Nahverkehr-Konzepte

Kostenlos fahren mit Bus und Bahn? Diese neuen Ticket-Modelle diskutiert Bremen

Weniger Autos in Bremen – das ist nicht erst eine Idee, seit die Umsetzung der autofreien Innenstadt langsam Gestalt annimmt. Einer der zentralen Punkte dabei ist der Nahverkehr mit Bus und Bahn – zu dem gibt es verschiedene Ansätze.

  • Die Koalitionsvereinbarung in Bremen sieht die Prüfung von drei Nahverkehr-Konzepten vor.
  • Geprüft werden die Möglichkeiten von kostenlosem und Ticket-losem ÖPNV sowie des 365-Euro-Tickets.
  • Besserer ÖPNV gilt als wichtiger Schritt auf dem Weg zu weniger Autos in Bremen.

Bremen - Der Umstieg auf Alternativem zum Auto soll auch in Bremen zunehmen und Angebote gibt es viele: Von Leihfahrrädern und Lastenrädern über E-Scooter bis hin zum Teilen eines Autos in Form von Carsharing-Angeboten. Einer der wichtigsten Punkte und gar nicht mal so neu, ist allerdings der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), also Bus und Bahn. Unverzichtbar sowohl für weniger Autos im Allgemeinen, als auch für die autofreie Innenstadt im Speziellen, soll der ÖPNV in Bremen attraktiver werden. Ideen gibt es verschiedene, von ganz grundsätzlichen Überlegungen bis hin zum schwierigen Faktor der Kosten. Wer überlegt was und welche Einsprüche gibt es?

Unternehmen:BSAG
Haltestellen:1195
Mitarbeiter:2018: 2183 (2005: 2089)
Straßenbahnlinien:8, dazu 2 Schnellbahnlinien und 3 Nachtlinien
Betriebshöfe:4 (Neustadt, Neue Vahr, Rönnebeck (Ermlandstr.), Sebaldsbrück)

In der Koalitionsvereinbarung der Bremer rot-grün-roten Regierung ist festgelegt, dass verschiedene Tarifstruktur-Modelle für einen attraktiveren ÖPNV geprüft werden sollen. Untersucht werden dabei die „rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen für die Einführung eines kostenfreien ÖPNV“. Zur Debatte steht neben dem 365-Euro-Ticket, also ein Euro pro Tag für insgesamt ein Jahr, auch der kostenfreie ÖPNV und der ticketlose ÖPNV. Zu diesem Zweck sollen auch „Gespräche mit dem Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (ZVBN), den Nachbargemeinden und Landkreisen geführt und weitere Schritte vereinbart werden“.

Das Luxemburger-ÖPNV-Modell: Kostenfrei mit Bus und Bahn

Luxemburg hat es vorgemacht. Seit Februar 2020 ist dort die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel komplett kostenfrei. Das kleine Land ist das erste, welches diesen Schritt geht. Die Menschen sollen dazu bewegt werden, das Auto stehenzulassen und stattdessen Bus und Bahn zu nutzen. Der Gedanke ist - wenig überraschend - also der gleiche, wie in Bremen.

Luxemburg und Bremen haben erkannt, dass die Kostenfreiheit nicht allein ausreicht, um die Menschen vom Auto wegzubewegen. Die Attraktivität von Bus- und Bahn-Verkehr muss auch auf andere Weise gesteigert werden. Der Ausbau des ÖPNV-Angebots ist Voraussetzung, auch um mehr Zuverlässigkeit für die Kunden zu schaffen. Das wiederum ist mit weiteren Kosten verbunden.

Straßenbahnen der BSAG Bremen sollen künftig häufiger ins Umland der Stadt fahren. (Symbolfoto)

Dass Bürger einfach in den Bus steigen können, ohne etwas zu bezahlen, kostet den Staat Luxemburg 41 Millionen Euro pro Jahr, die Stadt Luxemburg zusätzlich 16 Millionen. Für den Ausbau der Schienen allein werden von 2018 bis 2027 insgesamt vier Milliarden Euro investiert. Der luxemburgische Mobilitätsminister François Bausch (Grüne) sieht Luxemburg als eine Art Labor für Verkehrsprobleme im 21. Jahrhundert, wie er der Deutschen Presse-Agentur (DPA) mitteilt. Das Interesse sei weltweit riesig. Luxemburg könne nämlich auch Vorbild für deutsche Städte und Regionen sein, findet der Deutsche Städte- und Gemeindebund.

Luxemburg hat seit Februar dieses Jahres einen kostenlos nutzbaren ÖPNV.

Wie sehe das Konzept nun in Bremen aus? Vereinzelt gibt es bereits Angebote, mit denen der ÖPNV in der Hansestadt kostenlos genutzt werden kann. Mit dem Park-Ticket-Plus sind Brepark-Kunden in Teilen der Bremer Innenstadt mit Bus und Bahn unterwegs. Der Parkschein ist gleichzeitig ein Fahrschein. Im Rahmen des Aktionsprogramms Innenstadt, zur Erhöhung der Erreichbarkeit der Innenstadt nach den Corona-bedingten, wirtschaftlichen Einbrüchen, ist die Ausweitung dieses Angebots als eine der möglichen Maßnahmen geführt.

Ausweiten ließe sich sowohl die Anzahl der teilnehmenden Parkhäuser, als auch der Bereich, in dem mit dem Park-Ticket-Plus gefahren werden kann. Auch über eine „generell kostenlose Nutzung des ÖPNV in der Innenstadt“ wird in Bremen nachgedacht. Unabhängig von diesen zielgerichteten Anpassungen bleibt aber weiterhin die Frage, ob ein generell kostenloser ÖPNV in Bremen möglich ist.

Das Wiener-ÖPNV-Modell: 365-Euro-Ticket - ein Euro pro Tag

Eine andere Überlegung für eine attraktiveren und kostengünstigeren ÖPNV, ist das 365-Euro-Ticket. Also ein Euro pro Tag. Vorbild für das Konzept ist Wien, wo es das Ticket für Bus und Bahn bereits seit 2012 gibt. Diskutiert wird es nicht nur in Bremen, sondern bundesweit. In Wien kostete die Jahreskarte ursprünglich 449 Euro, ist also um 84 Euro günstiger geworden. Gleichzeitig hat die Stadt den Preis für die Einzeltickets deutlich angehoben. Die Betreiber haben schließlich weiterhin Betriebskosten.

Ein Jahresticket kostet in Bremen derzeit mit dem MIA-Ticket monatlich 56,10 Euro - insgesamt also rund 670 Euro. Mit dem 365-Euro-Ticket würden also rund 300 Euro gespart werden, gleichzeitig aber auch rund 300 Euro für Betriebskosten wegfallen. Mit diesem ÖPNV-Konzept gebe es natürlich weiterhin andere Tickets, die Einnahmen bringen. Es ist aber nicht nur das Ziel, die Attraktivität des Nahverkehrs durch günstigere Tickets zu erhöhen. Die Bremer sollen immerhin dazu bewegt werden, eher in den Bus und die Straßenbahn als in das Auto zu steigen. Um das zu erreichen, muss auch dabei vorgesehen sein, dass das ÖPNV-Angebot ausgebaut wird. Weitere Linien, eine höhere Taktung, mehr Haltestellen sogar. Es muss also Geld in den Ausbau investiert werden.

Nach Berechnungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) fielen mit der Einführung des 365-Euro-Tickets bundesweit vier Milliarden Euro Einnahmen weg, wie es im Handelsblatt heißt. Eine Sprecherin der Wiener Linien erklärte dem Blatt zudem: „Wir haben in den letzten Jahren viel in den Netzausbau investiert.“ In den kommenden Jahren komme außerdem eine neue U-Bahn-Linie hinzu. Haltestellen lägen nun in mehr als 95 Prozent der Fälle in Gehweite von 500 Metern, U-Bahnen seien zu Stoßzeiten im Takt von zweieinhalb bis drei Minuten unterwegs. Die Wiener haben bereits vor der Einführung des Tickets in den Ausbau investiert.

Ein mögliches Bremer-Modell: Mit einer Umlage einfach einsteigen

Für das Konzept des Ticket-losen ÖPNV in Bremen hat die InitiativeEinfach Einsteigen“ ein Konzept vorgelegt. Das Modell stammt aus Bremen, aber ist es für Bremen auch umsetzbar? Grundsätzlich funktioniert es so, dass der ÖPNV über eine Umlage finanziert wird. Alle die ihn nutzen möchten, können im Alltag dann in Bus und Bahn „einfach einsteigen“. Das Konzept sei ausgelegt auf den gesamten Nahverkehr, nicht nur die BSAG, umfasse aber nur die Stadt, nicht aber das Land Bremen, wie Initiativen-Sprecher Wolfgang Geißler betont.

Ein Ausgangspunkt des Konzepts sei gewesen, dass zur Steigerung der Nutzung von Bus und Bahn, die Qualität verbessert werden müsse, damit die Menschen umsteigen. Dies beinhalte sowohl die Aufenthaltsqualität, als auch die Verfügbarkeit. Ein Auto werde oftmals bevorzugt, da es bequem und immer da sei, wenn man es brauche. Zusammengefasst heißt das also: mehr Schienen, mehr Fahrzeuge, mehr Personal. „Das kostet alles Geld und das war unser Ausgangspunkt“, erklärt Geißler. Andere ÖPNV-Konzepte seien immer wieder an der Geldfrage gescheitert. „Einfach umsteigen" finanziert sich hingegen über eine Umlage.

Die Initiative „einfach einsteigen“ setzt auf einen Ticket-losen ÖPNV und hat dazu ein ausführliches Konzept erarbeitet.

Die angedachte Umlage setzt sich dabei zu jeweils 50 Prozent aus Zahlungen von Unternehmen und von Bürgern zusammen. Alle Kosten eingerechnet hätten die Bremer pro Person einen monatlichen Beitrag von rund 20 Euro, ermäßigt 10 Euro, zu zahlen. Für die Unternehmen handele es sich um eine Gewinnumlage. Die Initiative will den Unternehmen deutlich machen, dass sie, auch wenn es Geld kostet, von dieser Umlage profitieren. Weniger Stau würde auch weniger gestresste Mitarbeiter bedeuten, wie Geißler erklärt.

Nicht nur Bremer zahlen, auch Pendler und Touristen sind beteilit

Fernreiseunternehmen und Großveranstalter zahlen zusätzlich einen Beitrag. Der Bürgeranteil ist ebenfalls aufgeteilt. Neben Bremer Bürgern zahlen auch Pendler und Übernachtungstouristen einen Teil. Einzelne Menschen würden sich sicherlich einschleichen können - beispielsweise Tagestouristen - aber „die Alternative wäre, es gar nicht zu tun“, sagt Geißler. Und Menschen, die zum Shoppen in die Stadt kommen, würde zwar kein Geld für ein Ticket zahlen, es aber indirekt durch Kaufkraft und die Gewinnumlage der Unternehmen wieder mitfinanzieren. Zuschüsse, die es zuvor schon gab, wie für die Schüler- oder Schwerbehinderten-Beförderung oder das Stadt-Ticket, würde es in dem Modell für Bremen weiterhin geben.

Mit der Umlage sollen der Betrieb und Unterhalt des Nahverkehrs in Bremen finanziert werden. Außerdem ist Geld vorgesehen für die Förderung von Start-ups und Forschung zum Thema sowie 1.500 Stadträder, deren Nutzung in den ersten 30 Minuten kostenfrei sein soll. Da die Rechnung auf der vollständigen Finanzierung des ÖPNV basiert, werden rund 75 Millionen Euro Subventionen jährlich frei, die zuvor beispielsweise Verlust-Ausgleiche oder Zuschüssen der Stadt Bremen waren. Dieses Geld soll unter anderem für den Ausbau des Straßenbahnnetzes oder neue Fahrzeuge genutzt werden.

„Die anderen beiden Konzepte kosten die Stadt Geld“, sagt der Initiativen-Sprecher. „Die Politik ist vorsichtig, sie wollen nicht auf die Nase fallen, daher werden viele Umsetzungsdetails geprüft“, erklärt er. Ohne den Charakter des Konzepts zu ändern, sei es daher auch möglich, viele der Details für Bremen noch anzupassen.

Rubriklistenbild: © Marvin Köhnken

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