Exklusive Interviews

Existenzbedrohte Lufthansa-Schüler berichten: „Unsere Loyalität ist dem Vorstand nichts wert“

Die Lufthansa hat in den kommenden Jahren keinen Bedarf an Nachwuchspiloten. Deshalb lässt die Betreiberin Lufthansa Aviation Training (LAT) die Ausbildung neuer Piloten an der Verkehrsfliegerschule Bremen auslaufen. Nun berichten die Flugschüler.

  • Schwerer Schock für Flugschüler der Lufthansa Aviation Training der Verkehrsfliegerschule in Bremen.
  • Die Ausbildung neuer Piloten an der Verkehrsfliegerschule Bremen läuft aus.
  • Laut der Schüler sind nun mehrere Existenzen bedroht.

Bremen - Alle rund 700 betroffenen Pilotenschüler und Pilotenschülerinnen der Lufthansa in Bremen blicken in eine ungewisse Zukunft. Auch 150 Bremer Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Gleich mehrere LAT-Schüler treten auf kreiszeitung.de an die Öffentlichkeit und geben exklusive Einblicke.

UnternehmenLufthansa Aviation Training
RechtsformGesellschaft mit beschränkter Haftung
Gründung1955
DachorganisationLufthansa

Florentin, Veronika und Milan sind drei Schüler der Lufthansa Aviation Training Verkehrsfliegerschule in Bremen. Stand jetzt. Denn die Nachricht, die sie und ihre Mitschüler am Dienstag erhielten, schlug ein wie eine Bombe: Die rund 700 Flugschüler wurden in einem Webcast dringend aufgefordert, sich einen neuen Berufsweg zu suchen und jetzt die Schule ohne finanzielle Verpflichtungen zu verlassen. Im Gespräch mit kreiszeitung.de geben die drei - deren Namen wir anonymisiert haben - exklusive Einblicke in ihre derzeitige Horror-Situation.

Bremer Nachwuchspiloten stehen vor dem Nichts: Schock sitzt extrem tief

„Der Schock sitzt extrem tief bei uns, ich kann es immer noch nicht glauben, was da passiert ist“, verrät Flugschüler Milan einen Tag nach dem Webcast mit der Geschäftsführung der LAT und Vertretern der Geschäftsführung von Lufthansa und Eurowings. „Jede Sicherheit, die uns hier versprochen wurde, wurde innerhalb einer Videokonferenz zunichtegemacht, viele von uns stehen mit viel Ungewissheit vor dem absoluten und existenzbedrohenden Nichts.“ Vor ein paar Tagen habe die Welt der Schüler noch ganz anders ausgesehen.

Den Hintergrund erläutert Kollege Florentin: „Die Lufthansa Gruppe steht unter einem enormen finanziellem Druck. Die Schülerschaft hat absolutes Verständnis und würde auch gerne einen Beitrag zur Überwältigung der Krise leisten.“ Gemeint seien dabei beispielsweise Verlängerungen von Fristen oder Schulungspausen. Die Motivation diesen Weg mit dem Unternehmen gemeinsam zu gehen, sei enorm groß gewesen.

Pilotenausbildung Bremen: Lufthansa hat keinen Dialog mit Schülern geführt

Doch jetzt sei die böse Überraschung gekommen: „Die Flugschule ist in keinem Moment an die Schülerschaft herangetreten um solche Dinge zu besprechen. Im Gegensatz: Sie setzen uns Schüler ab sofort vor vollendeten Tatsachen mit einer perspektivlosen Lösung unter Druck.“ Trotzdem habe das Unternehmen mehrere Monate bis zum Webcast versichert, eine geeignete Lösung für alle Beteiligten zu finden.

Eines der ausrangierten Schulflugzeuge der Lufthansa Aviation Training (LAT) vom Typ Piper Cheyenne IIIA ist vor dem Komplex der Lufthansa Verkehrsfliegerschule in Bremen als Ausstellungsobjekt zu sehen.

In der Praxis folge nun das Gegenteil einer geeigneten Lösung für alle Beteiligten. Florentin erklärt: „Um so vielen Schülern wie möglich Angst zu machen und zum freiwilligen Ausstieg zu bewegen, wird mit den in 5 Jahren fälligen Ausbildungskosten gedroht, um die Schüler unter finanziellen Druck zu setzten.“ Laut dem Flugschüler gehe das Unternehmen diesen Weg, da es rechtlich keine einfache Möglichkeit gebe, ihre Verträge zu kündigen.

Lufthansa Bremen: Ausbildungsfortsetzung koste mehr als 100.000 Euro

Diese Ausbildungskosten belaufen sich für die Schüler abhängig vom Lehrweg auf 60.000 Euro für die sogenannte ATPL-Lizenz - also der eher klassische Weg zum Piloten - und je nach Vertrag 80.000 bis 95.000 Euro für die MPL-Lizenz, mit der Piloten ausschließlich in der Lufthansa Gruppe arbeiten dürfen.

Die Schulleitung der Flugschule habe den Schülern am Donnerstagnachmittag mitgeteilt, dass zu zusätzlich zu den Schulungskosten weitere 35.000 Euro für die sogenannte Musterberechtigung fällig werden würden, sodass insgesamt eine Rückzahlung von 115.000 bis 130.000 Euro fällig werden würde, sollte ein Flugschüler seine Ausbildung weiter machen wollen. Bis Donnerstagvormittag sei von der Musterberechtigung noch keine Rede gewesen.

Pilotenausbildung Bremen: Keine monatliche Rückzahlung mehr möglich

Das Unternehmen habe den Schülern vor der Ausbildung versprochen, das Darlehen für die Ausbildung zu gewähren und durch die anschließend versprochene Arbeitsstelle, der finanziellen Verpflichtung durch monatliche Abschottung des Gehaltes nachkommen zu können. Ohne Arbeitsstelle seien die Kosten nach 5 Jahren sofort und in voller Höhe fällig.

Keine Zukunft für Piloten: Bremer Lufthansa-Flugschüler sollen sich einen anderen Job suchen.

MPL-Lizenz auf freiem Markt „praktisch wertlos“

Flugschülerin Veronika erklärt: „Wichtig zu wissen an dieser Stelle ist, dass die MPL-Lizenz auf dem freien Markt praktisch wertlos ist, weil außer der Lufthansa Group kaum eine Airline MPL-Schüler einstellt“, und sie ergänzt: „Wollte man aber nach der harten Selektion sich die Möglichkeiten bei Lufthansa, Austrian Airlines, Lufthansa Cityline und den restlichen Lufthansa-Group Airlines zu fliegen, von Beginn an nehmen und sich nur auf die Eurowings Group beschränken? Aus diesem Grund haben ich und alle anderen Kollegen die MPL-Lizenz gewählt. Für unsere berufliche Zukunft gab es keinen anderen Weg, der ins Cockpit einer Lufthansa Airline geführt hätte.“
 

Und genau mit dieser MPL-Lizenz seien viele Schüler gelockt wurden: „Es wurden junge Menschen aus dem Studium oder aus Arbeitsverhältnissen mit teilweise falschen Versprechen gelockt. Jetzt sollen sie skrupellos mit allen Mitteln des maximalen Risikos ausgesetzt werden, um sie zum freiwilligen Ausstieg zu zwingen“, verrät LAT-Schülerin Veronika.

Kostenloser Ausstieg für viele keine Option

Der kostenlose Ausstieg sei für viele jedoch keine Option. Die bisherige Zeit hätte man umsonst investiert. Man stehe ohne Lizenz da und habe sich in dieser Zeit ohne Einkommen den Unterhalt selbst finanziert. Milan erklärt: „Wir wurden mit der MPL-Lizenz und seinen Jobaussichten innerhalb der Lufthansa-Group geködert und werden jetzt einfach hängen gelassen.“

Weiter verrät der Flugschüler: „Die MPL-Schüler, die jetzt nicht mehr an den konzerneigenen Flugschulen ausgebildet werden sollen, können sich für eine Weiterführung ihrer Ausbildung an externen Anbietern entscheiden.“ Doch dabei gebe es einen entscheidenden Haken: „Die Geschäftsführung hat am 29. September kommuniziert, dass man dann nicht garantieren kann, für einen Job im Cockpit einer Lufthansa Group Airline berücksichtigt zu werden, wenn in ein paar Jahren wieder Nachwuchs benötigt werden würde. Die Sicherheit berücksichtigt zu werden, war wesentlich für unsere Zukunft.“ Weiterzumachen sei somit nicht nur ein Risiko, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit aussichtslos.

Wer die Ausbildung entgegen dem Druck der Lufthansa dennoch zu Ende führen wolle, müsse nach Aussagen der Schüler die 115.000 bis 130.000 Euro (Schulungskosten und spezielle Musterberechtigung) bezahlen und hätte anschließend keinerlei berufliche Perspektive - die Schüler würden sich in einer Sackgasse befinden.

Schülerschaft: „Haben riesigen Vertrauensvorschuss geleistet“

Dabei habe die Schülerschaft lange zu dem Unternehmen gehalten und „einen riesigen Vertrauensvorschuss an die Lufthansa geleistet“, beschreibt Milan die Situation. Dafür habe die Schülerschaft sogar unter dem Motto „#WeAreInThisTogether“ eigeninitiativ ein öffentliches Video auf YouTube an den Vorstand gerichtet, um ihre Loyalität und ihren Zuspruch für ein gemeinsames Bewältigen der Situation auszusprechen.

Keiner der Schüler habe erwartet, dass man unter den jetzigen Umständen nach der Ausbildung direkt einen Arbeitsplatz bei einer der Lufthansa-Group Airlines findet. Man erwarte aber, dass die Schulungsverträge zu den darin festgelegten Konditionen zusammen mit den getätigten Versprechen, sich einer harten Selektion zu unterziehen, um dann bei Bedarf ein Arbeitsplatzangebot zu erhalten, erfüllt werden, erklären die Schüler. Die Bereitschaft, sehr lange Zeit darauf zu warten, sei ebenfalls in dem Video-Statement der Flugschüler zu sehen.

Flugschüler in Bremen: „Fernab von Moral“

Doch das Fazit von Milan: „Unsere Loyalität ist dem Vorstand nichts wert. Stattdessen werden nun Existenzen bedroht.“ Damit meint der LAT-Schüler vor allem ältere Kollegen - Anfang und Mitte 30 - mit Familien, die nicht nur eine berufliche Perspektive verlieren würden, sondern ab sofort stark um ihre Existenz fürchten müssten: „Aber auch für jüngere Kollegen ist dieser Zustand fernab von Moral und untragbar“, so Milan.

Lufthansa: Social-Media-Auftritt macht Schüler fassungslos

Über den Social-Media-Auftritt des Unternehmens ist Schüler Florentin fassungslos: „Aus aktuellem Anlass würde ich gerne auf einen Facebook-Post hinweisen, der am Mittwoch auf der Karriereseite BeLufthansa erschienen ist.“ Darin erzähle ein Pilot über seine Erfahrung im Beruf bei der Lufthansa, mutmaßlich als Werbung für eine Karriere bei der Lufthansa.

Der Post beinhalte auch den Hashtag #OurPeopleAreOurBrand. Das Ganze sei einen Tag nachdem 700 Schüler von ihrem Ausbildungsende in Bremen erfahren haben, geschehen. Mittlerweile ist der Post wieder runtergenommen. Uns liegt ein mutmaßlicher Screenshot von dem Beitrag vor. Für Florentin sei „diese Rücksichtslosigkeit nicht zu glauben.“

Lufthansa Bremen: „Situation in aller Transparent und Deutlichkeit erklärt“

Die Lufthansa Gruppe äußerte sich auf Nachfrage von kreiszeitung.de ebenfalls: „Wir haben unseren Flugschülern die Situation in aller Transparenz und Deutlichkeit erklärt und ihnen dazu geraten, sich beruflich neu zu orientieren.  Dabei unterstützen wir sie, indem wir anbieten, ihren Schulungsvertrag vorzeitig und kostenfrei zu beenden. Auf diese Weise entfallen für die Flugschüler auch spätere Rückzahlungsverpflichtungen im Rahmen des Stundungsmodells. Sign-On-Boni in Höhe von je 20.000 EUR müssen die Flugschüler auch nicht an LAT zurückzahlen.“

Weiter heißt es von der Lufthansa: „Wir haben eine Reihe von emotionalen Briefen, E-Mails und auch Videos von den Flugschülern erhalten. Viele Schüler glauben weiterhin an eine Zukunft für die Lufthansa Group. Das tun wir auch und sind dafür Tag und Nacht im Einsatz. Aber wir können die Augen nicht vor der Realität verschließen. Wir bedauern die Entwicklung zutiefst, die eingeleiteten Schritte sind aber mit Blick auf die wirtschaftliche Lage für uns ohne Alternative.“

Sie führt fort: „Uns ist bewusst, dass wir von allen Beteiligten viel Geduld abverlangt haben. Die Thematik ist komplex. Strategische Unternehmensentscheidungen durchlaufen mehrere Prozesse und Gremien und werden nicht leichtfertig getroffen. Seit Monaten sind wir im Dauereinsatz, um eine marktfähige Lösung für Flugschüler, aber auch für unsere Mitarbeiter zu finden. Dies hat leider bis Ende September gedauert. Viele Hochschulen, wie auch die HS Bremen, bieten verlängerte Einschreibefristen bis zum 20. Oktober an. Unser Student Support Team berät die Schüler hier bezüglich der Optionen.“

Rubriklistenbild: © Ingo Wagner/dpa/picture alliance

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