Spektakuläre Libeskind-Pläne platzen

Bremen und die Schapiras: Keine Einigung über Dimension der Brill-Bauten

Den denkmalgeschützten historischen Sparkassen-Bau erhalten, hinter ihm vier Türme unterschiedlich hoch aufragen lassen – so sahen es die Skizzen aus dem Studio Libeskind vor.
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Den denkmalgeschützten historischen Sparkassen-Bau erhalten, hinter ihm vier Türme unterschiedlich hoch aufragen lassen – so sahen es die Skizzen aus dem Studio Libeskind vor.
  • Thomas Kuzaj
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Bremen – Das war‘s. Aus! Vorbei! Auf dem Sparkassen-Areal an der Brill-Kreuzung entsteht kein Neubau. Das haben die Investoren Pinchas und Samuel Schapira, die das Sparkassen-Grundstück übernehmen, entschieden und am Montag mitgeteilt. Nach langem Hin und Her zwischen Stadt und Investoren sind damit die Brill-Entwürfe des US-Stararchitekten Daniel Libeskind „definitiv vom Tisch“, wie ein Sprecher es formulierte. Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) bedauert die Entwicklung.

Für die Neugestaltung der Bremer Innenstadt ist die Schapira-Entscheidung ein Rückschlag. „Wir hätten am Brill gerne ein Leuchtturmprojekt mit großer Strahlkraft über die Bremer Landesgrenzen hinaus realisiert. Wir akzeptieren und respektieren jedoch die Entscheidung der Stadt“, erklärten die Brüder Schapira.

Denn die Stadt, die hatte sich von den Schapira-Plänen abgewandt – schon während der rot-grün-roten Koalitionsverhandlungen vor einem Jahr. Eine Piazza und vier ovale und begrünte Türme hatte Libeskind für das 11. 000-Quadratmeter-Areal vorgeschlagen. Gerade wegen ihrer Dimension hatten diese Pläne für sehr kontroverse Diskussionen gesorgt.

Aus für Libeskind-Pläne in Bremen: Ausmaß des Baus passt nicht in die Stadtsilhouette

Libeskinds Türme sollten unterschiedlich hoch sein und symbolisch für die vier Bremer Stadtmusikanten stehen. Der höchste Turm war im Entwurf nur zwei Meter niedriger als der Dom (98 Meter). Die Dom-Höhe gilt in Bremen seit Jahrzehnten als architektonische und stadtplanerische Richtschnur.

Höhe schafft Fläche – interessant für Investoren. Und so war es von Beginn an auch eine Flächendiskussion. Was ist angemessen für die Stadtsilhouette? Das war die Frage. Vor einem Jahr einigten SPD, Grüne und Linke sich in ihren damaligen Koalitionsgesprächen darauf, dass am Brill deutlich kleiner gebaut werden soll. Der Bau müsse sich in das Gesamtbild der Stadt einfügen, hieß es. Auch ein Architekturwettbewerb sei denkbar, Daniel Libeskind könne sich daran ja beteiligen. Als die Sparkasse, die im Oktober in ihren Verwaltungs-Neubau im Technologiepark zieht, das Areal verkaufte, galt eine Bruttogeschossfläche von 42.000 Quadratmetern als städtebaulich vertretbar.

Ergebnis eines anschließenden Wettbewerbs war, dass 48. 000 Quadratmeter als gerade noch tolerabel galten. Die im April vorigen Jahres präsentierten Libeskind-Entwürfe aber hatten eine Bruttogeschossfläche von 72.000 Quadratmetern. Nach der Koalitionsbildung kam weiterer Schwung in das Bruttogeschossflächen-Gefeilsche hinter den Kulissen. Bausenatorin Schaefer schrieb an die Investoren, Funkstille folgte. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) intervenierte. Er traf sich in Hamburg mit den Schapiras, ohne Schaefer zuvor einzuweihen.

Aus für Libeskind-Pläne in Bremen: Shapiras lehnen Angebot ab - nach Sanierung vorwiegend Büroflächen-Vermietung

Die Sache kam wieder in Gang, die Investoren legten einen neuen Entwurf vor – Bruttogeschossfläche jetzt: 56. 000 Quadratmeter. An der Ecke Faulen-/Hankenstraße sollte ein 16-stöckiger Bau entstehen (Vergleich: das Siemens-Hochhaus hat 14 Geschosse). Vor etwa vier Wochen schrieben Bovenschulte, Schaefer und Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) an die Schapiras, wiesen noch einmal auf die städtebaulichen Vorgaben hin und gaben ihrer Vorfreude auf weitere konstruktive Gespräche Ausdruck.

Die Antwort kam am Montag via Mitteilung an die Presse: „Aus Investorensicht ist ein Rückbau der Bestandsgebäude mit anschließender Wiederherstellung von Baukörpern ähnlicher Größe bei den zu erwartenden Gesamtkosten unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht vertretbar.“ Nach einer Sanierung werde man dort vorwiegend Büroflächen vermieten.

Senatorin Schaefer: „Dass der Investor jetzt über eine Pressemitteilung bekannt gibt, lediglich den Gebäudebestand zu entwickeln und keine städtebauliche Aufwertung des Areals vornehmen will, ist sehr bedauerlich.“

Der „mutige“ Libeskind-Entwurf hätte weiterentwickelt werden müssen, kommentierte die oppositionelle CDU. Die Entwicklung sei enttäuschend, so der CDU-Abgeordnete Heiko Strohmann. „Der Senat hat durch seine Mutlosigkeit dieses Leuchtturmprojekt für Bremen verhindert“, kritisierte Thore Schäck von der FDP.

Zum Bremer Libeskind-Aus ein Kommentar von Thomas Kuzaj: „Rückschlag für die Innenstadt“

Sie waren groß, Daniel Libeskinds Pläne für das Brill-Areal, sehr groß. Ehrlich gesagt: zu groß. Die vier Türme des US-Architekturstars hätten Bremens Skyline deutlich verändert. So weit, so normal – eine Stadtsilhouette bleibt nicht ewig gleich. Aber man muss behutsam mit ihr umgehen, Neues und Gewachsenes in Einklang bringen. Eben das wäre mit Libeskinds vier Riesen-Brummern nicht möglich gewesen. Sie hätten die Proportionen gesprengt, sich nicht harmonisch eingefügt.

Bremen hat schon beim Kühne-und-Nagel-Neubau am (vom Brill aus gesehen) anderen Ende der Martinistraße nicht aufgepasst. Da steht nun ein Trumm an der Weser, der zu wuchtig ist für seine Umgebung. Dennoch ist es schade, dass aus den Libeskind-Plänen – wenn sie denn ernst gemeint waren und nicht nur mit dem Star-Appeal blenden sollten – nichts wird. Wäre es nicht doch ein paar Nummern kleiner gegangen? „Es ist nichts in Stein gemeißelt“, so Nina Libeskind, Ehefrau des Architekten, im April vorigen Jahres. Man könne auch umplanen. Investoren wollen Geld verdienen, das ist ihr gutes Recht. Dazu brauchen sie Fläche. Trotz monatelanger Verhandlungen, trotz aller Geheimdiplomatie ist es Bremen aber nicht gelungen, die Brüder Schapira von den bremischen Größenvorstellungen zu überzeugen.

Schade! Denn Bremen ringt gerade um eine Neudefinition des Begriffs „Innenstadt“. Was zieht Menschen in die City oder überhaupt in eine Stadt, wenn Einzelhandel es nicht mehr so kann wie einst, wenn Kaufhäuser schließen? Eine Antwort auf diese Frage: Architektur! Bestes Beispiel, wenn man‘s in Bremen auch nicht gerne hören mag: Hamburg. Als spektakuläres Bauwerk lockt die Elbphilharmonie viele, viele Menschen an. Und nicht alle fahren dort allein wegen der Musik hin. Die Libeskind-Pläne wären eine Architektur-Attraktion gewesen. Hotels und Wohnungen unterschiedlicher Kategorie, die Bremen so dringend braucht, waren vorgesehen. Daraus wird nun nichts, jetzt gibt es vorwiegend Büroflächen im alten Bestand. Büros allein aber sind keine Option für die Zukunft einer Innenstadt.

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