Claudia Christoffel und „Listahauskoli Reykjavik“

„Mein Kunst-Stück“: Schönes aus Stillstand

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Die Bremer Künstlerin Claudia Christoffel präsentiert ihr in Island entstandenes Werk „Listahauskoli Reykjavik“.

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Listahauskoli Reykjavik“ (Kunstschule Reykjavik) heißt Claudia Christoffels Werk, das sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Es markiert den unverhofften Anfangspunkt einer Werkserie. Den Sessel auf dem Foto präparierte sie 2003 in Island.

„Das Werk entstand während eines Auslandsstipendiums in Island“, erzählt Claudia Christoffels. Damals war die Künstlerin 34 Jahre alt und hatte sich viel vorgenommen. Umso größer war ihr Frust, als ihre Fotokamera auch nach 38 Tagen noch unbenutzt in der Tasche steckte. Christoffel war blockiert. Trotz sagenhafter Postkartenmotive rund um sie herum stagnierte die Kunst. Als ihr das Stipendium allmählich zur Qual wurde, stieß die Kunststudentin auf ein Sonderangebot für Kartierungsnadeln. Sie kaufte alle auf, und mit dem Ein-Euro-Schnäppchen entwickelte sich eine Idee mit Zukunft.

Christoffel steckte die Nadeln unter das Polster des Sessels ihres isländischen Atelierplatzes. Anschließend hielt sie das Kunstwerk auf Zeit fotografisch fest. Das war ihr Start zu einer erfolgreichen Werkreihe. Seitdem platziert Christoffel ihre bunten Nadelfelder an all ihren Ausstellungsorten. Sie setzt die Nadeln in den Räumen der jeweiligen Kuratoren und lichtet das Arrangement ab. Ihre Nadelteppiche schmückten bereits Böden, Wände oder auch Außenbereiche. „Bislang haben noch alle Kuratoren mitgemacht“, sagt Christoffel und lacht.

Mehr als 50 Fotos sind so entstanden. Sie halten die nur kurze Zeit dauernden „skulpturalen Setzungen“ fest und bilden gleichzeitig eine Kontinuität, die Christoffels sonst eher konzeptionellen Arbeiten nicht bieten. Außerdem erinnern sie die Künstlerin immer wieder daran, dass aus Stillstand schöne Dinge entstehen können.

Auf die Kunst gekommen ist Christoffel ein Stück weit durch ihre Eltern. Der Vater war im Messebau mit Siebdruck und Werbung tätig, die Mutter förderte ihre Tochter durch ihr eigenes Kunstinteresse und Ausstellungsbesuchen zur klassischen Moderne. Christoffel studierte erst Kunstgeschichte in Bremen und später „Visuelle Kommunikation“ in Hamburg. „Ohne diese Verknüpfung der Studiengänge wäre meine Arbeit nicht das, was sie heute ist“, sagt die Künstlerin.

Wahl-Bremerin ohne regulären Alltag

Einen regulären Alltag hat die Wahl-Bremerin nicht. „Die Tage sind sehr unterschiedlich“, sagt sie. Allerdings arbeitet sie stets tagsüber und beginnt mit den schwierigen Sachen. Danach kommt alles, was sie weniger fordert. Die Büroarbeit mit Bewerbungen und Organisation gehört zur kreativen Arbeit dazu, um etwa bei Ausstellungen und Wettbewerben dabei zu sein. So wie derzeit (und noch bis zum 21. Mai) in den Hamburger Deichtorhallen – bei der Ausstellung „Gute Aussichten Deluxe“.

Ob wir Kunst brauchen? – „Ja, das würde ich schon sagen. Es ist eine Form der vertiefenden Betrachtung. Ein Alltag ohne Kultur ist ein grauer Alltag. Ich glaube, dass der Mensch dazu nicht geschaffen ist. Er braucht kulturelle und gesellschaftliche Momente.“ Zu den Künstlern, die für Christoffel besonders bedeutend sind, zählen die zeitgenössische deutsche Fotografin Ellen von Unwerth und die Bremer Malerin Sibylle Springer. An von Unwerth faszinieren Christoffel deren phantasievoll erotische Fotos von Frauen. „Sie wiederholen nicht das, was sonst für den männlichen Blick schon da ist“, sagt die Bremer Künstlerin. An Springer gefällt Christoffel, wie sie sich mit der historischen Malerei auseinandersetzt und die Themen dann ins Zeitgenössische übersetzt.

Wenn Christoffel jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann gingen Exemplare ihrer neuen Serie „Music is the strategy“ an Rehakliniken und Krankenhäuser. Es sind Bilder mit Listen von Musiktiteln, die Menschen in einer Krise oder während einer sehr schweren Krankheit gehört haben.

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