronning-Haus‘ ist in der Fassade dekorativ mit Rotsteinen verblendet, die von sparsam eingesetzten Sandsteinwerkstücken gegliedert werden“, heißt es in der Denkmaldatenbank des Landeskonservators. „Ein zweiachsiger Erkervorbau erstreckt sich über das erste und zweite Obergeschoss und endet als Balkon mit geschlossener Brüstungsmauer.“ Der Internet-Architekturführer des Bremer Zentrums für Baukultur erkennt „Anklänge an mittelalterliche Stadthäuser“.

Doch worin lag nun der Skandal? Das Haus löste einen Konflikt aus, der als „Bremer Giebelstreit“ in die regionale Baugeschichte eingegangen ist. An dem Gebäude entzündete sich ein Streit darüber, wie der Neuaufbau der Innenstadt nach dem Krieg ausfallen sollte. Für die weitgehend zerstörte Sögestraße galt ein Rahmenplan.

Und nach diesem Plan sollte, so der Landeskonservator, „auf Giebelhäuser zugunsten von traufständigen Häusern mit ruhigen Dachflächen vollständig verzichtet werden“.

Heimlichkeiten

hinter der Plane

Keine Giebel? Nicht mit Familie Ronning. Heimlich und entgegen der Genehmigung entstand – durch die Bauplanen vor Blicken geschützt – das von Logemann entworfene Haus mit seinem durchaus markanten Giebel, entworfen sozusagen nach guter alter hanseatischer Gestaltungstradition. Was für eine Überraschung, als die Plane verschwand!

Die folgenden rechtlichen Auseinandersetzungen gewann Ronning. Er hatte Fakten geschaffen – und weite Teile der Öffentlichkeit auf seiner Seite. Jene Passanten, die heute am Schaufenster mit den Schuhen vorbeiflanieren, schauen meist gar nicht zum Giebel hoch. . .

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