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Bremen: Wie sich Osterholz-Tenever verändert hat

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Von: Thomas Kuzaj

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Tenever heute: „Singende Balkone“, Freiluft-Konzert im September vergangenen Jahres.
Tenever heute: „Singende Balkone“, Freiluft-Konzert im September vergangenen Jahres. © dpa/Schuldt

Bremen – Ein neues Kapitel für Tenever: Nach fast 50 Jahren und zwei grundlegenden Sanierungen nach der ursprünglichen Errichtung hat der Senat (wie zuvor schon die Baudeputation) nun den Status „städtebaulicher Entwicklungsbereich“ aus dem Jahr 1973 für Osterholz-Tenever offiziell aufgehoben.

Nun muss die Stadtbürgerschaft das noch absegnen – Schlusskapitel in einer der umstrittensten Episoden bremischer Baugeschichte. Fragen und Antworten zum Thema.

Wie sollte Tenever ursprünglich aussehen?

Noch viel größer. Die Großwohnsiedlung mit ihren bis zu 21 Etagen hohen Blocks war als „Demonstrativbauvorhaben“ nach dem Motto „Urbanität durch Dichte“ für ein zur Millionenstadt wachsendes Bremen gedacht. Noch während der Bauzeit (insgesamt: 1968 bis 1976) wurde klar, dass es so nicht funktionierte. Die Wohnungen ließen sich nur schwer vermieten. Statt der ursprünglich geplanten 4.600 Einheiten wurden dann „nur“ 2.653 gebaut.

Was war das Ziel?

Fläche sparen, in die Höhe wachsen: Schlagworte, die in der Stadtplanung (mit Blick auf den Klimawandel) auch heute wieder aktuell sind. Und eben Wohnraum schaffen – für junge Familien, „flexibel, aktiv, kommunikativ und mobil“, wie es hieß. Die Pläne stammten von den Architekten Martin Zill (Bremen), Nina Kessler (Berlin) und Gerhard Günther Dittrich (Nürnberg).

Wie wird die Ursprungs-Planung heute betrachtet?

Sehr kritisch. „Osterholz-Tenever war ein Paradebeispiel für eine ambitionierte, aber letztlich doch verfehlte Wohnungsbaupolitik“, sagt etwa Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne). „Imageprobleme, falsche Belegungspolitik und fehlende Infrastruktureinrichtungen machten aus dem Stadtteil schon bald ein soziales Problemgebiet“, heißt es im Online-Architekturführer des Bremer Zentrums für Baukultur (BZB) über „Klein-Manhattan“ (Volksmund). „Bremen hat Jahrzehnte gebraucht, um städtebauliche Fehler in Tenever zu korrigieren“, so sieht es Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne).

Wie war das Leben in Tenever in den 70er Jahren?

Hart. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), Jahrgang 1966, hat seine Kindheit in Tenever verbracht und Journalisten Jahre später von seiner Angst vor Straßenbanden berichtet. Zur Schule sei er möglichst nicht allein gegangen.

Nach Jahrzehnten reagierte Bremen auf die Abwärtsspirale aus Gewalt und Kriminalität, Immobilienspekulation und Verfall. Was wurde gemacht?

Tenever 2004: Abriss des Kessler-Blocks.
Tenever 2004: Abriss des Kessler-Blocks. © Bahlo

Das Zauberwort hieß am Ende „Rückbau“, sprich: Abriss. Damit wurde im Jahr 2004 begonnen; Regie führte dabei die OTG, die zu diesem Zweck gegründete „Osterholz-Tenever-Grundstücksgesellschaft“. „Erstes Objekt eines Totalabrisses war der Kessler-Block“, fasst das BZB zusammen. Und: „Der Leerstand von Wohnungen führte bis 2007 zum Abbruch weiterer Hochhäuser im nördlichen Teil und zum Abbruch von Gebäudeteilen der Z-förmigen Bauformen im südlichen Teil.“ Im Zuge des Tenever-Neustarts verschwanden 650 Wohnungen – und mit ihnen das damalige Überangebot. Farbkonzepte, hellere Eingangsbereiche und neue Sichtachsen gaben dem Quartier eine andere Anmutung. „Angsträume und anonyme, unkontrollierbare Zugangssituationen sind einer völlig neuen Aufenthaltsqualität gewichen“, so ein Sprecher des Bauressorts. Die Umbau-, Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen kosteten etwa 72 Millionen Euro und wurden von der Stadt Bremen sowie durch das Bund-Länder-Programm „Stadtumbau West“ finanziert.

Wer spielte bei der Veränderung Tenevers besondere Rollen?

Maßgebliche Beteiligte gab es auf unterschiedlichen Ebenen – von der kommunalen Wohnungsgesellschaft Gewoba bis hin zu engagierten Bürgern. Markantes Beispiel: Joachim Barloschky, der – angestellt beim Amt für Soziale Dienste – ab 1990 Quartiersmanager in Tenever war und den Bewohnern eine Stimme gab. Überregional beispielgebend ist das Sozial-Sport-Projekt „Hood Training“. Der Jugendhilfeträger hat seine Wurzeln in Tenever.

Wer lebt heute in Osterholz-Tenever?

Etwa 10.000 Menschen aus 90 Nationen. Leerstand wird nicht mehr beklagt. „Ein überwiegender Teil der neu zugezogenen Menschen ist berufstätig, die Integration funktioniert besser als anderswo“, so das Bauressort.

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