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Prozess um versuchten Mord in Bremen: Zeugen verweigern Aussage

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Von: Ralf Sussek

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Die beiden angeklagten Brüder (rechts) mit ihren Verteidigern Wilfried Behrendt und Arnike Duensing.
Die beiden angeklagten Brüder (rechts) mit ihren Verteidigern Wilfried Behrendt und Arnike Duensing. © Sussek

Fortsetzung im Prozess um versuchten Mord vor dem Bremer Landgericht. Angeklagt sind zwei Brüder. Am Donnerstag hätten zwei Zeugen aussagen sollen. Aber taten sie das?

Bremen – Der zweite Prozesstag bringt keine Aufklärung, aber Klarheit. Die mutmaßlichen Opfer schweigen („Ich möchte keine Aussage machen“), einen objektiven Geschehensablauf wird das Landgericht daher nicht ermitteln können. Aber nun herrscht Klarheit: Der Tatvorwurf des versuchten Mordes wird nur schwerlich nachzuweisen sein.

Elie S. (20) und sein zwei Jahre älterer Bruder Micael S., beide geboren in Deutschland, sind angeklagt, im September 2021 zwei junge Männer mehrfach an den Kopf und ins Gesicht getreten zu haben. Einer der Angeklagten stach den beiden anderen mit einem Messer jeweils ins Bein und einem noch in den Rücken, so die Anklage. Der Ältere hatte am ersten Verhandlungstag in einer schriftlichen Einlassung erklärt, den beiden Männern absichtlich nur ins Bein gestochen zu haben, weil er niemanden schwer verletzen, sondern sich und seinen Bruder nur verteidigen wollte. Den Stich in den Rücken eines der Männer konnte er nicht erklären. Seine Erklärung für die Erinnerungslücke: Er habe vor dem Zusammentreffen Drogen geraucht und Alkohol getrunken.

Prozess um versuchten Mord: Vier Männer, ein Drogendeal?

Anscheinend ging es bei dem Zusammentreffen der vier Männer um einen Drogendeal, der für zwei der Beteiligten nicht zur Zufriedenheit verlaufen war. Das Treffen eskalierte. Wer nun die Angreifer und wer die „Opfer“ waren, bleibt letztlich im Dunkeln. Denn die beiden verletzten Männer, die am zweiten Verhandlungstag vernommen werden sollten – ein 23-jähriger Regionalliga-Fußballer und ein 22-jähriger Student –, sagten vor Gericht nicht aus.

Bremen: Zeugen sind auch Nebenkläger im Prozess um versuchten Mord

Dementsprechend waren die Zeugen, die übrigens zugleich Nebenkläger sind, auch vom Vorsitzenden Richter der Strafkammer 41 belehrt worden. Vor dem Hintergrund vermutlich von Drogengeschäften gehe das Gericht „von einem umfassenden Zeugnisverweigerungsrecht (der beiden Zeugen) aus“, sagt er zuvor bei der rechtlichen Erörterung. Und da sich niemand durch seine wahrheitsgemäße Aussage vor Gericht in die Gefahr einer Strafverfolgung bringen soll, ist in der Strafprozessordnung dieses „Auskunftsverweigerungsrecht“ vorgeschrieben.

„Wollen die aussagen?“

Das Schweigen der Zeugen sorgt auch bei der Verteidigung für Erleichterung. „Wollen die aussagen?“, hatte vorher ein Anwalt seinen Kollegen, den Nebenklägervertreter, gefragt. Der antwortet mit einem angedeuteten Kopfschütteln. Und so kommt es. Gemeinsamkeiten gibt es auch beim weiteren Austausch von Rechtsansichten mit dem Gericht. Ein Verteidiger bekräftigt die Ausführungen der Anwältin eines Nebenklägers, weil die eben auch im Interesse der Angeklagten sind, mit einem deutlich vernehmbaren „Danke“. Die Anwältin verweist darauf, dass sie hier die Interessen des Nebenklägers vertritt: „Das ist mein Mandant.“

Prozess um versuchten Mord: Vernehmung nicht verwertbar?

Die Ankündigung des Gerichts, nunmehr die bei der Polizei gemachten Aussagen der Beteiligten vor Gericht zu verlesen, trifft auf Widerstand der Verteidigung. Die Vernehmung sei nicht nicht verwertbar, weil die Polizei trotz eines absehbaren Aussageverweigerungsrechts der Zeugen keine Verteidiger hinzugezogen hätte. „Nach der Papierlage spricht einiges gegen die Aussage der Geschädigten“, räumt der Vorsitzende ein. Die Aussagen seien aber „wesentlich für die Aufrechterhaltung der Haftbefehle“. Die beiden Angeklagten sitzen seit Anfang Februar in Untersuchungshaft.

Mit den beiden schweigenden Hauptzeugen fallen wesentliche Grundpfeiler der Anklage weg. Ob die weiteren Beweismittel tragen? Möglicherweise bleibt dem Gericht am Ende nur die Einlassung des älteren Bruders. Diesen von ihm erklärten Geschehensablauf unterstellt, wäre eine Verurteilung durchaus noch möglich, aber fraglich. Hätte auch Micael S. einfach geschwiegen, wäre der Prozess vielleicht jetzt schon zu Ende.

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