Martinistraße als Erlebnisraum

Transformartini: Bremen macht die Welle mit Surfen, Garten und Türmen

Nils Laumberg (20) von „Ins Blaue“ zeigt sein Können auf der „Bremer Surfwelle“ – mitten auf der für den motorisierten Verkehr gesperrten Martinistraße.
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Zeigt sein Können auf der „Bremer Surfwelle“: Nils Laumberg (20) von „Ins Blaue“ auf dem Brett – mitten auf der für den motorisierten Verkehr gesperrten Martinistraße. Hier hat am Sonnabend das Experiment „Transformartini“ begonnen.

Surferwelle, Garten und Kultur auf der Martinistraße in Bremen, wo sonst der Verkehr brummt. Möglich macht dies das Experiment „Transformartini“, das am Sonnabend begonnen hat.

Bremen – Ein Mann surft – mitten auf der Martinistraße. Er nutzt die „Bremer Surfwelle“, eine Anlage im gesperrten Teil der vierspurigen Hauptverkehrsstraße. Der Abschnitt ist seit Sonnabend im Rahmen des Projekts „Transformartini“ zum Erlebnisraum geworden.

Immer wieder steht der Mann auf und versucht es auf Bremens Welle aufs Neue. Mit leicht schrägem Brett hält er sich dann für längere Zeit, während ihm das Wasser auf der Anlage, die an eine Hüpfburg erinnert, entgegenkommt. 44 Kilowatt starke Hochleistungspumpen machen ordentlich Druck. Lukas Huntemann aus Twistringen hat es schon probiert und sagt: „Das ist das Beste, was man in Bremen für sechs Euro machen kann.“

Noch bis zum 8. August bietet „Ins Blaue“, ein Unternehmen, das unter anderem eine Stand-up-Paddling-Station am Werdersee betreibt, halbstündige Slots auf der Surfwelle an. Nils Laumberg (20) von „Ins Blaue“ ist da, um denen zu helfen, diese es versuchen wollen. Das Geld geht an den Bremer Schwimmverein für Schwimmunterricht für Kinder und Erwachsene.

Da das Wasser von unten komme, sei es wie ein Mittelding aus Surfen und Snowboarden, erklärt Laumberg. Beim Surfen käme die Welle von hinten. Man brauche keine Vorerfahrungen, um sich hier auf der Surfwelle zu versuchen, aber ein bisschen Gleichgewichtssinn wäre gut, meint er. Am besten scheint man sich aufrechthalten zu können, wenn man das Brett etwas nach links und rechts bewegt. Eins ist sicher: Die Surfer fallen hier weich (Anmeldung unter „www.ins-blaue.com“).

Grüner „Stadtgarten“ auf der Martinistraße

Für Grün auf dem Asphalt sorgt der „Stadtgarten“ mit verschiedenen Elementen, etwa mit einer Liegewiese und einem kleinen Strandabschnitt und auch einem großen Beet. Schattig, weil direkt unter einer Baumkrone, ist es auf dem „Turm Natur“ nahe der Pieperstraße. Auf dem Turm finden Besucher verschiedene Pflanzen. Sie können ihren Blick übers Areal schweifen lassen und die Surfanlage sehen. Nahe dem Turm gibt es eine Fotobox für Gratisbilder und Toiletten für „dringende Bedürfnisse“.

Am Sonnabendabend ist auch der „Turm Begegnung“ am Martiniplatz fertig. Mit seiner Tribünenform soll er ein Spielort für Kulturveranstaltungen sein und wird auch gleich mit einer solchen eingeweiht. Immer wieder machen es sich Besucher auf Liegestühlen bequem.

Die Meinungen zum Experiment des grünen Verkehrsressorts gehen auseinander. Yannik Küpker (21), der mit mehreren Freunden zum Werder-Gucken zur Schlachte will, sagt: „Für die Fußgängerzone ist das viel wert.“ Allerdings könne er nicht abschätzen, welche Folgen für das für den motorisierten Straßenverkehr habe.

Ulf Jakob (58) aus Findorff lobt das Projekt. „Super gelungen!“, sagt er. Ihm würde eine bessere Verbindung von der Innenstadt zur Weser gefallen. Dauerhaft könnten vielleicht zwei Spuren der Martinistraße reichen, meint er. Allerdings solle es auch Zufahrts- und Parkmöglichkeiten für Autos zur Innenstadt geben.

Blick aus Richtung Brill über den gesperrten Teil der Martinistraße, der nun zum Erlebnisraum geworden ist.

Ein anderer Besucher ist nicht begeistert und findet den Einsatz der Steuergelder (1,3 Millionen Euro) für das Projekt unverhältnismäßig und den aktuellen Zeitraum in den Ferien nicht repräsentativ. Er befürchtet negative Auswirkungen nach den Sommerferien.

Und der Verkehr? Am Sonnabend kommen vom Brill immer wieder Autos Richtung Absperrung. Manchmal staut es sich. Andere Autofahrer, die von der vielfach angekündigten Sperrung überrascht scheinen, wenden auf der Fahrbahn und fahren zurück Richtung Brill. Ein Mann mit Warnweste an der Absperrung klärt einige Autofahrer auf. Die meisten fahren über die Langenstraße, bei der die Einbahnregelung umgekehrt wurde, zurück gen Brill. Die Anfahrt zum und Abfahrt vom Parkhaus Langenstraße ist ausschließlich über die Straße Tiefer möglich – und wird auch genutzt. Andere Autofahrer kehren um.

Das Experiment „Transformartini“ beinhaltet unterschiedliche Regelungen auf der Martinistraße und dauert zunächst bis April 2022.

Bremer Baugewerbe kritisiert Experiment Martinistraße

Nachdem bereits Handelskammer, City-Initiative und der Gastro-Verband Dehoga die Experimente des grünen Verkehrsressorts auf Bremens vierspuriger Hauptverkehrsache Martinistraße heftig kristiert haben (wir berichteten), hagelte es jetzt weitere Kritik vom Verband Baugewerblicher Unternehmer (VBU) und von der FDP.

Der Verband blickt aus Anlass des Modellvesuchs „mit Sorge“ auf das Investitionsniveau für Erhalt und Ausbau öffentlicher Straßen in Bremen. „Straßen anzumalen oder Blumenkübel aufzustellen, ersetzt nicht zukunftsfähige Investitionen in die Bremer Verkehrsinfrastruktur“, sagte Geschäftsführer Andreas Jacobsen. Eine Nachfrage bei den Betrieben der Landesfachgruppe Straßenbau habe ergeben, dass Bremens Tiefbauunternehmer eine „deutliche Zurückhaltung der öffentlichen Hand spüren, wenn es um den Erhalt und vor allem den Ausbau der bremischen Straßen und Wege geht“. Straßen- und Tiefbauunternehmen seien ganz wesentlich von öffentlichen Investitionen abhängig, hieß es. Jacobsen: „Daher sieht es der Branchenverband kritisch, wenn statt nennenswerter Investitionen vorübergehende Modellprojekte mit Millionenbudgets umgesetzt werden.“ Der VBU wünscht sich von der Politik auf der Grundlage einer kurzfristigen Bestandsaufnahme einen Investitionsplan zum Ausbau und Erhalt der Verkehrswege – und die Finanzmittel dafür. In der Landesfachgruppe Straßenbau im VBU sind den Angaben zufolge vor allem kleine und mittelständische Unternehmen mit insgesamt rund 650 Mitarbeitern zusammengeschlossen. Seinen Sitz hat der VBU an der Martinistraße.

FDP-Chef: „Grüne Tagträumereien“

FDP-Landeschef Thore Schäck spricht bei dem „Prestigeprojekt“ samt Vollsperrung von „grünen Tagträumereien, die zu Lasten von Mensch, Verkehr und Umwelt gehen“. Schon jetzt zeigten sich die Auswirkungen: die Straßen Am Wall und in der Neustadt seien überlastet, es komme zu „deutlichen Verzögerungen und Staus für Auto-, Bus- und Lastwagenverkehr“.

Die Vollsperrung, so Schäck, sei „ein Schlag ins Gesicht für all jene Bremerinnen und Bremer, die auf den Innenstadtverkehr angewiesen sind“. Den Preis dafür bezahlten Händler, Berufspendler und Bremer. „Mit den teils weiträumigen Umfahrungen werden weder Klima noch Lebenszeit geschont“, so der FDP-Chef. Der Verkehr verlagere sich in die umliegenden Straßen. Zudem hält er die Aussagekraft des Versuchs während der Corona- und Ferienzeit für gering. Anstatt sich mit „grünen Tagträumereien zu beschäftigen“ brauche es Konzepte, „die alle Verkehrsteilnehmer einschließen“. (gn)

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