Zoff: Bleibt die „Schulschiff Deutschland“ in Vegesack?

Bremen: „Verzwergung“

Der Schulschiffverein bangt um den bisherigen Liegeplatz der „Schulschiff Deutschland“ in der Lesummündung. Der Vorsitzende Claus Jäger sähe sie gerne weiterhin dort liegen, befürchtet aber eine Zerstörung des maritimen Ensembles von Speicher, Hafen und Schiff.
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Der Schulschiffverein bangt um den bisherigen Liegeplatz der „Schulschiff Deutschland“ in der Lesummündung. Der Vorsitzende Claus Jäger sähe sie gerne weiterhin dort liegen, befürchtet aber eine Zerstörung des maritimen Ensembles von Speicher, Hafen und Schiff.
  • Ralf Sussek
    vonRalf Sussek
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Bremen – Wird die „Schulschiff Deutschland“ von Vegesack nach Bremerhaven verlegt? Gut möglich, meint der Schulschiff-Verein. Möchte das aber gar nicht. „Wir möchten an diesem Platz bleiben“, sagte der Vorsitzende, Claus Jäger, am Mittwoch auf Nachfrage. Kein Wunder – direkt nebenan hat der Verein sein eigenes Gebäude.

Der Verein wendet sich gegen den Bau eines neungeschossigen Hochhauses nahe dem derzeitigen Liegeplatz des Schiffs in Vegesack. Die gescheiterte Shopping-Mall „Haven Höövt“ soll halbiert und der hintere Teil mit Einzelhandel gefüllt werden. Der vordere Bauteil mit dem gläsernen Turm soll zurückgebaut und Platz für bis zu 200 Wohnungen geschaffen werden. Für die nun geplanten neun Geschosse wurde im November 2017 der Bebauungsplan geändert.

Nun laufen Denkmalpfleger und Bürger gegen die Planungen Sturm. Im vormaligen Bebauungsplan galt das Baudenkmal „Werftspeicher“ in punkto Höhe als das Maß der Dinge. Nun, nach der Änderung, soll das neue Gebäude den ehemaligen Speicher weit (laut Schulschiffverein um 17 Meter) überragen dürfen. „Verzwergung des Speichers“ nennt das der Denkmalpfleger. Die Verantwortlichen rücken die Planungen in ein ganz anderes Licht: Durch den Wegfall der Verbindung zwischen den Gebäudeteilen werde die Sichtachse auf die „Schulschiff Deutschland“ wieder freigegeben, heißt es.

„Schulschiff Deutschland“ in Bremen-Vegesack: Zerstörung des Ensembles

Für Jäger spielt das keine Rolle: „Hier wird gegen die Interessen des Denkmalschutzes verstoßen.“ Und damit werde auch das „historische Ensemble“ von altem Vegesacker Hafen, dem Speicher der Lange’schen Werft und dem Dreimaster „Schulschiff Deutschland“ zerstört statt es weiterzuentwickeln, sagt er.

Dazu kommt: nicht weit von der Grohner Dühne, einer bekannt problembehafteten Wohngegend, soll nun ein weiteres Hochhaus entstehen. Und so fragt sich Jäger, wie attraktiv die Wohnungen mit Blick auf die Grohner Dühne sind . . .

Da scheint ein Angebot aus Bremerhaven gerade recht zu kommen. „Das ist ein Bremerhavener Schiff. Mit der ,Seuten Deern‘ ist ein Exponat verlorengegangen, das überregionale Ausstrahlungskraft hatte. Aus diesem Grund würden wir es sehr begrüßen, wenn das Schulschiff nach Bremerhaven kommt“, sagte Jens Grotelüschen, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP in Bremerhaven, in einem TV-Interview mit Radio Bremen. Und auch die Schiffergilde Bremerhaven könnte sich das gut vorstellen. „Das wäre sicherlich eine Bereicherung“, sagte deren erster Vorsitzender, Eugen von Abel.

Der Bremerhavener Magistrat hat sich zu möglichen Umzugsplänen bisher nicht geäußert. Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) macht klar: „Wenn ein ernsthaftes Interesse besteht, dann müsste der Verein entsprechende Beschlüsse fassen, mit denen wir uns dann auseinandersetzen können.“ Auf ihn sei noch niemand zugekommen.

„Schulschiff Deutschland“ in Bremen-Vegesack: Angebot aus Bremerhaven

In der Debatte spielen auch Fördermittel für die „Schulschiff Deutschland“ eine Rolle, die der Verein vom Senat schon länger einfordert. „Eine Unterhaltung des Schiffes ohne öffentliche Unterstützung ist nicht mehr möglich“, so Jäger. Diese Mittel waren neben dem geplanten Neubau Inhalt von Briefen Jägers an die Senatorinnen Maike Schaefer (Grüne) und Kristina Vogt (Linke) sowie Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). Im November, Monate vor Corona. Der Verein „Schulschiff Deutschland“ beziffert sein jährliches Defizit auf 60 000 Euro – wegen der Corona-Krise fällt es in diesem Jahr deutlich höher aus. Ohne öffentliche Unterstützung sei die Unterhaltung nicht mehr möglich, sagt Jäger, der in den 90er Jahren Wirtschaftssenator in der Ampel-Koalition unter Bürgermeister Klaus Wedemeier (SPD) war.

Der aktuelle Bürgermeister Bovenschulte hat sich dem Vernehmen nach gegen die Verlegung der „Schulschiff Deutschland“ ausgesprochen. Damit wären „erhebliche Probleme“ zwischen Bremen und Bremerhaven programmiert. Immerhin: Der Schulschiffverein hat jetzt Antwort von Senatorin Schaefer bekommen, bestätigte Jäger am Mittwoch, ohne im Einzelnen auf den Inhalt einzugehen.

„Schulschiff Deutschland“ in Bremen-Vegesack: Maritimes Kulturdenkmal

Die „Schulschiff Deutschland“ lief 1927 bei der Bremerhavener Tecklenborg-Werft vom Stapel und war zunächst als Schulschiff für die Handelsschifffahrt im Einsatz. Das letzte deutsche Vollschiff diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Wohnschiff für Minenräumer und bis Anfang 1952 als schwimmende Jugendherberge mit Liegeplatz im Europahafen. Seit 25 Jahren ist die „Schulschiff Deutschland“ ein maritimes Kulturdenkmal. Sie trägt das „Schulschiff“ im Namen, weil es bereits ein Panzerschiff „Deutschland“ gab, und gilt als touristische Attraktion in Vegesack. Heute wird sie unter anderem als Hotel und für Trauungen genutzt. Vor knapp zwei Jahren, als die „Gorch Fock“ jahrelang auf Vordermann gebracht wurde, diente die „Schulschiff Deutschland“, weiterhin in Vegesack liegend, als Ersatz für die Ausbildung der Marine-Kadetten.

Von Ralf Sussek

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