Interview

Auf dem Weg zum Normalbetrieb in Bremen: Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard zu Corona und Kliniken

Teambesprechung mit Schutzmaßnahmen in der Corona-Notfall-Ambulanz am Klinikum Mitte. Foto: GENO/HASE

Bremen - Von Elisabeth Gnuschke. Relativ niedrige Infektionszahlen, relativ wenig Menschen, die gestorben sind – zum Glück. Bremen steht in der Corona-Pandemie gut da. Wie bewertet das die Gesundheitssenatorin? Wir sprachen mit Claudia Bernhard (Linke).

Frau Bernhard, etwa 1 150 bestätigte Corona-Infizierte, 36 Tote, rund 700 Menschen sind inzwischen genesen – wie bewerten Sie die Situation im Land Bremen in der Corona-Krise?

Wir haben es im Land Bremen zu Beginn der Pandemie geschafft, das Infektionsgeschehen auszubremsen. Das war ein sehr wichtiger und auch effektiver Schritt, den wir nur durch das Verständnis und die Einsicht der Bremer und Bremerinnen umsetzen konnten. Dadurch waren wir in den vergangenen Wochen auch in der Lage, Lockerungen umzusetzen. Gleichzeitig bleibt das Infektionsgeschehen dynamisch, wir haben in Bremen aber eine Situation, die wir beherrschen können.

Wie hat sich die Reproduktionszahl in Bremen (wie viel Menschen steckt ein Infizierter an) seit Mitte März entwickelt? Und analog zu den neuen Kriterien: Wie viel neue bestätigte Corona-Fälle gibt es täglich im Schnitt in der Stadt Bremen? Bei etwa 40 pro Tag müssten die Lockerungen überprüft werden....

In Bremen gibt es derzeit im Schnitt 16 neue Fälle täglich, also weit von den 40 entfernt. Wir haben in den vergangenen Wochen beobachten können, dass mit verschiedenen Kennzahlen gearbeitet wurde. Natürlich ist die Reproduktionszahl an sich eine wichtige Kenngröße, für Bremen beinhaltet sie aber auch eine große Schwäche: Sie reagiert sehr stark auf Schwankungen bei Fallzahlen. Wir haben in Bremen eben eine geringe Einwohnerzahl, deutlich geringer als beispielsweise ein Flächenland wie Niedersachsen. Im März lag der Wert daher auch mal bei drei und vier, Tage später bei weit unter 1,0. Momentan bewegt er sich bei etwas über oder unter 1. Die neue Regelung der durchschnittlich 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen bringt hier eine weitere Größe ins Spiel. Wir liegen in der Stadt Bremen bei diesem Wert durchschnittlich bei um die 20. All diese Kennzahlen spielen bei unserer Lageeinschätzung natürlich auch eine Rolle.

Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard Foto: DPA

Ist es nicht viel wichtiger zu schauen, ob das Gesundheitssystem die Versorgung der Erkrankten gut bewältigen kann?

Damit haben Sie Recht. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir mit dem Corona-Virus noch länger leben müssen. Deswegen finden wir gerade einen Weg, bei dem wir das Infektionsgeschehen beherrschen können. Natürlich steht dabei das Gesundheitssystem im Fokus: Haben die Kliniken ausreichend Kapazitäten, um Covid-19-Patienten zu versorgen, kann das Gesundheitsamt die Kontaktpersonennachverfolgung sicherstellen, wie sieht es mit der Schutzausrüstung aus? Hinzu kommt, dass wir auch die Situation der Beschäftigten, sowohl in den Kliniken als auch in den Gesundheitsämtern, beobachten und sichergehen wollen, dass die Arbeitsbelastung dort in einem vernünftigen Rahmen bleibt. Sie sehen, wir beobachten an vielen Stellen, wie sich das Infektionsgeschehen auf das Gesundheitssystem auswirkt.

Wie ist es um die Versorgung Corona-Kranker in Bremer Kliniken bestellt?

Wir haben zu Beginn der Pandemie gemeinsam mit den Kliniken Kapazitäten zur Behandlung von Covid-19-Patienten aufgebaut. Das sind sowohl Intensiv- und Beatmungsbetten als auch Betten auf Infektionsstationen. Außerdem wurden dafür die nicht dringend notwendige planbare Eingriffe abgesagt und verschoben. Dadurch haben wir viele Betten schaffen können. Diese Betten waren zu keinem Zeitpunkt ausgelastet, wir haben in den Kliniken im Land Bremen immer die stationäre Versorgung sicherstellen können.

Zu Beginn der Krise haben Sie von 162 Intensivbetten mit Beatmung in Bremen gesprochen. Sie wollten die Zahl mit Hilfe des Bundes auf gut 300 erhöhen. Es gibt jetzt um die 200. Wie viel dieser Plätze stehen zur Zeit zur Verfügung?

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Die vorgehaltenen Betten werden zum Teil mit positiv getesteten Patienten belegt, zum Teil mit Verdachtsfällen. Diese Verdachtsfälle müssen bis zum negativen Test genauso behandelt, sprich isoliert, werden, wie die positiv Getesteten. Was wir sicher sagen können: Die Corona-Betten waren und sind nur zu rund einem Drittel bis zur Hälfte belegt. Wir sind also weiterhin handlungsfähig.

Beatmet werden in Bremen acht bis zwölf Patienten – nicht 200. Was ist mit den anderen Beatmungs-Betten? Stehen die leer? Zugegeben, ein bisschen provokant gefragt: Langweilen sich die Mediziner und Pflegekräfte auf den Intensivstationen, zumal andere Operationen zugunsten von Corona abgesagt wurden und nun erst langsam wieder anlaufen sollen? Es gibt Krankenhäuser mit Kurzarbeit...

Tatsächlich halten wir auch leere Betten vor, das ist auch durchaus wichtig. Die Situation bleibt weiter dynamisch. Es kann weiterhin passieren, dass wir mehr stationäre Behandlungen bekommen als aktuell. Gleichzeitig können die Kliniken inzwischen auch wieder planbare Eingriffe vornehmen, immer mit der Vorgabe, dass es ausreichend Kapazitäten für Covid-19-Patienten gibt. Kurzarbeit ist mir aus Bremer Kliniken nicht bekannt. Ich möchte auch betonen, dass ich ein solches Vorgehen von Kliniken nicht gutheißen kann. Wir haben eine Situation, in der die Beschäftigten der Kliniken stark unter Druck stehen – nicht nur durch die tatsächliche Arbeitsbelastung, sondern auch unter massivem psychischen Druck. Außerdem müssen Kliniken inzwischen quasi zweigleisig fahren, immer einen Anteil für Covid-19-Patienten vorhalten und auch versorgen und wieder elektive Eingriffe gewährleisten. Auch deshalb ist Kurzarbeit kein Thema.

Wie wollen Sie den Normalbetrieb stärken? Ist es nicht dringend notwendig, wieder etwas mehr Alltag in die Kliniken einkehren zu lassen?

Der Normalbetrieb läuft in Teilen bereits wieder, planbare Eingriffe, beispielsweise Tumor- oder Hüft-OPs, finden wieder vermehrt statt, aufgeschobene Operationen werden nachgeholt. Wir müssen jetzt gemeinsam mit den Kliniken gucken, wie sich eine Normalität einstellen kann, die gleichzeitig einen Normalbetrieb und auch die Covid-19-Versorgung sicherstellen kann. Das ist eine Herausforderung, die wir gemeinsam mit den Kliniken eng begleiten.

Wie viel Geld hat die Pandemie Bremen im Gesundheitsbereich bisher gekostet?

Wir haben als Bremen bereits an verschiedenen Stellen Geld in die Hand genommen, um die Corona-Pandemie zu bewältigen. Die eingerichtete Beschaffungsstelle für Schutzausrüstung hat einen Budgetrahmen von 90 Millionen Euro bis Ende Juli, wir haben 30 Containment-Scouts (für die Kontaktverfolgung, d. Red.) eingestellt, die Corona-Ambulanz in der Messe angemietet. Aber, die Kliniken haben durch nicht stattfindende elektive Eingriffe finanzielle Einbußen zu verzeichnen, haben Kosten für den Aufbau weiterer Betten. Diese Kosten sollen durch den Bund getragen werden, die Bezifferung ist aktuell noch nicht umfassend möglich.

Was passiert mit den Beatmungs-Betten, wenn wir denn irgendwann einmal die Pandemie überwunden haben?

Nun, das ist eher die Frage nach den Beatmungsgeräten und weniger nach den Betten. Beides kann allerdings eine gewisse Reserve darstellen. Beatmungsgeräte können auch bei anderen Krankheitsbildern eingesetzt werden, darüberhinaus können auch Geräte eingelagert werden. Grundsätzlich werden Krankenhäuser allerdings auch in Zukunft für Pandemiefälle kurzfristig einsatzfähig sein müssen.

Wissenschaftler streiten sich um die Art der Lockerungen und die Schnelligkeit. Wie ist Ihre Haltung dazu? Immerhin sind die Grundrechte der Bundesbürger massiv eingeschränkt worden.

Sie sprechen genau den richtigen Punkt an: Wir haben verschiedene Grundrechte eingeschränkt. Und ich bin der Überzeugung, das haben wir zu Recht getan, auch wenn es eine intensive Abwägung war. Wir haben es dadurch geschafft, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und sind somit jetzt in der Lage, die Grundrechtseinschränkungen wieder zurückzunehmen. Dabei müssen wir natürlich immer mit Augenmaß vorgehen, unser Ziel bleibt klar: Wir müssen das Infektionsgeschehen beherrschen und kontrollieren können. Danach richten wir unsere Maßnahmen aus und müssen dabei auch in Zukunft die aktuellen Entwicklungen im Auge behalten.

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Die Corona-Regeln in Bremen werden gelockert, zumindest teilweise. Spielplätze sind  wieder nutzbar, die Gastronomie darf ab 18. Mai wieder öffnen. Auch in Sachen Schule und Seniorenheime gibt es Neuigkeiten.

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