Besondere Begegnungen

Studentisches Geschichtsprojekt erinnert an sowjetische Kriegsgefangene

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Für das Geschichtsprojekt besuchten die Studenten auch den Bunker „Valentin“ in Farge, in dem ab 1943 viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ihr Leben verloren. 

Bremen - Es waren Begegnungen unter erschwerten Bedingungen: Studenten der Universität Bremen haben zusammen mit Hochschülern aus Russland und der Ukraine untersucht, wie in ihren Ländern an sowjetische Kriegsgefangene erinnert wird. Während die Bremer dafür in beide Länder gereist sind, war ein Treffen mit allen Beteiligten aus politischen Gründen nur in Bremen möglich. Ergebnisse des Geschichtsprojektes können Interessierte jetzt auf einer interaktiven Onlineplattform ansehen und erweitern.

Erinnerungsorte wie Denkmäler und Friedhöfe untersuchten die Studenten ebenso wie Gedenkrituale und nationale und lokale Diskurse über die Erinnerungskultur – den Umgang der Gesellschaft mit ihrer Geschichte. „Ziel war es, das an sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg begangene Unrecht wieder ins Bewusstsein zu rücken“, so die Bremer Projektleiterin Dr. Ulrike Huhn vom Institut für Geschichte an der Bremer Uni.

Einen besonderen Schwerpunkt legten die Studenten nach Uni-Angaben auf die Frage, warum weibliche Kriegsgefangene im öffentlichen Bewusstsein eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Für das Projekt begaben sich die Bremer Studenten auf Spurensuche unter anderem am Denkort „Bunker Valentin“ in Bremen-Nord sowie bei der Gedenkstätte Sandbostel im Landkreis Rotenburg. In drei einwöchigen Begegnungen tauschten sie sich über ihre Ergebnisse aus. Im September vergangenen Jahres trafen sich die Studenten und Dozenten zu ersten Mal in Bremen, im Februar in Rostow am Don (Russland) und im Mai in Dnipro (Ukraine).

Für das Gemeinschaftsprojekt bedeutete der dreiseitige Ansatz eine Zusammenarbeit mit besonderen Herausforderungen. Der Grund: die politischen Verwerfungen zwischen Russland und der Ukraine seit der russischen Aneignung der Krim und die anhaltende Konfliktsituation in der Ostukraine. Für die ukrainischen und russischen Studenten bedeutete dies: Sie konnten sich nur in Bremen treffen. „Das Misstrauen auf politischer Ebene war durchaus groß“, sagt Historikerin Huhn. Ein Gesprächsworkshop mit einer in den Konfliktregionen Osteuropas tätigen Mediatorin zur Situation in der Ostukraine stand deshalb am Anfang der Begegnung. Den intensiven Austausch hätten die Studenten als fruchtbar erlebt. „Die zwischenmenschliche Begegnungsebene funktioniert“, so Huhn.

Die Bremer hingegen besuchten die beiden anderen Länder und regionale Erinnerungsorte wie die Massenerschießungsstätte Smijowskaja Balka bei Rostow und das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag 348 – Stalag steht für Stammlager – auf dem Gebiet einer Psychiatrischen Klinik bei Dnipro. In dieser Woche waren alle Beteiligten erneut zum Projektabschluss in Bremen zu Gast, erinnerten unter anderem auf dem Präsident-Kennedy-Platz an eines der Bremer Lager für mindestens 91 sowjetische Kriegsgefangene, einem damaligen Reitstall im Fedelhören 1 auf dem Gelände des heutigen Bremer Staatsarchivs. Auch er ist auf der Online-Plattform vermerkt.

Im Projekt haben die Studenten mit Hilfe einer Moskauer Grafikerin die interaktive Plattform „Terra Oblita“ („Vergessenes Land“) entwickelt. Sie zeigt die Ergebnisse des studentischen Gemeinschaftsprojektes in Form von Texten, Quellen, Bildern sowie Audio- und Videomaterial. Es ist ein „Memory-Wiki“, eine interaktive Plattform, an der nach Angaben der Bremer Uni jeder mitarbeiten kann.

Die Plattform möchte helfen, „die lokale Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs zu verbessern“ und „Lücken in der Geschichte des Krieges zu füllen“. Jeder Besucher kann Erinnerungsorte, ein wenig bekanntes Mahnmal ebenso wie eine Gedenkstätte zur Zwangsarbeit, einen Hinrichtungsort oder eine Grabstätte hinzufügen. Der Text werde überprüft und dann zum Lesen und Ergänzen online gestellt, heißt es.

Sowjetische Kriegsgefangene gelten nach den Juden als zweitgrößte Opfergruppe nationalsozialistischer Vernichtungspolitik. Der Heidelberger Historiker Christian Streit geht in seiner Arbeit „Keine Kameraden“ von 1978 von rund 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen aus, von denen etwa jeder Zweite in deutscher Gefangenschaft umgekommen sei. Andere setzen diese Zahlen etwas niedriger an. In Bremen habe es knapp 30 Arbeitskommandos gegeben, die in Lagern über das Stadtgebiet verteilt gewesen seien. Dennoch erinnere im Bremer Stadtraum keine einzige Gedenktafel an sie, so Huhn. Sowjetische Kriegsgefangene gehörten nach ihrer Aussage zu den „vergessenen Opfergruppen“ etwa in Bezug auf Entschädigung, Forschung und Erinnerung im öffentlichen Raum. Erst 2015 wurde eine „finanzielle Anerkennungsleistung“ beschlossen.

„Es ist schon paradox: Kriegsverbrechen sind hier der Anlass für positive Begegnungen“, zieht Huhn Bilanz.

Die Onlineplattform im Netz unter https://terraoblita.com/de

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