„Er hatte nie eine Chance“

Totschlag an 15-Jährigem: Anklage fordert bis zu zwölfeinhalb Jahre Haft

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Die Staatsanwaltschaft forderte am Montag für Sipan G. (2.v.l.) sechs Jahre, für dessen Onkel Hayrettin G. (3.v.l.) zwölfeinhalb Jahre Haft. 

Bremen - Von Steffen Koller. Fast 80 Verhandlungstage, mehr als 21 Monate Prozessdauer: Das Verfahren gegen drei Männer, denen der gemeinschaftliche Totschlag an dem 15-jährigen Odai K. in der Silvesternacht 2016/2017 zur Last gelegt wird, steht vor einem Ende. Am Montag plädierte vor dem Landgericht die Staatsanwaltschaft und forderte Haftstrafen von sechs bis zwölfeinhalb Jahren. Die Nebenklage forderte „erhebliche Freiheitstrafen“ für die Angeklagten.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hat sich das Tatgeschehen letztlich so abgespielt, wie ursprünglich zu Prozessbeginn im Juni 2017 zur Anklage gebracht. Demnach hätten die türkischstämmigen Angeklagten Hayat G. (37), sein jüngerer Bruder Hayrettin G. (26) und der gemeinsame Neffe, Sipan G. (17, Deutsch-Armenier), den syrischen Flüchtling Odai K. in der Silvesternacht 2016/2017 aufgrund eines vorangegangenen Streits bis in ein türkisches Café an der Lüssumer Heide in Blumenthal verfolgt.

Dort angekommen, sollen die drei Angeklagten den Jungen „umzingelt und wechselseitig auf ihn eingeprügelt“ haben, sagte Rechtsanwalt Carsten Emde, der den heute zehnjährigen Bruder von Odai vor Gericht als Nebenkläger vertritt.

Auch die Staatsanwaltschaft sah das Tatgeschehen so und forderte in ihrem Plädoyer zwölfeinhalb Jahre Haft für Hayrettin G., zwölf Jahre für Hayat G. und sechs Jahre Haft für den heute 17-jährigen Sipan G. Alle hätten sich des gemeinschaftlichen Totschlags schuldig gemacht, so die Staatsanwältin.

Odai K. habe „nie eine Chance gehabt, sich zu wehren“, und dennoch hätten die drei Männer immer und immer wieder gegen den Kopf des Jungen getreten und geschlagen, so Emde. „Sämtliche Schläge gingen gezielt gegen seinen Kopf – und trafen ihn auch“, sagte Emde weiter. Er forderte, wie seine Kollegen, „erhebliche Freiheitsstrafen“ für die Angeklagten. Das konkrete Strafmaß liege letztlich im Ermessen des Gerichts.

Wie schwer die Verletzungen des damals 15-Jährigen waren, an denen er eine Woche später im Krankenhaus starb, zeigt der Obduktionsbericht, den Nebenklagevertreter Jens Bielefeld am Montag auszugsweise verlas. Demnach war Odais Schädel zweifach gebrochen, ebenso beide Jochbeine. Zudem hätten die Angreifer – allen voran Hayrettin G., der Odai auch eine halbgefüllte Whisky-Flasche auf den Kopf geschlagen haben soll – dem Jungen beide Augenhöhlenknochen, einen Wangenknochen und den Unterkiefer gebrochen. Entgegen der Auffassung der Verteidigung, viele Hauptbelastungszeugen hätten bewusst Falschaussagen vor Gericht gemacht, ist laut Nebenklage ein halbes Dutzend Zeugen „glaubhaft“ gewesen, sagte Carsten Emde. Augenzeugen hätten die Männer zweifelsfrei wiedererkannt und das vor Gericht auch klargemacht.

„Bis heute belastet der Tod die Familie mit schwerem Leid“, schilderte Anwalt Jens Bielefeld. Die Eltern des Jungen waren während der vergangenen Prozesstage immer wieder in Tränen ausgebrochen. Auch am Montag brach die Mutter des 15-Jährigen vor dem Verhandlungssaal zusammen und sank auf die Knie. „Getragen von dem Wunsch, ihre Kinder vor Leid, Krieg und Hunger zu bewahren, flüchtete die Familie K. aus Syrien. Heute wünscht sich der Vater, alle wären in Syrien geblieben – und dort gemeinsam gestorben“, zitierte Bielefeld Odais Vater.

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