Ambulante Versorgung im Fokus

Psychische Erkrankungen: Therapie im Wohnzimmer

Setzt auf die Behandlung von Psychiatrie-Patienten im eigenen Wohnumfeld statt in der Klinik: Dr. Martin Zinkler, neuer Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost.
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Setzt auf die Behandlung von Psychiatrie-Patienten im eigenen Wohnumfeld statt in der Klinik: Dr. Martin Zinkler, neuer Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost.

Psychisch Kranke nicht in der Klinik, sondern zu Hause behandeln, darauf setzt der neue Chefarzt der Psychiatrie am Klinikum Bremen-Ost.

Bremen – Dr. Martin Zinkler ist neuer Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost. Er leitet die Klinik gemeinsam mit Dr. Martin Lison. Zinkler will die Psychiatriereform in Bremen voranbringen. Wie zuvor an der Klinik in Heidenheim, setzt er auf „Hometreatment“, die Behandlung psychisch Kranker im eigenen Wohnumfeld.

Martin Zinkler (55), der zehn Jahre in London gearbeitet hat, will stationäre Klinikbetten abbauen, das ambulante Versorgungssystem ausbauen und Experten mit passgenauen Therapien direkt zu den Betroffenen bringen. Er sieht Bremen da auf einem guten Weg. Wir haben mit ihm über das Thema Psychiatrie gesprochen.

Herr Dr. Zinkler, Sie wollen in der Psychiatrie am Klinikum Ost auf „Hometreatment“ setzen, also die Behandlung psychisch auffälliger Menschen ambulant zu Hause statt stationär in der Klinik. Wie genau stellen Sie sich das vor?

Wir setzen mit dem „Hometreatment“ auf stationsersetzende Behandlungsangebote im vertrauten Wohnumfeld. Alles, was unsere Patientinnen und Patienten in ihrer Situation individuell brauchen und sie bisher bei uns in der Klinik bekommen haben, bekommen sie nun zu Hause – sie werden ärztlich, pflegerisch und therapeutisch versorgt. Wir sind mit diesem Ansatz längst in der Umsetzungsphase. Unser „Bravo“-Projekt (Bremer ambulant vor Ort, d. Red.) gibt es bereits für die Stadtteile Mitte und Ost. Die entsprechenden Angebote für den Bremer Westen und Süden werden folgen.

Wie viel Klinikbetten in der Psychiatrie wollen Sie auf diese Weise abbauen und an welche Krankheitsbilder denken Sie bei einer Behandlung daheim?

Das „Hometreatment“ ist grundsätzlich für alle erwachsenen Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen geeignet, nicht nur für bestimmte Krankheitsbilder. Aber nicht jeder ist in jedem Stadium der Erkrankung zu Hause am besten aufgehoben. Da gucken wir natürlich, was an Unterstützung gebraucht wird. Es wird ja weiterhin auch ein stationäres Angebot geben.

Spart die Klinik Geld oder wird es teurer?

Die Kosten pro Patient bleiben annährend die gleichen. Den Hauptanteil bilden bei uns Personalkosten, die sich ja nicht ändern. „Hometreatment“ ist kein Sparmodell, steigert die Kosten aber auch nicht. Insgesamt kann man mit den ambulanten Versorgungsangeboten maximal zwischen 30 und 50 Prozent der Klinikbetten abbauen. Das wurde vor allem in Großbritannien, das in Sachen „Hometreatment“ führend in Europa ist, wissenschaftlich untersucht. Und so lauten auch die Empfehlungen.

Sie haben dabei das Wohl der Patienten, die in ihrem Zuhause bleiben können, im Blick. Doch Kritiker des liberalen Konzeptes sehen das Wohl des Umfeldes, der Familie, Bekannten, des Menschen auf der Straße bedroht, weil ein ambulant behandelter psychisch Kranker gefährlich werden könnte. Was sagen Sie denen?

Wie bereits erwähnt, gucken wir sehr genau, für wen das „Hometreatment“ die beste Lösung ist und für wen eine Akutbehandlung in der Klinik zunächst hilfreicher ist – beispielsweise bei Fremd- oder Selbstgefährdung. Das wird im Vorfeld fachlich abgestimmt, so dass sich niemand Sorgen zu machen braucht.

Zurück in die Klinik: Muss nicht dringend auch mehr für die Sicherheit der Mitarbeiter getan werden? Da gibt es Unmut. Es passieren Angriffe, Pflegekräfte werden verletzt, tobende Patienten müssen zum Teil mit acht Männern und Unterstützung der Polizei festgehalten werden, nur um eine ärztliche Untersuchung durchzuführen, da eine Fixierung nur noch mit gerichtlicher Anordnung möglich ist....

Ein solcher Fall ist nicht die Regel. Das grundsätzliche Problem ist mir aber bekannt, und wir sind da dran. Auch hier sehe ich die Regionalisierung als wichtigen Lösungsansatz. Wir müssen darauf achten, dass wir als Institution die Behandlungsbedingungen für alle Patienten entspannen. Das gelingt dadurch, dass schwerkranke Patienten auf verschiedene Stationen verteilt werden, das gelingt durch deeskalierendes Verhalten unsererseits und dadurch, dass Überbelegungen der Stationen vermieden werden. Dafür wiederum brauchen wir „Hometreatment“ und Krisendienst zur Vermeidung von Notaufnahmen.

Info: 350 Behandlungsplätze Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost sind über alle Berufsgruppen und alle Leistungsbereiche (ambulant, tagesklinisch, stationär, „Bravo“ und andere) etwa 500 Personen beschäftigt. Es gibt 196 Behandlungsplätze vollstationär und 116 tagesklinisch. Hinzu kommen 32 Behandlungsplätze im „Bravo“-Projekt (Bremen ambulant vor Ort) in den Regionen Bremen-Ost und Bremen-Mitte.

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