Unterkunft mit Orgel und Kreuz - Flüchtlinge ziehen in Gotteshaus

Bremen - Von Helen Hoffmann. Muslimische Flüchtlinge werden künftig in einem katholischen Gotteshaus in Bremen leben. Wenn sie ihren Blick nach oben richten, sehen sie bunte Kirchenfenster und ein großes Kreuz. Ist das ein Problem für sie?

Altar und Taufbecken sind mit Holzplatten umbaut. Kirchenbänke stehen nur noch auf der Empore in der Nähe der Orgel. Im Innenraum des katholischen Gotteshauses in Bremen stehen rund 20 Quadratmeter große Wohneinheiten aus hellem Holz. Es sind kleine Abteilungen mit Türen. Sie sollen für vorerst ein Jahr das neue Zuhause für 40 muslimische Flüchtlinge werden, die bislang in einer nahe gelegenen Turnhalle lebten. Die katholische Kirchengemeinde St. Franziskus ist die erste Gemeinde in Bremen, die ihr Gotteshaus für Flüchtlinge umgebaut hat.Nach Angaben von Pfarrer Johannes Sczyrba gibt es auch bundesweit noch keine katholische Gemeinde, die Flüchtlinge in ihrer Kirche aufgenommen hat, ohne das Gotteshaus zu säkularisieren. „Wir bleiben hier, wir geben die Kirche nicht auf“, sagt der Pfarrer. Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) lobt den Einsatz der Gemeinde. „Das ist gelebte Nächstenliebe“, sagt sie bei der Besichtigung der neuen Flüchtlingsunterkunft. Gottesdienste will Pfarrer Sczyrba künftig im Gemeindesaal halten. Einige Gegenstände wie das Marmorbild, der Opferständer und das ewige Licht sind dorthin umgezogen. „Wir wollten so viel wie möglich aus der Kirche rüberholen“, erklärt er. Das große Kreuz, die Orgel auf der Empore und die bunten Fenster sind geblieben. Auch Altar und Taufbecken stehen an ihrem Platz, sind aber durch die Holzummantelung nicht mehr sichtbar. Die Gemeinde hat die neue Nutzung des Gotteshauses mit gemischten Gefühlen aufgenommen. „Es waren natürlich einige Leute geschockt“, erzählt Sczyrba. Aber: „Dass wir in der derzeitigen Situation helfen, ist für uns als Kirche selbstverständlich.“ Letztlich sei die Solidarität groß, nicht nur bei den Gemeindemitgliedern, sondern auch bei den Nachbarn. Gottedienste finden nun im Gemeindesaal statt, die knapp 50 Sitzplätze dort reichen aus. „Für den normalen Sonntag ist das ok“, sagte der Pfarrer. Bei besonderen Anlässen könne man in andere Gotteshäuser ausweichen.

Die ersten Flüchtlinge konnten sich ihre neue Unterkunft am Donnerstag ansehen. „Es ist etwas Besonderes“, sagt der 25 Jahre alte Hasan, der aus Syrien geflohen ist und seit drei Monaten in Deutschland lebt. Über die abgetrennten Wohneinheiten zeigte er sich erfreut. „In der Turnhalle haben wir alle in einem Raum gelebt“, sagt er. Dass er als Muslim künftig in einem katholischen Gotteshaus mit sichtbarem Kreuz an der Wand wohnen wird, sei kein Problem. So locker wie Hasan und seine Freunde, die sich die neue Unterkunft als erste ansehen durften, sind nach Angaben von Senatorin Stahmann nicht alle gewesen. Angst vor Zwangsmissionierung habe es schon gegeben, sagt sie. Aus religiöser Sicht sehen die neuen Bewohner nach ihren Worten aber keine Probleme:

„Jesus gehört für die Muslime zu den Propheten.“ Die Geschäftsführerin des Katholischen Gemeindeverbandes, Sonja Glasmeyer, betont: „Uns war es ganz wichtig, dass die geflüchteten Menschen sich frei entscheiden können, ob sie in einer katholischen Kirche wohnen möchten.“ Die Nutzung der Kirche als Flüchtlingsunterkunft ist zunächst für ein Jahr befristet. Dass Wohnraum vielleicht auch länger gebraucht wird, ist der katholischen Kirche bewusst. „Wenn die Stadt möchte, kann es auch zwei, drei Jahre länger gehen“, sagt Glasmeyer. Sie hofft trotzdem, dass für die Flüchtlinge anderer Wohnraum geschaffen wird.

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