Frust und Langeweile als Motiv

Polizei fasst Steineleger: Ermittlungen wegen versuchten Mordes

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Jürgen Kok (r.), Ermittlungsführer der BAO „Steine“, präsentiert während einer Pressekonferenz Steine, die zwei Tatverdächtige auf eine vielbefahrene Straße gelegt haben sollen. Die Polizei hat die Männer festgenommen. Im Hintergrund: Oberstaatsanwalt Frank Passade (v.r.), Franziska Mehlau (Polizeikommissariat Weyhe), Polizeiführer Andreas Löwe und Kripo-Chef Daniel Heinke.

Bremen - Von Jörg Esser. Die Bremer Polizei hat nach monatelanger akribischer und länderübergreifender Ermittlungsarbeit zwei Serien-Steineleger gefasst. Die 24 und 25 Jahre alten Männer aus Arsten und Kattenesch sollen neben Steinen auch Nagelbretter und schwere Gehwegplatten auf starkbefahrene Straßen gelegt haben. Das Duo sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes. Als Tatmotiv gaben die Männer Langeweile, Frust und Ärger mit der Freundin an.

Die Männer sollen seit Juli vergangenen Jahres in insgesamt 40 Fällen – 24 in Bremen und 16 im Umland – nachts reihenweise Steine und bis zu 28 Kilo schwere Hindernisse auf Autobahnzubringern und Bundesstraßen platziert haben und damit laut Polizei „lebensbedrohliche Situationen“ heraufbeschworen haben. Die Höhe der Schäden an den betroffenen Autos sei „beträchtlich“. 

Dass es keine Verletzten gegeben habe, sei „reiner Zufall“, sagten am Dienstag Jürgen Kok, Ermittlungsführer der eigens eingerichteten Besonderen Aufbauorganisation (BAO) „Steine“, und Oberstaatsanwalt Frank Passade. Die Täter haben in den Vernehmungen diverse Delikte eingeräumt. So wirft die Staatsanwaltschaft ihnen derzeit konkret versuchten Mord in 19 bzw. 20 Fällen vor.

Zurück auf Anfang: Im Juli wurden zuerst abgelegte Steine auf den Autobahnzubringern in Arsten und Hemelingen entdeckt. Die Taten häuften sich. Die Polizei stufte die Vergehen als „heimtückisch“ und als „versuchte Tötungsdelikte“ ein. Die Mordkommission übernahm. Schließlich wurden die Hindernisse auch immer gefährlicher und schwerer. Eine 28 Kilo schwere Beschwerungsplatte für Straßenschilder wurde hochkant auf einem Autobahnzubringer platziert. Holzplatten mit Nägeln wurden auf vielbefahrere Straßen gelegt.

Die Polizei hat zwei Tatverdächtige festgenommen, die in Bremen und Umgebung in mindestens 20 Fällen Steine, schwere Gehwegplatten oder Warnschilder auf stark befahrene Straßen gelegt haben sollen.

Die Polizei reagierte, begrenzte die Geschwindigkeit auf den Zubringern in den Nachtstunden auf 60 Kilometer pro Stunde. Die niedersächsischen Kollegen wurden ins Boot geholt, die Ermittlungsarbeit lief auf Hochtouren. Vor allem die Nagelbretter erwiesen sich laut Kok als „spurenträchtiges Tatwerkzeug“. Und siehe da: Die DNA, die an einem Nagelbrett hinterlassen worden war, führte die Ermittler zurück ins Jahr 2014 zu einem Campingwagen-Aufbruch am Steller See in Groß-Mackenstedt. Eine Zigarettenkippe am Tatort wies ebenjene DNA auf. Noch fehlten konkrete Hinweise auf Zusammenhänge. 

Die „Steine“-Ermittler setzten ihr Puzzle fort. Und im November stießen Streifenbeamte im Parkhaus Sielhof auf zwei Männer, die „sich verdächtig verhielten“ – eben die 24 und 25 Jahre alten mutmaßlichen Steineleger. Bei einer Fahrzeugkontrolle am zweiten Weihnachtstag in Huchting tauchten die beiden Männer wieder auf – gemeinsam mit einem 28-jährigen Bekannten. Und dessen Familie hat einen Stellplatz am Steller See. „Reiner Zufall“, sagte Kok. Und wenn es läuft, dann läuft es. Das Duo ist aktenkundig – die Männer sind als Zeugen 2014 und 2015 bei Steine-Unfällen auf dem Arsterdamm und auf der B 6 bei Brinkum aufgetaucht, wo sich in Fahrzeug überschlug und eine Frau schwer verletzt wurde. Passade folgert: „Die Täter wussten also, was sie tun.“

Diese 28 Kilo schwere Beschwerungsplatte für Straßenschilder wurde hochkant auf einen Autobahnzubringer gestellt. 

Am 15. März dieses Jahres griffen die Ermittler zu, nahmen die Männer fest und durchsuchten ihre Wohnungen. Im Garten der elterlichen Wohnung des 24-Jährigen wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt, unter anderem Steine und Bretter.

Ein Haftrichter erließ auf Antrag der Staatsanwaltschaft Haftbefehl. Die Männer sitzen jetzt in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen laufen weiter. Unter anderem werden mögliche Zusammenhänge mit einer Serie von acht vergleichbaren Taten aus den Jahren 2015 und 2016 geprüft.

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