Übersee-Museum gibt Gebeine an Neuseeland zurück

Die Ahnen kehren heim

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie, die nach strengen Regeln ablief, hat das Übersee-Museum menschliche Überreste der Maori und Moriori an Neuseeland zurückgegeben. - Foto: dpa

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Schneckenhorn, Gesänge, Rituale. Ab 14 Uhr für Besucher geschlossen, wurde das Bremer Übersee-Museum am Donnerstag zum Schauplatz einer außergewöhnlichen Zeremonie. Anlass war die Rückgabe 44 menschlicher Überreste der Moriori und Maori aus der Sammlung des Hauses an den Staat Neuseeland. Die Schädel und Knochen wurden nicht einfach profan übergeben. Im Lichthof des Hauses gab es eine Begrüßungs- und Verabschiedungsfeier mit strengen Regeln.

Eine Delegation des Te Papa Museums aus Wellington (sprich: des Nationalmuseums von Neuseeland) war ebenso dabei wie Neuseelands Botschafter Peter Rodney Harris, Bürgermeister und Kultursenator Carsten Sieling (SPD) und Professorin Wiebke Ahrndt, die Direktorin des Museums. Vor der offiziellen Zeremonie mit geladenen Gästen und insgesamt etwa 80 Teilnehmern gab es eine private Zeremonie der Te-Papa-Delegation in einem geschlossenen Bereich des Museums.

Eine Prozession mit in fünf geschlossenen Behältnissen verwahrten „Tupuna“ (Vorfahren) der Maori und Moriori führte anschließend hinunter in den Lichthof – zum sozusagen offiziellen Teil. Bei Ankunft der Prozession auf der Brücke des Zwischengeschosses erhoben sich die Gäste von ihren Plätzen. Im Erdgeschoss wurde, wie bei Zeremonien in Ozeanien üblich, das Schneckenhorn („Putatara“) geblasen. Dann wurden zeitgenössische Maori-Umhänge über die Behältnisse gebreitet. Es folgten Reden und Chorgesang – „Kein schöner Land“ hier, traditionelle Gesänge dort.

Die Delegation, Sieling und Ahrndt unterzeichneten die Übergabedokumente. Dann luden die Maori die Bremer zum traditionellen Nasengruß („Hongi“) – es war auch für den Bürgermeister kein alltäglicher Termin. Der Nasenkuss gilt als „Symbol dafür, dass man Gedanken und Atem teilt“, sagte Ahrndt.

Während der etwa anderthalbstündigen Zeremonie galt es, eine Reihe von Regeln zu beachten, um nicht auf dem diplomatischen Parkett auszurutschen oder gar als pietätlos zu erscheinen. Zu keinem Augenblick durfte den Gebeinen der Rücken zugekehrt werden, weil dies als außerordentliche Respektlosigkeit den Ahnen gegenüber gilt. Tische und Stühle waren in einem ausgeklügelten Verfahren so aufgebaut worden, dass die Gefahr eines versehentlichen Rücken-Zukehrens minimiert war. Als „Zeichen schlechter Erziehung“ – so Ahrndt – hätte es auch gegolten, sich an einen Tisch zu lehnen. Niemand durfte zu spät kommen oder die Zeremonie vorzeitig verlassen.

Es war Ahrndt zufolge in Deutschland die bisher einzige Rückgabe an neuseeländische Volksstämme, die Medienvertreter verfolgen durften. Die Gebeine kommen in fünf Gefäßen zunächst in das Te Papa Museum, das von der neuseeländischen Regierung den Auftrag bekommen hat, Rückführungen dieser Art weltweit zu organisieren. 2013 hatte es sich mit einem Rückgabegesuch in Bremen gemeldet. 2016 stimmte der Senat dem Gesuch aus ethischen Gründen zu und folgte damit einer Empfehlung des Übersee-Museums. Maori und Moriori glauben, dass die Gebeine beseelt bleiben. Sie sehen in den Knochen folglich nicht nur eine sterbliche Hülle, sondern verehren sie als Ahnen. Deshalb ist die Rückführung so wichtig für sie.

Die Gebeine waren in den Gründungstagen des Museums nach Bremen gekommen. Das war zur Kolonialzeit, als die Welt von Europa aus mit anderen Augen betrachtet wurde. Die meisten der menschlichen Überreste hat Hugo Schauinsland (1857 bis 1937), Zoologe und Gründungsdirektor des Übersee-Museums, von einer Sammel- und Forschungsreise 1896/97 mitgebracht. Gebeine der Moriori grub er offenbar ohne Erlaubnis der Nachfahren aus – so eine Erlaubnis hätte er auch wohl kaum bekommen. Maori-Schädel erwarb er 1906 von einem Händler.

Ahrndt: „Dies entsprach dem Sammlungsverhalten und dem anthropologischen Interesse jener Zeit. Heute ist es aus ethischen Gründen nicht länger gerechtfertigt, die menschlichen Überreste weiterhin in unserer Sammlung zu verwahren.“

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