Bremer Clubkultur leidet

Livemusik am liebsten leise

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Noch sind abends nur vereinzelt Gäste vorm Litfass in Bremen. Je wärmer es wird, desto lauter wird es aber vor der Viertel-Kneipe.

Bremen – Von Pascal Faltermann. Litfass, Lila Eule, Eisen – Kneipen im Bremer Viertel, die neben dem gemeinsamen Nenner als kultureller Treffpunkt zur Zeit eine ähnliche Problematik eint. Anwohner fühlen sich durch die Lautstärke gestört und beschweren sich beim Stadtamt.

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Livemusik am liebsten leise

Nicht nur im Bremer Ostertor und Steintor kommt es zu Konflikten. Auch in der Neustadt zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Die Macher von Kultureinrichtungen wie dem Karton berichten von solchen Beispielen. Das Stadtamt Bremen steht dazwischen und versucht die Konflikte zu schlichten.

Je wärmer die Temperaturen werden, desto häufiger entstehen vor zahlreichen Lokalitäten vergleichbare Bilder. Gäste sammeln sich vor den Eingangstüren auf dem Gehweg: Eine Kippe am Bordstein, ein Bierchen am Fenster. Es wird erzählt, gefeiert, gelacht und gestritten. Nicht ausschließlich der Lärm in den Kneipen, sondern die Lautstärke vor und um die Lokalitäten fällt auf. Das ärgert die direkten Anwohner, die sich dann aber nicht über die Menschen auf der Straße, sondern über die lautstarken Veranstaltungen oder regelmäßigen Konzerte beim Stadtamt beschweren. Konzerte und kulturelle Events sind greifbar, da sie im Kalender stehen und einer Lokalität zuzuschreiben sind. Feiernde, angetrunkene Personen auf den Gehwegen allerdings nicht. „Die Klagen und der Ärger richten sich also gegen die Clubs“, so Norbert Schütz vom Litfass, der Vorsitzender des Vereins Clubverstärkers ist.

Konzert im „Litfass“: Anwohner im Oster- und Steintorviertel beschweren sich immer öfter über zu viel Lärm.

„Wir gehen den Beschwerden nach und versuchen die Konflikte zu lösen“, sagt Stadtamtsleiterin Marita Wessel-Niepel auf Nachfrage. Zahlenmäßig seien die Klagen nicht erfasst, da sie bei verschiedenen Ämtern auflaufen und stark von der Anzahl der Veranstaltungen abhängen. Dabei könne es dann beispielsweise Begrenzungen der Lautstärke geben. Dem Stadtamt sei aber sehr daran gelegen, ein lebendiges, vielfältiges Viertel zu haben. „Wir wünschen uns ein interessantes Nacht-, Kneipen und Kulturleben“, so Wessel-Niepel. Kneipen können sich von den Sperrzeiten unter der Woche befreien lassen. Am Wochenende gibt es im Viertel keine Sperrzeiten, unter der Woche sind diese von 2 bis 6 Uhr. Aber beispielsweise für die Studentennacht in der Lila Eule am Donnerstag sei diese aufgehoben. Musikanlangen bei Tanzveranstaltungen sind nach der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) geregelt. Da bei Konzerten aber nicht über diese Anlage gespielt werde, seien diese lauter. Mit Anwohnern und Veranstaltern habe man sich in solchen Fällen „auf eine Zahl verständigt“, so Wessel-Niepel.

Für den einen oder anderen Club gibt es also Auflagen, wie viele Konzerte veranstaltet werden dürfen. Acht in nicht regelmäßigen Abständen, dürfen es laut Schütz im Litfass sein. Bei der Lila Eule sollen es nur 15 Musikveranstaltungen im Jahr sein. Regelungen, Auflagen und Beschränkungen, die es Veranstaltern schwer machen, für ein vielfältiges und regelmäßiges musikalisches Programm zu sorgen.

Auch Bremens wohl ältester existierender Club, die Lila Eule, musste Live-Veranstaltungen nach Anwohnerbeschwerden massiv einschränken, teilt Mitinhaber Michael Pietsch mit. Auf dem Flyer mit dem Monatsprogramm der Lila Eule steht bereits kleingedruckt: „Aufgrund der schlimmen Frühjahrsmüdigkeit einer Nachbarin müssen einige Konzerte bereits um 22 Uhr statt 23 Uhr beendet sein.“ Zwei Bands an einem Abend spielen zu lassen, scheint da fast unmöglich. Es stellt sich die Frage, warum Menschen in ein Viertel ziehen mit so viel Subkultur, Kneipen, Nachtleben und Clubs und sich dann beschweren, wenn es etwas lauter wird. Es wirkt absurd, dass Menschen über oder neben einem jahrelang existenten Club wohnen, wenn es ihnen wichtig ist, pünktlich um zehn schlafen zu gehen. „Deren Argumentation ist, dass Lautstärke Folter ist und sie eben nicht gefoltert werden wollen“, erklärt Norbert Schütz. Warum sie dann aber an der Kulturmeile Ostertorsteinweg wohnen wollen, versteht er nicht.

Während es die Lila Eule im Viertel seit Ewigkeiten gibt und jetzt unter hinzugezogenen Anwohnern leidet, gibt es auch den umgekehrten Fall. Bernd Trusheim wohnt seit längerem in der Nachbarschaft der Alten Schnapsfabrik. Dort hat nun die Einrichtung Karton ihre Heimat gefunden. Jahrelang sei er mit den in der Schnapsfabrik arbeitenden und feiernden Menschen gut ausgekommen. „Ich habe immer das Gespräch und Kompromisse gesucht“, so Trusheim. Seine Vorschläge an die Karton-Macher seien aber nicht angenommen worden. Sie hätten eine Grenze überschritten und ihre Zeiten und das Angebot ausgeweitet. So habe er sich dann an das Gewerbeaufsichtsamt gewendet. Dadurch kam es zu einem Konflikt mit Timo Schumacher und Nico Hirschmann. Mit ihren Projekt Karton (Alte Schnapsfabrik, Am Deich) würden sie gerne Konzerte veranstalten, um für eine lebendige Clubkultur und mehr Livemusik zu sorgen. Den Aussagen Trusheims widersprechen sie, stets hätten sie versucht, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Kulturstätten sind ein Wirtschaftsfaktor.

Die Kulturstätten sind ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt Bremen. Arbeitsplätze, Getränkeumsatz, Gewerbesteuer sind nur drei Schlagworte.  Wahrhaftige Zahlen dazu gebe es aufgrund fehlender regionalwirtschaftlicher Untersuchungen laut Bremens Wirtschaftsressort-Sprecher Holger Bruns aber nicht. Andere Studien zeigen aber, dass durch die Einrichtungen das Image eines Viertels, die Attraktivität gesteigert wird.

„Wir bieten ein kulturelles Leben jenseits der Hochkultur. Kneipen versuchen nicht nur eine Schenke zu sein, sondern auch ein Kulturprogramm anzubieten“, verdeutlicht Schütz vom Litfass.

Auch Viertel-Läden wie Engel oder das Fehrfeld wollen gerne Konzerte anbieten. Können beziehungsweise dürfen es aber nicht. So entsteht das Problem, dass lokale Bands oder kleinere Musikgruppen und Künstler aus Deutschland in Bremen keine Auftrittsorte finden. Das sieht man auch an Bands wie Rhonda oder Mantar, die aufgrund fehlender Musikszene und Auftrittsorte nach Hamburg ziehen. Dort sind die Möglichkeiten größer.

Zu der Frage „Wie wichtig ist eine lebendige Kultur- und Kneipenszene für den Wirtschaftsstandort Bremen?“ gibt es am Dienstag, 24. März, um 17 Uhr, im Karton (Am Deich 86) eine Podiumsdiskussion mit Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft, Szene, Baubehörde und Ortsbeirat.

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